A growing organism

Eine Lanze für die Sacherschließung

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 8. April 2014

Die Studierenden in meinem Seminar “From library catalogs to discovery interfaces” sollten sich neulich Gedanken über den Zweck des Kataloges machen. Ein Ergebnis hat mich beeindruckt, es lautete:

delivering relevant results for the search

Einen ähnlichen Auftrag beschreiben auch die relativ oft zitierten User Tasks in den Functional Requiremens for Bibliographic Records:

select an entity that is appropriate to the user’s needs (i.e., to choose an entity that meets the user’s requirements with respect to content, physical format, etc., or to reject an entity as being inappropriate to the user’s needs)

Was folgt aber daraus, wenn man dem Katalog – oder dem Discovery Tool – eine solche Aufgabe zuweist? Über den “beratenden Katalog” haben wir auf dem BibCamp 2010 schon mal nachgesonnen, und in der ersten Phase des beluga-Projektes hatte Uschi Schulz Ideen entwickelt, wie man klassische bibliothekarische Sacherschließungsdaten im Kontext von Discovery-Projekten besser nutzen könnte. Heidrun Wiesenmüller wirbt schon seit Jahren dafür, diese Daten “härter arbeiten zu lassen“, und Magnus Pfeffer macht Vorschläge, wie man die Erzeugung dieser Daten mit automatischen Verfahren vereinfachen könnte – was nur zu begrüßen wäre, wenn man große Metadatenmengen aus Bibliotheken einmal genauer unter die Lupe nimmt und feststellt, dass der Anteil an “sacherschlossenen” Titeln doch relativ klein ist.

Wirklich viel passiert ist in der Praxis allerdings nicht. BibliothekarInnen, die Sacherschließung machen, kritisieren seit der ersten  Stunde von Discovery-Systemen ihre fehlende Anbindung an Normdateien – und in der Tat ist es doch unbestreitbar eine Verschlechterung, wenn wir auf eine automatische Expansion einer Suchanfrage zum Beispiel um andere Ansetzungsformen eines Namens verzichten müssen. Das bringt uns zwar dem “beratenden Katalog” auch noch nicht näher, erklärt aber einmal mehr die ausbleibende bibliothekarische Liebe zu den Discovery-Systemen.

Allgemein scheint erwartet zu werden, dass die Volltextindexierung die Erschließung mit Schlagworten überflüssig macht. Wird deswegen nicht mehr in das Gebiet der Sacherschließung investiert? Ich hatte kürzlich eine interessante nächtliche Küchentisch-Diskussion mit einer Freundin darüber, und offenbar scheint es nicht nur ihr, sondern auch vielen anderen SacherschließerInnen so zu gehen, dass für eine qualitätvolle Arbeit nicht genügend Zeit bleibt. Wie gesagt: Die Diskussion fand tief in der Nacht statt, und dann scheinen die Schatten vielleicht etwas länger als sonst – aber die Frage, die im Raum hing, treibt mich immer noch um: Leisten wir damit, dass wir das klassische Feld der Sacherschließung aushungern, einer De-Professionalisierung unseres Berufs Vorschub?

Zugegeben: Auch ich schimpfe gern über die Inkonsistenzen und Spärlichkeiten in der Erschließung und lache ebenfalls gern über die bisweilen unfreiwillige Komik von RSWK-Ketten. Und im Rahmen des beluga-Projektes war die Leitung der AG Thematische Recherche, die sich mit der Entwicklung von entsprechenden Funktionen für das neue Tool beschäftigt hat, vermutlich eine der größten Herausforderungen für mich, weil mir die Anspruch und Wirklichkeit der professionellen bibliothekarischen Sacherschließung so weit entfernt schien von den Bedürfnissen der NutzerInnen, die wir in den teils ergreifenden Videos aus den Usability-Studien ermittelt hatten (“Wenn ich keine Ahnung von dem Thema habe, nützt mir die Beschreibung im Katalog überhaupt nichts”) und die die KollegInnen für mein Gefühl zu oft unbeeindruckt gelassen haben.

Insofern habe ich durchaus ein zwiegespaltenes Verhältnis zur Sacherschließung, wie wir sie kennen. Aber ich denke auch, dass man die vorhandenen Daten im Wiesenmüller’schen Sinn besser nutzen kann, und dass das Wissen von SacherschließerInnen sich ausgesprochen nützlich erweisen kann, wenn man die bestehenden Praktiken renovieren will – zum Beispiel in Richtung eines beratenden Kataloges, der das bibliothekarische Wissen darüber, was “gute” Publikationen ausmacht, sichtbar macht und zur Diskussion stellt. Wie immer wird auch das eine Gratwanderung sein: Auf der einen Seite steht der Bedarf der NutzerInnen nach einer aussagekräftigeren Erschließung von Medien, die rasche und verlässliche Antworten zu deren Qualität und Relevanz gibt. Auf der anderen Seite stehen die durchaus richtigen bibliothekarischen Tugenden wie die Neutralität und – etwas impliziter – die vorsichtige Zurückhaltung in der Beratung. Diese verkaufen wir in unserem Bemühen um NutzerInnen-Orientierung vermutlich zu oft unter Wert – und sind gleichzeitig zu wenig offensiv und transparent mit unserem Wissen darüber, welche Kriterien man zur Qualitätsbeurteilung heranziehen kann.

Meinem Eindruck nach hört auch unsere Begleitung zu früh auf: Wir zeigen, wie die Benutzung von Katalogen oder Discovery Systemen funktioniert, aber bei der Auswahl von Literatur lassen wir unsere BenutzerInnen dann lieber allein. Die gängige Sacherschließung bietet nicht genug Unterstützung dabei – entweder weil zu wenig Literatur überhaupt sacherschlossen ist (was man mit automatisierten Verfahren beheben könnte) oder weil die Sacherschließung zu wenig Aussagekraft hat, um die Selektion im Sinne der anfangs zitierten Aufgabendefinition des Katalogs zu ermöglichen.

Vielleicht einmal Zeit für ein neues Katalog-Projekt, Arbeitstitel: “The Sachkatalog strikes back!”. Das Ziel? Die Re-Professionalisierung des Katalogs! Alle bisherigen Ideen für die Nutzung und Erstellung von Sacherschließungs-Daten werden ausprobiert und in unerschrockenem Wagemut so weiterentwickelt, dass die NutzerInnen in der Evaluation sagen: “Mensch, das Ding hat mir jetzt aber echt geholfen bei meiner Suche nach Literatur zu Thema XY”. Ein Katalog-Projekt nur von (Sach-) KatalogisiererInnen – die anderen üblichen Verdächtigen bei Katalog-Projekten dürfen höchstens assistieren. Schade bloß, dass die Truppe so wenig Zeit zu haben scheint.

