A growing organism

Über demografischen Wandel in Bibliotheken- und, natürlich, auch ein bisschen über Discovery

Posted in Berufsbild, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 11. Januar 2014

In den Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist kürzlich ein Band erschienen, der sich mit der Motivation von MitarbeiterInnen in wissenschaftlichen Bibliotheken beschäftigt. Zu den entsprechenden Möglichkeiten für Führungskräfte gibt es wenig Neues zu sagen, wie Autor Stefan Wiederkehr selbst feststellt – die Handlungsspielräume sind eng, viel mehr als das Erkennen und Reagieren auf individuelle Motivatoren und eine generelle Fürsorglichkeit zur Beförderung des Betriebsklimas sind nicht drin. 

Was die Arbeit besonders interessant macht sind die Zahlen, die Wiederkehr erhoben hat. An sich auch wenig überraschend, aber nun n Zahlen für unsere Branche belegt: Die Altersstruktur in Bibliotheken hat sich in den vergangenen 10 Jahren stark verändert: Der Anteil von über 50-Jährigen ist von 31 auf 43% gestiegen, der von unter 25-Jährigen von 19 auf 14% gesunken. Noch drastischer sieht es aus, wenn man nur auf die Gruppe der AkademikerInnen schaut, da ist der Anteil der über 50-Jährigen von 26,9 auf 42,7% gestiegen.

Warum ich das erwähnenswert finde? Unter anderem im Zusammenhang mit dem Eindruck, dass sich immer weniger KollegInnen für Führungspositionen finden lassen. Ich wundere mich darüber, dass auch große Bibliotheken in attraktiven Städten für ihre A11-Stellenausschreibungen Bewerbungsfristen verlängern müssen, wie man unlängst auf InetBib beobachten konnte. Ich nehme an, dass es an BewerberInnen mit relevanter Führungserfahrung gefehlt haben wird – und schließe daraus, dass zur Vermeidung dieses Personalmangels geboten ist, den jungen KollegInnen Gelegenheit zu geben, zum Beispiel im Rahmen von Projekten Führungserfahrungen zu sammeln. Auf der ALA-Konferenz in Chicago, die ich im vergangenen Jahr besucht habe, wurde sich gleich mehrere Vorträge mit der gezielten Förderung der jüngeren Generation von Bibliotheksbeschäftigten auseinandergesetzt – vielleicht sollten wir das hierzulande auch einmal tun? Es wird viel auf alternsgerechtes Arbeiten geschaut, aber die gezielte Entwicklung der jungen Generation ist die andere Seite der Medaille.

Dass sich die Investition in die jüngere Generation lohnt, zeigt eine weitere Zahl: In den letzten 10 Jahren ist der Gesamtanteil der Bibliotheksbeschäftigten in allen drei Statusgruppen in etwa gleich geblieben – eher sogar gestiegen als gesunken. “Eat that, Kathrin Passig!” möchte man rufen, wenn man nicht noch ein paar Brocken aus dem Daseinsberechtigungs-Entziehungs-Versuch aus dem letzten Herbst im Halse stecken hätte.

Mir ist bei dem viel diskutierten Aufsatz aber nicht nur wegen der anderswo kritisierten Punkte schlecht geworden, sondern zugegebenermaßen auch deshalb, weil ich auch applaudieren wollte – und zwar dort, wo uns geweissagt wurde, dass bibliothekarische Angebote in der Bedeutungslosigkeit verschwinden werden, weil die Hürden für ihre Benutzung zu hoch sind.

Seither geht mir das Bild von der Lessing’schen Ringparabel nicht aus dem Kopf, wenn ich an die drei Bereiche denke, die wir alle gern als lebensrettend bzw. identitätsstiftend für Bibliothek und Berufsstand heranführen:

  • Informationskompetenz
  • Lernräume und Neubauten mit Wow-Effekt
  • Discovery-Systeme und Digitalisierung

Ob sich wohl eines der Themen langfristig als das echte, das lebensrettende herausstellen wird? Mit welchen Diensten schaffen wir es, eine unverzichtbare Verbesserung für unsere NutzerInnen zu schaffen – ganz im Sinne des im Twitterversum begeistert zitierten Satzes von R.D. LankesWe don’t save libraries by saying “look how important we are,” we save them by being important. 

Trotz einer erwachenden Bau-Zuneigung und unverbrüchlicher IK-Verbundenheit ist mein liebstes doch das Discovery-Thema – und es wurde schon mehrfach totgesagt (u.a. hier oder hier). Aber der Dortmunder Kollege Hans-Georg Becker hat meinem eigenen, bisweilen schwindenden Mut auf die Sprünge geholfen, als er im Rahmen eines Summon-Anwendertreffens sagte:  “Discovery-Systeme sind eine alternativlose Brückentechnologie auf dem Weg der Bibliotheken ins Web.” Ja, das Entdecken von Literatur findet meistenteils jenseits von Bibliothekskatalogen statt – aber beim Einsatz von Discovery-Systemen lernt man was es bedeutet, die eigenen Daten in anderen Kontexten nutzbar zu machen – und damit die eigene Bibliothek irgendwann für irgendwen wichtig zu machen, um bei der Effektivitätsmessung nach Lankes zu bleiben.