Über demografischen Wandel in Bibliotheken- und, natürlich, auch ein bisschen über Discovery

Posted in Berufsbild, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 11. Januar 2014

In den Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist kürzlich ein Band erschienen, der sich mit der Motivation von MitarbeiterInnen in wissenschaftlichen Bibliotheken beschäftigt. Zu den entsprechenden Möglichkeiten für Führungskräfte gibt es wenig Neues zu sagen, wie Autor Stefan Wiederkehr selbst feststellt – die Handlungsspielräume sind eng, viel mehr als das Erkennen und Reagieren auf individuelle Motivatoren und eine generelle Fürsorglichkeit zur Beförderung des Betriebsklimas sind nicht drin. 

Was die Arbeit besonders interessant macht sind die Zahlen, die Wiederkehr erhoben hat. An sich auch wenig überraschend, aber nun n Zahlen für unsere Branche belegt: Die Altersstruktur in Bibliotheken hat sich in den vergangenen 10 Jahren stark verändert: Der Anteil von über 50-Jährigen ist von 31 auf 43% gestiegen, der von unter 25-Jährigen von 19 auf 14% gesunken. Noch drastischer sieht es aus, wenn man nur auf die Gruppe der AkademikerInnen schaut, da ist der Anteil der über 50-Jährigen von 26,9 auf 42,7% gestiegen.

Warum ich das erwähnenswert finde? Unter anderem im Zusammenhang mit dem Eindruck, dass sich immer weniger KollegInnen für Führungspositionen finden lassen. Ich wundere mich darüber, dass auch große Bibliotheken in attraktiven Städten für ihre A11-Stellenausschreibungen Bewerbungsfristen verlängern müssen, wie man unlängst auf InetBib beobachten konnte. Ich nehme an, dass es an BewerberInnen mit relevanter Führungserfahrung gefehlt haben wird – und schließe daraus, dass zur Vermeidung dieses Personalmangels geboten ist, den jungen KollegInnen Gelegenheit zu geben, zum Beispiel im Rahmen von Projekten Führungserfahrungen zu sammeln. Auf der ALA-Konferenz in Chicago, die ich im vergangenen Jahr besucht habe, wurde sich gleich mehrere Vorträge mit der gezielten Förderung der jüngeren Generation von Bibliotheksbeschäftigten auseinandergesetzt – vielleicht sollten wir das hierzulande auch einmal tun? Es wird viel auf alternsgerechtes Arbeiten geschaut, aber die gezielte Entwicklung der jungen Generation ist die andere Seite der Medaille.

Dass sich die Investition in die jüngere Generation lohnt, zeigt eine weitere Zahl: In den letzten 10 Jahren ist der Gesamtanteil der Bibliotheksbeschäftigten in allen drei Statusgruppen in etwa gleich geblieben – eher sogar gestiegen als gesunken. “Eat that, Kathrin Passig!” möchte man rufen, wenn man nicht noch ein paar Brocken aus dem Daseinsberechtigungs-Entziehungs-Versuch aus dem letzten Herbst im Halse stecken hätte.

Mir ist bei dem viel diskutierten Aufsatz aber nicht nur wegen der anderswo kritisierten Punkte schlecht geworden, sondern zugegebenermaßen auch deshalb, weil ich auch applaudieren wollte – und zwar dort, wo uns geweissagt wurde, dass bibliothekarische Angebote in der Bedeutungslosigkeit verschwinden werden, weil die Hürden für ihre Benutzung zu hoch sind.

Seither geht mir das Bild von der Lessing’schen Ringparabel nicht aus dem Kopf, wenn ich an die drei Bereiche denke, die wir alle gern als lebensrettend bzw. identitätsstiftend für Bibliothek und Berufsstand heranführen:

  • Informationskompetenz
  • Lernräume und Neubauten mit Wow-Effekt
  • Discovery-Systeme und Digitalisierung

Ob sich wohl eines der Themen langfristig als das echte, das lebensrettende herausstellen wird? Mit welchen Diensten schaffen wir es, eine unverzichtbare Verbesserung für unsere NutzerInnen zu schaffen – ganz im Sinne des im Twitterversum begeistert zitierten Satzes von R.D. LankesWe don’t save libraries by saying “look how important we are,” we save them by being important. 

Trotz einer erwachenden Bau-Zuneigung und unverbrüchlicher IK-Verbundenheit ist mein liebstes doch das Discovery-Thema – und es wurde schon mehrfach totgesagt (u.a. hier oder hier). Aber der Dortmunder Kollege Hans-Georg Becker hat meinem eigenen, bisweilen schwindenden Mut auf die Sprünge geholfen, als er im Rahmen eines Summon-Anwendertreffens sagte:  “Discovery-Systeme sind eine alternativlose Brückentechnologie auf dem Weg der Bibliotheken ins Web.” Ja, das Entdecken von Literatur findet meistenteils jenseits von Bibliothekskatalogen statt – aber beim Einsatz von Discovery-Systemen lernt man was es bedeutet, die eigenen Daten in anderen Kontexten nutzbar zu machen – und damit die eigene Bibliothek irgendwann für irgendwen wichtig zu machen, um bei der Effektivitätsmessung nach Lankes zu bleiben.

Und schließlich muss man dem Thema vielleicht auch einfach mehr Zeit geben. Jakob Voß verglich den Effekt des Webs auf die gesamte Informationswissenschaft kürzlich mit dem Sputnik-Schock – und ich finde, er hat da nicht zu hoch gegriffen, eher noch im Gegenteil. Die berühmte Schock-Starre erkennt man noch an den vielerorts im Einsatz befindlichen Web-OPACs mit Design im Look von 1998. Aber wer weiß, vielleicht haben am Ende doch die Recht, die an 1998 festhalten und erst wieder auftauchen, wenn Bibliothekskataloge ausgestorben sind und ein paar kommerzielle Dokumentlieferdienste in Kooperation mit ausgewählten Großeinrichtung für Literaturnachweis und -lieferung sorgen? Was solche Fragen angeht, freue ich mich schon auf die Vogel-Perspektive der Lehre: Ab März werde ich mit deutschen und ausländischen Studierenden an der HAW Hamburg den Weg “From library catalogs to discovery interfaces” nachvollziehen und über etwaige Erkenntniszuwächse berichten.

Fakten zur Discovery-Beziehungskrise

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 16. September 2013

Drei Kollegen von der Universitätsbibliothek im belgischen Liège eine Umfrage unter BibliothekarInnen dazu gemacht, wie sie Discovery-Systemen wahrnehmen. Die Ergebnisse ihrer Studie haben sie letzte Woche in auf einem Ex-Libris-Anwendertreffen Berlin präsentiert – und zwar unter dem schönen Titel: “Where are my MARC-Records? Librarians’ Perceptions of Discovery Tools”. Eine hoch interessante und wichtige Arbeit!

François Renaville, Laurence Richelle und Paul Thirion haben ihre Umfrage nach der Einführung von Primo im Februar 2013 gestartet – und waren zuerst einmal überrascht von dem großen Rücklauf, denn von 115 KollegInnen haben 72 mitgemacht und zu 22 Statements zu Discovery-Systemen Stellung genommen. Erste Erkenntnis, so kam es mir beim Lesen vor: Das Thema Discovery bewegt die Belegschaft, und in der Tat bestätigt auch die Mehrheit, dass Discovery-Systeme in Zukunft eine zentrale Rolle spielen – wenngleich allerdings der These, dass Discovery-Tools sich in Konkurrenz zu Google befinden, für meine Begriffe überraschend vehement abgelehnt wird. Überraschend finde ich das deshalb, weil wir doch seit Jahren lesen, dass die Informationssuche eben mit Google beginnt. Besteht immer noch die Illusion, dass Universitätsbibliotheken ein Monopol auf wissenschaftliche Informationen haben?

Fast 60% der Befragten halten die Reduktion auf einen einzigen Suchschlitz für eine falsche Idee, und zwar besonders die KollegInnen, die mit dem Thema Informationskompetenz befasst sind. Was vielfach wie als Vereinfachung gefeiert und mit Designpreisen belegt wird (zum Beispiel die Website der Chalmers University Library in Schweden), wird also durch die bibliothekarische Basis ganz anders beurteilt.

Als weiteres Sorgen-Thema ist der Studie zu Folge die Größe der Treffermengen in Discovery-Systemen: Knapp 80% der Befragten in Liège sind überzeugt, dass die bisweilen riesenhaften Ergebnismengen ein großes Problem sind.  Entsprechend groß ist die Überzeugung, dass Schulungen und Training weiterhin notwendig sind.

Ich greife diese Ergebnisse ganz bewusst heraus – alle anderen sind ebenso lesenswert, vor allem die Zahlen zu der Entwicklung von Ausleih-, Fernleih- und Nutzungszahlen elektronischer Datenbanken. Warum ich die zitierten Punkte besonders interessant finde? Weil sie meine Befürchtung stützen, dass es uns BibliothekarInnen vielleicht gar nicht so willkommen ist, da die Recherche allzu sehr vereinfacht wird.  Warum sonst auf Suchschlitze verzichten und außer Acht lassen, dass die reinen Mengen an Ergebnisse viel weniger hinderlich für ein gutes Benutzungserlebnis sind als deren Qualität?

Den norwegischen Kollegen Rurik Greenall habe ich in diesem Jahr schon mehrfach zitiert: Librarians think that users need to eat their greens. Sind Discovery-Systeme aus bibliothekarischer Sicht bloß Fast-Food? Oder gar eine Bedrohung für den Berufsstand? Zu meiner im Februar diesen Jahres – in provozierender Absicht – geäußerten These, dass BibliothekarInnen Discovery-Systeme nicht mögen, weil sie befürchten, die einfach zu benutzenden Systeme könnten ihnen die Erklär-Jobs kosten, habe ich auf Twitter ein wenig Spott geernet. Wohl gemerkt: Ich bin nicht der Ansicht, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt völlig ausgereifte Systeme vor uns haben. Im Gegenteil: Discovery muss und kann noch viel besser werden, speziell wenn wir über Relevanz-Ranking reden.  Und ich glaube auch nicht, dass wir uns das, was ich flapsig Erklär-Jobs nenne, sparen können – aber den Fokus können wir ändern, und eben dabei helfen Discovery-Systeme, weil sie Erklär-Zeit für die Grundlagen sparen und mehr Auseinandersetzung mit den Inhalten möglich machen.

Aber vielleicht mache ich hier auch den zweiten Schritt vor dem ersten – und der wäre die Nachahmung der belgischen Studie, um rein zahlenmäßig mehr Antworten zu bekommen und dann auch international zu vergleichen. Die Idee, einzelne Statements zu Discovery-Systemen separat für Informationskompetenz-Personal auszuwerten, gehört dafür aber in jedem Fall auf den Merkzettel!

“…kommen mit einem viel kleineren Werkkanon aus”

Posted in Benutzung, Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 16. August 2013

Auf netbib wurde in dieser Woche auf einen Zeitungsartikel aufmerksam gemacht, der die Vorbereitungen der USB Köln auf das Wintersemester beschreibt. Mich hat folgendes Zitat beeindruckt:

Bibliotheksmitarbeiter stellten außerdem fest, dass mit den Bachelorstudiengängen eine geänderte Literaturnutzung einhergeht. Die Studis kommen mit einem viel kleineren Werkkanon aus.

Ich würde diese Feststellung gefühlt bestätigen – zumindest für die meisten Studienfächer. Aber die Frage, ob und wie die Neuordnung der Studiengänge den Literaturbedarf beeinflusst, ist wohl auch noch recht unbeforscht. Wenn man aber annimmt, dass die Kölner These stimmt: Was können wir in Bibliotheken tun, um darauf zu reagieren? Insbesondere wenn man auch noch Zeitknappheit unterstellt und der Ranganathan’schen These anhängt, dass es eine Aufgabe der Bibliothek ist, ihren Nutzerinnen und Nutzern Zeit zu sparen?

Aufstellung: Nahbereiche und Interessenskreise

Classics in Engineering

Bücherregal an der James B. Hunt Library der North Carolina State University

Das Prinzip der “dreigeteilten Bibliothek” ist zwar für öffentliche Bibliotheken entwickelt worden, aber warum nicht mal die Anwendbarkeit auf Universitätsbibliotheken überprüfen? An der James B. Hunt Library der North Carolina State University sah ich Regale mit Literatur-Klassikern für alle angebotenen Studienfächer – für die man Platz hat, weil man große Teile des restlichen Bestandes in Magazine verbannt hatte (weitere Fotos von einem unglaublichen Bibliotheksbesuch hier). Solche Sonderaufstellungen jenseits der Systematik sind in wissenschaftlichen Bibliotheken zwar nicht sonderlich beliebt und es ist sicherlich eine Herausforderung, ein Klassikerregal gut zu platzieren und hübsch zu gestalten.  Auch die Erstellung eines solchen Werkkanons ist vermutlich schwierig – aber gleichzeitig eine nette Gelegenheit, mit den Lehrenden ins Gespräch zu kommen und die Aktualität des eigenen Bestandes zu überprüfen.

Suche: De-neutralisieren

Die Neutralität des klassischen Bibliothekskataloges ist ein Wert an sich, und nicht umsonst erzeugt deswegen die Relevanz-Sortierung von Discovery-Systemen immer wieder Widerspruch in Bibliothekskreisen.  Die berühmte normative Kraft des Faktischen zwingt uns aber, einem neuen Paradigma bei der Informationssuche Platz zu geben, nämlich dem ausdrücklichen Wunsch der Nutzerinnen und Nutzern, wichtige Titel weit vorne zu finden.

Ich halte es nach wie vor für eine der interessantesten Herausforderungen der nächsten 10 Jahre für unseren Berufsstand, diesem Wunsch besser zu entsprechen, also Beiträge dazu zu leisten, wie ein System wie Katalog oder Discovery-Layer signifikante und idealerweise kontextbezogene Empfehlungen für “wichtige” Literatur geben kann. Google hat in dieser Woche vorgestellt, wie man dort gedenkt, das Problem zu lösen: Man möchte einen Empfehlungsdienst für so genannte  In-Depth-Articles aufbauen. Wie der funktioniert? Ausgesprochen bibliothekarisch: Strukturierte Metadaten, sorgfältige Auswahl von “guten” Verlagen.