Und schließlich muss man dem Thema vielleicht auch einfach mehr Zeit geben. Jakob Voß verglich den Effekt des Webs auf die gesamte Informationswissenschaft kürzlich mit dem Sputnik-Schock – und ich finde, er hat da nicht zu hoch gegriffen, eher noch im Gegenteil. Die berühmte Schock-Starre erkennt man noch an den vielerorts im Einsatz befindlichen Web-OPACs mit Design im Look von 1998. Aber wer weiß, vielleicht haben am Ende doch die Recht, die an 1998 festhalten und erst wieder auftauchen, wenn Bibliothekskataloge ausgestorben sind und ein paar kommerzielle Dokumentlieferdienste in Kooperation mit ausgewählten Großeinrichtung für Literaturnachweis und -lieferung sorgen? Was solche Fragen angeht, freue ich mich schon auf die Vogel-Perspektive der Lehre: Ab März werde ich mit deutschen und ausländischen Studierenden an der HAW Hamburg den Weg “From library catalogs to discovery interfaces” nachvollziehen und über etwaige Erkenntniszuwächse berichten.

Ein Versuch über bibliothekarische Beratungsethik

Posted in Auskunft, Berufsbild, Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 6. August 2012

Die SUUB Bremen postete dieser Tage auf ihrer Facebook-Seite ein Zitat von Neil Gaiman: „Google can bring you back 100,000 answers, a librarian can bring you back the right one.” Zugegeben. Auch ich finde an solchen Sprüchen Erbauung, und auch andere Bibliothekarinnen-Seelen scheinen bisweilen vom Konkurrenzdruck gebeutelt zu sein, auf jeden Fall gingen  einschlägige Daumen hoch. Aber noch mehr beweist dieser Spruch: Eine hohe und konsistente Antwortqualität gehört zu den bibliothekarischen Leitbildern schlechthin.

Wie sieht es aber in Wirklichkeit aus? Helfen wir wirklich dabei, die Stecknadel im Heuhaufen, die richtige Antwort, zu finden? Wir bieten Discovery Systeme an, die Treffermengen in ähnlich schwindelerregenden Höhen produzieren wie Google. Lukas Koster hat Discovery Systeme in einem  – auch sonst sehr nachdenklich machenden – Vortrag kürzlich als „Rückzugsgefechte“ bezeichnet, mit denen Bibliotheken versuchen aufzuhalten, was aber ohnehin unaufhaltbar sei, nämlich die Nicht-Nutzung bibliothekarischer Systeme für thematische Suchen. (more…)

500 Euro für alle statt Bibliothek?

Posted in Berufsbild by Anne Christensen on 23. Mai 2011

Man mag es kaum glauben, aber eigentlich fing meine bibliothekarische Sinnkrise von heute ganz lustig an, denn zunächst konnte ich mich über die im fachlich durchmischten Kollegenkreis entwickelte Idee gut amüsieren: Was, wenn wir die Gelder für den Betrieb unserer Unibibliothek einfach direkt an die Studierenden auszahlen würden? Kurz mal kopfgerechnet und eine Zahl aus dem Hüfte geschossen: 500 Euro könnten wir pro Semester und Kopf auszahlen, wenn wir den Laden einfach dicht machen – und uns selbst feuern, natürlich.

Die Idee sitzt jetzt zum Teufelchen mutiert auf meiner Schulter und quakt mir ins Ohr: Sinnlos ist das bibliothekarische Tun! Google Books macht sowieso alles besser, an der Auskunft leihen wir doch nur Notebookschlösser aus,  Sacherschließung macht die Wikipedia, Bücher verbuchen und transportieren Roboter und für die Einführung in die Recherche gibt’s locker-flockige Filme bei YouTube, die wir in der Qualität sowieso nicht produzieren können. So eine Teufelsstimme macht sich gar nicht gut im als Hintergrund-Geräusch für Gespräche mit Hochschulleitungs-Menschen, die Ideen entwickeln wie: “Wenn wir die Info ganztägig mit dem Wachdienst besetzen, werden doch da Kapazitäten frei.”

In den kommenden Monaten bin ich zu zwei Vorträgen eingeladen, bei denen von mir erwartet zu werden scheint, dass ich Inspiration und Zuversicht verbreiten soll, was die Zukunft unseres Berufes angeht. Das Teufelchen wird wohl mitreisen, nehme ich an:  Edlef Stabenau hat kürzlich auf netbib eine Übersicht über verschwundene Arbeiten in Bibliotheken erstellt, die es (je nach aktueller psychischer Verfasstheit) durchaus vermag, das Feuer in der Sinnkrisen-Hölle noch weiter anzuheizen.