Informationskompetenz: Widerspruch erzeugen

Zum Ausgleich für die “Don’t make me think”-Mentalität, der die ersten beiden Vorschläge entstammen, müssen auch Wege gefunden werden, wie man von den Trampelpfaden der Werkekanons und Empfehlungsdienste abweichen kann und soll. Eine Bibliothek, die physisch wie virtuell einfach zu benutzen ist und auch die impliziten Fragen ihrer Benutzerinnen und Benutzer beantwortet, hat mehr Möglichkeiten, die verheißungsvollen Wege jenseits der Trampelfade aufzuzeigen – und im Idealfall auch Widerspruch gegen einen Kanon oder einen Empfehlungsdienst zu erzeugen.

Warum BibliothekarInnen bei Discovery mitmischen sollten, trotz allem

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 20. April 2013

Meiner Freude darüber, dass die Diskussion um die Haltung von BibliothekarInnen zu Discovery-Systemen weitere Kreise zieht, habe ich schon in meinem letzten Post Ausdruck verliehen – das kann ich angesichts der interessanten Diskussionsbeiträge dazu nur wiederholen. Und eben weil die Diskussion so interessant ist, möchte ich auf diese Beiträge wiederum in einem separaten Post antworten. Vorab noch ein Hinweis: Das Thema wird auch anderswo diskutiert, eine US-amerikanische Kollegin berichtete gerade kürzlich über ihre Erfahrungen bei der Einführung eines Discovery-Systems unter dem Titel Overcoming Librarian Resistance to Adopting Discovery Tools.

Aber zur Sache, denn ich möchte erklären, warum ich meine, dass BibliothekarInnen gute Beiträge für die (Weiter-) Entwicklung von den jetzigen Discovery-Systemen leisten können und warum ich finde, dass es auch unverzichtbar ist, das zumindest zu versuchen. (more…)

Die Discovery-Beziehungskrise und was man gegen Erkenntnisprobleme tun könnte

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 15. April 2013

Ich betrachte die großen Probleme, die viele BibliotheksmitarbeiterInnen mit Discovery-Systemen haben, in gewisser Weise als ausgleichende Gerechtigkeit: Jahrelang wurden die BenutzerInnen dazu gezwungen, Recherchewerkzeuge zu verwenden, die nicht ihren Anforderungen entsprachen und gleichsam aus einer „fremden Welt” stammten; nun hat sich die Situation umgekehrt.

Diese wunderbar zugespitzte Zitat stammt von dem Wiener Kollegen Horst Prillinger. Er hat seine These erstmals am vergangenen Wochenende auf dem BibCamp in Nürnberg vorgebracht und dann noch mal ausführlicher in seinem “Versuch über die Ursachen einer Beziehungskrise” zwischen BibliothekarInnen und Discovery-Systemen dargelegt. Vielen Dank dafür und die “Beziehungskrise” als Diagnose, Horst! Und danke auch an alle Teilnehmenden der BibCamp-Session zu Discovery-Systemen und BibliothekarInnen, die hier dokumentiert ist.

Darin wird mit dem Satz geendet, dass wir als BibliothekarInnen ein “Erkenntnisproblem” haben. Haben wir das aber wirklich? Die einschlägigen Studien aus den letzten zehn Jahren zum Informationsverhalten von Studierenden werden allseits gerne zitiert, aber offenbar tun wir uns mit den Ergebnissen schwer. Wie übrigens auch schon eine Generation von BibliothekarInnen vor uns, denn dass der OPAC weder beliebt noch zielführend ist, haben schon die ersten Usability-Forschungen in den 1980er-Jahren ergeben. Und auch Ursula Schulz zog im März auf der Inetbib-Tagung kein gutes Fazit aus den Ergebnissen von “Zehn Jahren Usability-Evaluation virtueller Bibliotheken“.

Was meine eigene Sicht auf das Thema Discovery entscheidend geprägt hat, waren mehrere Stunden Filmmaterial, die Ursula Schulz, Jörg Schmitt, Marcel Stehle und Co.  im Rahmen von Tests mit einer frühen Fassung von beluga erzeugt haben. Allein schon die Kurzfassung (im beluga-Blog zu sehen) ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie sehr die BenutzerInnen mit unseren Tools fremdeln – sogar den schon “verbesserten Katalogen”  wie damals der Testversion von beluga. Die Filme haben meinen Blick geschärft: Sitze ich heute an der Auskunft, versuche ich so viel wie möglich darüber zu erfahren, was meinem jeweiligen Gegenüber mit dem Katalog oder dem Discovery-System Schwierigkeiten macht – im Grunde ist es doch die Hauptaufgabe an der Information, die gescheiterten Recherche-Selbstversuche unserer BenutzerInnen doch noch zu Erfolgserlebnissen zu machen. Wenn es die Gesprächssituation erlaubt, erkundige ich mich auch gern danach, was als besonders schwierig empfunden wurde und was helfen würde. Das endet übrigens oft darin, dass wir die Rollen tauschen: Vorher war mein Gegenüber frustriert über Katalog, nachher bin ich es – übrigens auch beim Discovery-System.

Aber ich glaube, dass die gängigen Discovery-Systeme generell als weniger “kaputt” wahrgenommen werden, als es beim klassischen Katalog der Fall ist. Sie sind sicherlich noch weit von der Perfektion entfernt, die wir vom Katalog kennen -  aber genau das ist es möglicherweise auch, was uns die Beziehung schwierig macht, denn Perfektion und Genauigkeit sind zentrale Tugenden unseres Berufes. Deswegen denke ich aber auch, dass Schulungsveranstaltungen für das Bibliothekspersonal nicht der Haupt-Ansatz sein sollten, um die Beziehungskrise mit dem Discovery-System zu überwinden. Vielmehr brauchen wir eine breite und ernsthafte Auseinandersetzung mit zwei Dingen, nämlich sowohl den Methoden als auch den Ergebnissen von Forschungsarbeiten zur Nutzung von Katalogen, Discovery-Systemen und Co. Anders gesagt: Wir brauchen Schulungen, aber nicht in der Benutzung von Discovery-Systemen, sondern darin, das Informationsverhalten unserer BenutzerInnen zu beobachten, zu analysieren und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in Dienste umzuwandeln. Natürlich ist mir klar, dass sich nicht jede Bibliothek ihr eigenes Ethnografie-Projekt leisten kann. Aber jede Bibliothek sollte es sich leisten, jemanden für die Beschäftigung mit diesen Fragen und dem Transfer des entsprechenden Wissens in die Organisation zu benennen. Dafür wiederum braucht das Thema Platz in den bibliothekarischen Fortbildungskalendern, wo es bislang leider noch fehlt.

Werkstattbericht zu einem Artikel über Auskunftsdienste

Posted in Auskunft by Anne Christensen on 7. April 2013

Im Mai 2014, also ca. in einem Jahr, soll mit dem zweibändigen  „Praxishandbuch Bibliotheksmanagement“ ein neues bibliothekarisches Lehrbuch erschienen, für das ich einen Beitrag über Auskunftsdienste zugesagt habe. Meine Skepsis in Bezug auf die klassischen Print-Publikationswege ist zwar recht groß (und angesichts meiner letzten Erfahrungen sogar gestiegen),  aber ich hoffe dennoch, dass es sich bei dem Beitrag um gut investierte Zeit handeln wird. Warum? Weil ich bei den Recherchen zu dem Beitrag wieder einmal feststelle, dass wir alle viel zu wenig publizieren, und weil ich finde, dass wir alle da fleißiger werden sollten, zumal wenn wir planen, uns die Publikationsberatung als Dienstleistung auf die Fahnen zu schreiben.

Beim Thema Auskunftsdienste herrscht jedenfalls, wie bei vielen anderen Themen auch, ein Mangel an aktueller Fachliteratur. Da gab es zum Beispiel auf dem Bibliothekartag in Berlin 2011 durchaus interessante Vorträge. Aber an Fachartikeln dazu in einschlägigen deutschsprachigen Zeitschriften unseres Fachs mangelt es, obwohl das Thema sich beispielsweise bei Abschlussarbeiten einer gewissen Beliebtheit erfreut. Den armen KandidatInnen bleibt aber oft nichts anderes übrig, als Foliensätze zu zitieren – etwas, das Herr Hobohm neulich zwar in anderem, aber grundsätzlich übertragbaren Kontext angemeckert hat. Auch von daher drücke ich 027.7, der neuen Zeitschrift für Bibliothekskultur fest die Daumen für viele gute Beiträge. Gleichzeitig wünsche ich mir von Fachartikeln etwas, das ich bei den US-Artikeln, die ich gerade konsumiere, sehr zu schätzen weiß, nämlich dass es am Anfang eines Artikels einen “Literature Review” gibt, der die wichtigsten bisherigen Forschungsergebnisse zusammenfasst. Ich glaube, dass man damit vor allem den studentischen LeserInnen eine ausgesprochen wertvolle Orientierungshilfe geben kann (zum Beispiel beim Journal of Academic Librarianship).

So, jetzt aber zur Sache, denn ich möchte mein Blog mal wieder als Schreibwerkstatt benutzen und laut denken schreiben. Die (US-amerikanische) Literatur und Vortragende in Deutschland (konkret u.a. Ingeborg Simon auf dem Bibliothekartag in Berlin 2011) sagen: Die Zahl der Auskunftsfragen sinkt, die Fragen die gestellt werden, können auch trainierte Laien beantworten, lasst uns überlegen, wie wir die Dienstleistung Auskunft besser an die Zielgruppen bringen können und: das ist dann gar keine Auskunft mehr, sondern Rechercheberatung oder Informationskompetenzvermittlung.

Sinkt die Anzahl an Auskunftsfragen wirklich? Ich habe mal ein Stündchen mit den DBS-Zahlen aus wissenschaftlichen Bibliotheken von 2007-2011 gespielt (hier meine “Forschungsdaten”). Demnach beträgt der Rückgang in diesen Jahren im Durchschnitt nur 0,03% und wäre damit quasi insignifikant. Aber vielleicht müsste man einen größeren Zeitraum nehmen, etwa 1990-2012. Und bei einem genaueren Blick auf die Daten kann man sich durchaus fragen: Was wurde da gezählt? Die Veränderungen über die fünf Jahre sind teilweise drastisch.

Und welche Fragen werden gestellt? In der Literatur tauchen immer wieder zwei unterschiedliche Ansätze zur Klassifizierung von Auskunftsfragen auf. Der kommt von Bill Katz aus dem Klassiker Introduction to Reference Work (erste Auflage von 1969) und orientiert sich daran, welche Instrumente man zur Beantwortung von Fragen braucht:  Nachschlagewerke für Faktenfragen (Schlagwort ready reference), Kataloge und Datenbanken für Literatursuchen und Ortskenntnis für die Fragen nach Toiletten, Kopierern etc. Die andere, neuere Herangehensweise hat Debra G. Warner 2001 in ihrem Aufsatz “A new classification for reference statistics” beschrieben. Sie differenziert die Fragen danach, wie viel Expertise man für die Beantwortung braucht und kommt dabei auf vier Kategorien: non-resource based questions, skill-based questions, strategy-based questions und consultations. Fragen aus den ersten beiden Kategorien betreffen die Orientierung und die technischen Aspekte der Benutzung von Bibliotheksdienstleistungen. Fragen aus den beiden anderen Kategorien erfordern eine mehr oder weniger ausführliche Rechercheberatung und damit bibliothekarisches Know-How. Diese komplexen Fragen machen Warners Studien nach nur 20% des Frageaufkommens aus, 80% der Fragen sind den beiden erstgenannten Kategorien zuzuordnen.

Über die Ergebnisse meiner eigenen Erhebungen dazu, was an der Auskunftstheke passiert, habe ich hier bereits berichtet. Darüber hinausgehende Literatur- und Praxisstudien legen nahe, wie mit diesen Ergebnissen umzugehen ist, die in der Tat die klassische Theke und ihre Besetzung in Frage stellen: Da wäre zunächst die Neuausrichtung der Auskunftstheke, zum Beispiel durch Besetzung mit studentischen Hilfskräften und Zusammenlegung mit anderen Beratungsdienstleistern wie IT- oder E-Learning-Services. Auf diese Weise entlastetes bibliothekarisches Personal kann dann mehr BenutzerInnen durch individuelle Beratungsdienstleistungen erreichen und/oder Zeit in die Vermittlung von Informationskompetenz stecken. Dazu gibt es bereits interessante Erfahrungen von den Bibliotheken, die sich in die Information Commons oder anderweitig heraus as dem eigenen Haus trauen. Die Auskunft jenseits der Theke ist ein ganz klarer Trend der letzten 5-10 Jahre und wird hierzulande zum Beispiel in der Bibliothek der Hochschule Hannover in Form der “Roving Reference” praktiziert.

Aber man kann natürlich auch darüber nachdenken, wie man den Service an den Theken besser bekannt machen und vor allem qualitativ verbessern kann. Eine Studie der FH Köln von 2011 belegt recht dramatische Mängel in der Auskunftsqualität – am deutlichsten bei der Chatauskunft, aber auch beim klassischen Face-to-Face-Interview. Einzelne wenige Bibliotheken in Deutschland haben sich dieser Idee verschrieben und setzen kollegiale Beratung (Stadtbibliothek München) oder selbst entwickelte Leitlinien (Stadtbibliothek Bremen, nicht veröffentlicht) ein. Jenseits dessen lohnt aber – wie eigentlich immer – auch ein Blick auf ethnografische Studien und deren Ergebnisse in Bezug auf bibliothekarische Auskunftsdienste.  Studying Students, die recht bekannte Studie aus Rochester beispielsweise propagiert die Verlagerung von Beratungsdiensten in die Abendstunden.

Grundsätzlich bedenkenswert ist auch, was die australische Kollegin Heather Carlile 2007 über die library anxiety und ihre Bedeutung für Auskunfsdienste schrieb. In “The implications of library anxiety for academic reference services: a review of the literature” macht Carlile deutlich, dass die Furcht vor dem Bibliothekspersonal einer der wesentlichen Faktoren für das Phänomen der library anxiety ist, über das der Berufsstand zu wenig informiert sei. Dass es so etwas wie einen blinden Fleck in der Selbstwahrnehmung von BibliothekarInnen mit Blick auf den stets geäußerten Anspruch der “Nutzerfreundlichkeit” gibt, habe ich bei meinem Vortrag “Und was erwarten wir von unseren NutzerInnen” auf der InetBib-Tagung auch herauszuarbeiten. Ich denke zwar auch, dass wir an einer inhaltlichen Verbesserung unserer Auskunftsdienste nachdenken sollten – und das angesichts der oben zitierten Ergebnisse auch müssen. Damit das gelingt, sollten wir uns um mehr Einfühlung in unsere BenutzerInnen bemühen und ihre Bedürfnisse aufrichtig anerkennen. In einem der Artikel über Embedded Librarians, die ich gelesen habe, wurde befürchtet, zu viel spoon feeding, also ein zu entgegenkommender Service, wäre unangemessen für die Arbeit mit erwachsenen Studierenden. Wenn wir weiter daran festhalten, dass wir wissen, was gut für unsere BenutzerInnen ist, werden die ihre Bibliotheksangst vermutlich nicht los.

Vielleicht noch eine abschließende Bemerkung zu den Perspektiven für den bibliothekarischen Auskunftsdienst und das Berufsbild: Ich habe bisweilen den Eindruck, dass es so etwas wie eine Kompetenz-Schere gibt, die in Zukunft weiter und weiter auseinanderklaffen könnte. Wir werden relativ viel spoon feeding machen, also zum Beispiel Literatur an den Arbeitsplatz liefern, Scan-Services anbieten etc. Die Auskunftstheke wird nicht mehr notwendigerweise das alleinige Habitat von Diplom-BibliothekarInnen u.ä. sein, die dort anfallenden Fragen können mehrheitlich auch von FaMis und studentischen Hilfskräften beantwortet werden. Was muss man aber können, um das zu leisten, was darüber hinaus an Beratungsarbeit anfällt? Thomas Hapke hat in seinem Blog kürzlich auf einen Artikel zur Zukunft der Auskunftsdienste aufmerksam gemacht, der mich nachdenklich gemacht hat, denn die Auskunftsarbeit, die dort beschrieben wurde, erfordert durchaus Kenntnisse darin, was und wie in den einzelnen Fakultäten geforscht und gelehrt wird – also etwas, das hierzulande eher die FachreferentInnen haben. Auch mit Blick auf die geforderten Embedded bzw. Data Librarians bedeutet das, dass die bibliothekarische Ausbildung an den Fachhochschulen besser auf neue Formen der Forschungsnähe vorbereiten sollte.

8 hypotheses why librarians don’t like discovery

Posted in In English, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 4. Februar 2013

Discovery tools have been on the market for quite some time now. And while I would dare to say that users seem to at least like these tools better than the traditional catalogs, it seems that these tools go down much less well with librarians. It has been my personal experience in both working on a homegrown solution and in implementing a commercial product that librarians seem to have multiple reservations towards these tools. This is only mildly put, as I found when discussing my experience with discovery-people in Germany as well as internationally.

Being both a librarian and a discovery-enthusiast myself, this has me wondering. I do share many of the reservations that my colleagues have. Whatever we see out there is often far from perfect yet, for instance as far as the actual “discoverability” of large amounts of heterogeneous metadata or the level of integration of discovery systems with ILS, link resolvers and other products are concerned. But for the most part, I think that these are rather interesting challenges on our road to the future. Sure, there are really early adopters of discovery tools like the University Library of Utrecht who has decided to concentrate on delivery rather than discovery. I tend to think of this as an avant-garde decision which could not have been made without the experience of introducing a discovery system in the first place. Putting your own metadata, licensing and availability information in the context of a discovery system (i.e. outside the system this data was born into) and actually making it work there can be a painful experience, but a necessary learning process for all departments in the library.

Is that pain a convincing reason for librarians to dislike discovery tools? This is one of eight hypotheses I have come up with so far:

Librarians don’t like discovery tools because…

  1. They are too much extra work. As I said before, the level of integration with existing systems is not very good yet (especially when you live in Germany with a whole different landscape) and checking licensing information in the catalog, the EZB (German ERM for serials – sort of), the link resolver AND the discovery system is just too much.
  2. They weren’t our idea in the first place. Looking at the people who are usually the drivers of decision for a discovery tool and the implementation process, I rather see IT- and management folk than cataloging or reference librarians.
  3. Strange things happen to our metadata. Our metadata for instance is being mapped from a proprietary format to MARC21. Information does in fact get lost there. Work done by librarians that is already mostly invisible work gets even more invisible. The promise that discovery tools make better use of librarian-created metadata by allowing faceted browsing was not yet fulfilled.
  4. Talking about the strange things happening to the data is hard. The guys (yes, they are mainly guys) don’t speak PICA, MARC etc. But still they ooze what might be perceived as contempt for the way librarians have designed and are employing bibliographic data. For the record: I get the disgust for this kind of data, because I know where these guys are coming from and I do appreciate the perspective they have brought (and are bringing) into library land. But I am talking about librarians and their perceptions here!
  5. They mess with the concept of the catalog. A catalog used to be the inventory thing for one library – which makes the bridge between finding and getting items an easy one to cross. Being able to extend searches to other catalogs and bibliographic databases may be what users want, but it surely is a challenge for both discovery and delivery.
  6. They are hard to use in reference interviews. Librarians know the catalog inside out – small wonder, since it was them who built the catalog. Doing a search in the catalog means getting predictable results, whereas the search in a discovery tool is a whole different matter. Many librarians I have talked to think of relevancy ranking per default as dangerous or even unethical. Not knowing how exactly the ranking algorithm works makes matters even worse.
  7. They make users lazy and dumb. Sometime ago, I asked people about what they thought where the perceptions of librarians of their users. One answer I got: “they (librarians) think that users should eat their greens”. To put it less succinctly: Discovery causes the mental models that users and librarians have of search processes to clash.
  8. They cost us our jobs. While I have heard people stating the above-mentioned points in their speeches against discovery, I have never actually heard this particular argument. So this is probably the most far-fetched one: In fact, this thought occurred to me myself once and I am wondering if this resonates with anyone. Like I said, I think that discovery as we know it is far from perfect yet. But if it was? What about the reference desk and the classes we teach?

Neither do I know if these hypotheses are valid, nor how to best examine them further. I pitched the idea of doing that to some people in library school, but they don’t seem to bite yet. I am not very knowledgeable when it comes to research methods on perceptions. I would be also very concerned about any interview/questionnaire/whatever sounding in any way condescending. Because, as ever, I think that even with our weird and strangely-structured metadata, our profession and its virtues can make a real contribution to discovery (and delivery, come to think of it). But I am also under the impression that there is too much unspoken discovery-related agony out there for this to work out on a larger scale – which is why I would like to see this examined and brought to light. But maybe somebody knows of any research that has already been done on this?

P.S. (Feb 5): In the excitement about writing in English, I forgot to mention to colleagues who have given me inspiration for this article: I am grateful for discussions with Anja Knoll about how librarians perceive discovery tools, and for the introduction to the concept of invisible work (a German article mentions librarians specifically!) which I got talking to sociologist Carola Schirmer.

Lokale und Verbundkataloge unter dem Discovery-Dach

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 20. Dezember 2012

Lorcan Dempsey hat kürzlich bei Educause einen sehr empfehlenswerten Artikel zum Thema Discovery veröffentlicht, der so ziemlich alle aktuellen Fragen um die Zukunft des Kataloges adressiert: Thirteen Ways of Looking at Libraries, Discovery, and the Catalog: Scale, Workflow, Attention. Wer sich in den Weihnachtsferien weiterbilden will: unbedingt mitnehmen!

Erster Entwurf des Suchfilters für den Verbundkatalog

Erster Entwurf des Suchfilters für den Verbundkatalog

Mit dem, was Dempsey und restliche OCLC-Meute gern als Scale bezeichnen, schlage ich mich derzeit auch herum – und würde mich freuen, wenn mir jemand in den “Lokalkatalog im Verbundkatalog”-Dschungel folgt oder gar Ideen zum Entwirren der komplizierten Lage hat : In unserer Summon-Installation wollen wir unserem Publikum gern ermöglichen, zunächst die Welt der lokalen Print- und E-Bestände zu durchsuchen, um dann in einem zweiten Schritt auf den Verbundkatalog auszuweiten und dann möglicherweise auch noch auf den wissenschaftlichen Teil des Webs in größtmöglicher Vollständigkeit. Wir versuchen also, den vormals als lokales Bestandsverzeichnis gedachten lokalen Katalog mit dem Verbundkatalog zu verheiraten und dann noch einen Schritt darüber hinaus zu gehen. Dass das ein ehrgeiziges Ziel ist, habe ich gemerkt, als die erste Lösung zur Integration der Verbunddaten in unser Discovery-System noch ziemlich weit weg von dem gesetzten Ziel eingeschlagen ist:  Die Suche ging zunächst immer grundsätzlich über den Gesamtbestand im GBV, ein nachträgliches Filtern nach einzelnen Bibliotheken war möglich, aber auf den ersten Blick waren dabei dann jeweils die Bibliotheken mit dem meisten Bestand zu der jeweiligen Anfrage zu sehen – in denen das kleine Lüneburg natürlich in schöner Regelmäßigkeit unterging.

Suchfilter in der Summon-Installation der UB Lüneburg

Aktuelle Suchfilter in der Summon-Installation der UB Lüneburg

Seit Kurzem haben wir bessere Möglichkeiten, die Suchergebnisse auf lokale Bestände einzugrenzen-  Lüneburg steht jetzt in dem Filter über die Bibliotheken immer oben. Leider greift der Filter über die Bibliotheken aber nur auf diejenigen Daten zu, die über die Einspielung der Verbunddaten in den Summon-Index gelangt sind. Das sind aber vornehmlich unsere Printbestände – die elektronischen Medien zwar auch, aber eben nur auf Buch- oder Journalebene. Dabei besteht doch Mehrwert beim Ankauf von kommerziellen Indices genau darin, Metadaten auf Aufsatz- oder Kapitelebene zu bekommen. Das macht den Filter relativ uninteressant – und als Standardeinstellung gänzlich ungeeignet, denn wir sind ja eigentlich auf der Suche nach einer Lösung, die Suche initial auf unsere Print- und E-Bestände zu begrenzen und die GBV-Daten also erst in einem zweiten Schritt hinzuzunehmen. Das finde ich konzeptionell nach wie vor richtig, denn die Verbunddaten wecken Begehrlichkeiten, die jedoch letztendlich nur in Frust enden können – zu oft sind für das Publikum doch nur diejenigen Titel relevant, die sich per Mausklick oder maximal per Gang in die Bibliothek erreichen lassen, Bereitstellungsfristen für Magazin- oder Fernleihbestellungen lassen auch verheißungsvoll klingende Titel rasch zurück in die Bedeutungslosigkeit sinken. Genau deswegen geht es von der Summon-Suchbox auf der Bibliothekswebsite jetzt in eine Suche, bei der von vorneherin auf den Lüneburger Bestand eingegrenzt wird. Der entsprechende Filter heißt im Summon-Original “Items at my institution” und wurde – wohl nicht ohne Grund- unübersetzt geliefert. Versuche der direkten Übersetzung (“Medien in meiner Bibliothek”, “Print- und E-Ressourcen in LG”) haben wir rasch verworfen, nicht nur wegen fehlender Eleganz, sondern auch weil das Menü “Suche verfeinern” ohnehin schon voller Begrifflichkeiten ist, die dem unbedarftem Publikum vermutlich Rauchwolken über die Köpfe zaubern.

Dann kam der Vorschlag, den Spieß umzudrehen und den Filter “GBV-Bibliotheken ausschließen” zu nennen. Ja, ich weiß, vor der “GBV”-Abkürzung steht man auch wie ein Ochse vorm Berg. Aber wir haben an der Information, den Schulungen und zuletzt bei unserem kleinen Summon-Event im Hörsaalgang der Hochschule festgestellt: Ganz schön vielen ist zumindest vage klar, dass es eine Art übergreifenden Bibliothekskatalog gibt. Und wem es nicht klar ist, stolpert vielleicht über das gesetzte Häkchen, probiert es aus und erfährt dann über sich ausklappende neue Filter, dass man dann auch in der Region suchen kann. Nicht vollständig überzeugend – nicht zuletzt auch deswegen, weil wir damit einen weiteren Beitrag dazu leisten, unsere BenutzerInnen zu kleinen BibliothekarInnen zu erziehen, indem wir sie zwingen, etwas über die Verbundstruktur des deutschen Bibliothekswesens zu lernen.

Mir ist klar, dass der Anspruch der möglichst nahtlosen Integration von Lokal- und Verbundkatalogdaten einschließlich ihrer jeweiligen Delivery-Wege (Aus- und Fernleihe) ein hoher ist – das Datenmodell unseres Anbieters, dessen Vorgaben für die Oberflächengestaltung, die fehlenden Schnittstellen für Verfügbarkeitsinformationen auf Verbundebene und Kontofunktionen sind mehr oder weniger unverrückbare Wände, an denen man sich den Kopf einrennen kann. Lorcan Dempsey erwähnt darum nicht umsonst die “German Verbundkataloge” besondere Herausforderung für Discovery-Systeme. Die Antwort auf die Frage, wie man Lokal- und Verbundkataloge wohl am besten unter dem Discovery-Dach vereint, könnte man möglicherweise gut darüber lösen lassen, dass eine Filterung auf verschiedene Arten der Verfügbarkeit (online, vor Ort, vor Ort mit Bereitstellungsfrist, Fernleihe mit unklarer Frist) ermöglicht. Das wiederum ist dann aber keine Discovery-Baustelle im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr eine der der Lokalsysteme, die solche Delivery-Informationen bereitstellen.

Wer bis hierher gelesen hat: Danke! Dass es sich lohnt, bei der Weiterentwicklung von Discovery-Systemen am Ball zu bleiben, zeigen übrigens unsere Nutzungszahlen. Eine systematische Auswertung habe ich noch nicht fertig, aber die Zugriffe auf das System selbst, vor allem aber dahinter liegende Dienste steigen ständig. Unser Link Resolver zählt doppelt so viele Anfragen wie vor der Discovery-Einführung und beweist damit schon mal, dass unsere lizensierten Inhalte besser aufgefunden werden.

To tab or not to tab: Eine Discovery-Gretchenfrage

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 4. Oktober 2012

Die Einführung eines Discovery-Tools stellt uns in Bibliotheken in der Regel vor die Frage, welche Daten wir eigentlich “entdecken” lassen wollen. Da wird man sehr schnell sehr gierig: Alle abonnierten Print- und E-Zeitschriften auf Artikelebene, bitte, die E-Books mit Kapitel und dann auch noch alle bibliografischen Datenbanken, wenn es geht. Dass das nicht so gut klappt, wie wir uns das wünschen, ist oft weder unsere Schuld noch die des Discovery-System-Anbieters, sondern die der Content-Anbieter, die ihre Daten – aus einer breiten Palette aus Gründen zwischen Nicht-Wissen, Unverstand und bewusstem Aussperren einiger Aggregatoren – nicht oder nicht in der wünschenswerten Erschließungstiefe bereit stellen.

Unabhängig von diesem Frust, dem man sich als auf Vollständigkeit getrimmte Bibliothekarin abholen kann, stellt sich dann noch eine ganz andere Frage, nämlich die danach, ob man die Daten aus dem Anbieter-Index und die aus der eigenen Bibliothek gemeinsam oder getrennt recherchierbar machen sollte. Viele Bibliotheken entscheiden sich für etwas, das ich jetzt  mal “getabbte” Lösung nenne: Ein Reiter mit den Lokaldaten, ein Reiter mit dem gekauften Index. Der KatalogPlus der UB Freiburg ist dafür ein Beispiel, hier wird nach “Büchern und mehr” und “Artikeln und mehr” unterschieden. Ich weiß von einigen Bibliotheken, in denen die Frage des Umgangs mit diesem Problem ausgesprochen kontrovers diskutiert wird- und in der Tat glaube ich, dass das so eine Art Gretchenfrage bei der Einführung von Discovery-Systemen ist.

Die Akzeptanz von Discovery-Systemen bei Bibliothekarinnen und Bibliothekarinnen wird unter anderem davon herausgefordert, dass die Trefferliste in Quantität und Qualität sehr viel unberechenbarer sind als beim herkömmlichen Katalog. Mit der getabbten Lösung holen wir uns etwas von der alten Welt zurück: Klassischer Katalog-Content und Zeitschriftenartikel sind für uns zwei grundverschiedene Paar Schuhe und  wurden klassischerweise über unterschiedliche Instrumente nachgewiesen. Die getabbte Lösung macht es uns einfach, unser Modell von der Suche auch auf Discovery-Systeme zu übertragen.

Bei allem Verständnis für das heimelige Wohlgefühl, das von getabbten Lösungen auszugehen scheint: Ich bin der Meinung, dass man mit getabbten Lösungen wieder in die Ära der Metasuche zurückfällt die Vorteile von Discovery-Systemen verspielt. Eine Idee von Discovery ist doch auch, dass die bibliothekarische Unterscheidung in selbständige und unselbständige Werke keine Rolle mehr spielen braucht – jedenfalls nicht am Anfang der Suche. Nachher, beim Verfeinern: Keine Frage. Aber gleich zu Beginn der Suche? Sollten wir nicht froh sein, dass wir uns den Sermon darüber, was man im Bibliothekskatalog findet und was nicht und das Zeitschriften etwas anderes sind als Zeitschriftenartikel, vielleicht künftig öfter mal einsparen können? Ist es nicht viel mehr Erleichterung als Bürde, die wir empfinnden sollten?

Discovery-Services sind Tools für NutzerInnen. Studien zu deren Informationsverhalten sowie Usability-Tests zeigen, dass NutzerInnen – vorsichtig formuliert – keine Lust haben, sich mit Publikationsformen auseinanderzusetzen. Sie wollen relevante Treffer vorn. Ob es eine Monographie, ein Buchkapitel oder ein Aufsatz ist, ist egal – entscheidend für die Auswahl ist in dem meisten Fällen ohnehin, wie bequem sich die Treffer auf dem Bildschirm anzeigen lassen. Wer versierter ist, nutzt Facetten oder muss auf den Trichter gebracht werden, dass es noch andere Tools als Discovery gibt mit oft besseren Suchmöglichkeiten.  Mein Traum von Discovery ist eigentlich, dass die Leute nach einiger zu mir kommen und sagen, dein Discovery-Dings ist ja schön und gut, aber für meine Suche nach Placebo-kontrollierten Studien über Kopfschmerztablettenkonsum bei 35-40-jährigen Frauen in republikanisch regierten US-Bundesstaaten komme ich hier nicht weiter. An der Stelle zücke ich dann diejenigen “schweren Waffen”, die wir dem Bibliothekspublikum sonst nur mühselig aufschwatzen können, also die ganzen guten und teuren bibliografischen Datenbanken, für deren Benutzung  wir mit unserem bibliothekarischen Spezialwissen (“…und hier der pfiffige Thesaurus”) trumpfen können.

Fazit: Ich bin – leidenschaftlich – gegen getabbte Lösungen. Ich verstehe aber, warum sie uns (und wer weiß, vielleicht auch unseren NutzerInnen) sympathisch sind. Und es gibt auch gute Umsetzungen – die Brown University Library zum Beispiel hat in ihrer Discovery-Lösung einen Suchschlitz, bereitet die “Bücher und mehr” und “Artikel und mehr”-Treffer aber in zwei nebeneinanderstehenen Listen ab. Es gibt sicher auch vernünftige Kompromisse. Und am Ende des Tages ist das Thema Discovery ja im Moment nichts anderes als ein Wimpernschlag in der Geschichte von Bibliothekskatalogen, und in ein paar Jahren vielleicht werden wir und unsere NutzerInnen mehr Erfahrungen damit gesammelt haben und dann schlauer sein als im Moment. Eine polemische Zusammenfassung sei aber noch gestattet:  Getabbte Lösungen sind eine Art  Methadon-Programm dafür, uns BibliothekarInnen beim Entzug vom klassischen Bibliothekskatalog zu helfen. Sie sind aber auch in hohem Maße dafür geeignet, NutzerInnen für die vielen anderen Instrumente der Recherche anzufixen.

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