Löschversuch: Was würde passieren, wenn wir die Verteilung der 500 Euro umsetzen würden, jetzt mal abgesehen von der Frage, wie der Lernort Bibliothek (the Starbucks with the books) dann ersetzt würde? Die Leute würden Bücher kaufen, aber vermutlich auch schnell wieder verkaufen. Sie würden Freunde fragen, ob sie ein Buch haben und es ausleihen, Lerngruppen hätten vielleicht einen gemeinsamen Literaturbestand und die Cleveren und Ehrgeizigen würden sich vielleicht zusammenschließen, um elektronischen Content zu kaufen, nachdem sie sich vorher gegenseitig beraten und Erfahrungen ausgetauscht haben. Im Kern machen sie also Aus- und Fernleihe, Erwerbung inkl. Budgetüberwachung und systematischem Bestandsaufbau, Schulung und Beratung. Und sie würden sich nach zwei-drei Semestern wahrscheinlich wirklich freuen, wenn ihnen diesen ganzen Heckmeck jemand wieder abnimmt. Anders gesagt: Wir machen schon einen guten Service.

Von der Vorstellung eines selbstorganisierten studentischen Literaturbeschaffungs-Betriebes, ob nun individuell oder in Kleingruppen, kann man aber vielleicht noch etwas abgucken:  Was hat ein solcher Literaturbeschaffungs-Betrieb, was wir Bibliotheken nicht haben? Eine Art Mikrokosmos als Bezugssystem – also eine klare Ausrichtung auf aktuelle Bedarfe und Themen von Einzelnen und kleinen Gruppen. An unseren Hochschulen dürften Tausende solcher Mikrokosmen existieren: Lern- und Referatsgruppen, Institute und Forschungsprojekte. Unsere bibliothekarische Arbeit zwingt uns zur Orientierung am großen Ganzen: Wir streben nach Synergieeffekten durch kooperative Katalogisierung, nach Einsparungen durch Allianzen, Approval Plans und überregionale Aktivitäten. Ein gewichtiger Grund für eine lokale Bibliothek als physischen Ort sollte aber der individuelle Service sein, mit dem sie berücksichtigt, wie die einzelnen Mikrokosmen arbeiten. Mit welchen Themen beschäftigen sie sich, welche Art und Ausstattung von Arbeitsplätzen benötigen sie, welche Informationen brauchen sie, mit welchen Diensten können wir sie unterstützen. Klingt aufwändig und ist es vermutlich auch – anspruchsvoll zudem, denn der so zu bedienende Mikrokosmos muss erst einmal aufgespürt, kennen gelernt und befreundet werden. Der Kollege, der Teil der eingangs erwähnten Mittagessensgruppe war, wusste weder von der Existenz des Neuerwerbungsformulars noch der der Bibliotheksbeauftragten seiner Fakultät – und dahinter steckt kein Versäumnis von seiner Seite!

Aber dass sich die Hinwendung zu den Mikrokosmen lohnen kann, beweist zum Beispiel der von jeher florierende Service der Semesterapparate in Bibliotheken. Womit wir bei einer Lieblingsidee von mir wären, nämlich der dauerhaften Bereitstellung von Literaturlisten aus Veranstaltungen unserer Hochschulen. Eine meiner Kolleginnen hat eine ganze Regalwand von Ordnern mit Listen aus den vergangenen 10 Semestern im Zimmer, und mit diesem doch recht exklusiven Wissen über empfehlenswerte Literatur zu einem breiten Spektrum an aktuellen wissenschaftlichen Themen sollte sich doch etwas anfangen lassen…

Super Chancen auf Top-Jobs

Posted in Berufsbild by Anne Christensen on 14. April 2011

Liebe Jungs,

am heutigen Zukunftstag schauen sich einige von euch die Arbeit in Bibliotheken an – einem typischen Frauenberuf. Seid gewiss: Dieser bietet euch erstklassige Möglichkeiten, Führungspositionen einzunehmen.

Nur ein Beispiel: Von den 36 deutschen Universitätsbibliotheken im BIX, einer Art Rangliste der besten Bibliotheken, werden 26 von Männern geleitet. Die Top-Jobs in diesen Einrichtungen gehen also zu über 70% an Männer.

Aber guckt auch ruhig mal auf die Ebenen darunter:  Wie viele Männer sind Abteilungsleiter?  Und dann mal zählen: Von wie vielen Frauen und Männern sind die dann jeweils Chef?

Einen schönen Tag bei uns und viele Grüße,

Anne

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Diplom-bibliothekarische Karrieren: Happy End mit Master?

Posted in Berufsbild, In eigener Sache by Anne Christensen on 27. Oktober 2010

Urkunde zur ErnennungDie Feieranlässe häufen sich bei mir diesen Monat: Erst konnten wir die neue Website der Stabi fertigstellen, dann die beluga-Betaversion herausbringen und heute nun, wie zur Belohnung für all das,  als persönliches Highlight noch die Ernennung zur Bibliotheksrätin. Ein passender Soundtrack zum letztgenannten Anlass wäre “(She’s Got A) Ticket To Ride” , denn ohne Ernennungsurkunde auch kein neuer Job in Lüneburg, aber das nur am Rande – eigentliches Thema aus diesem Anlass: Wie ist es eigentlich um die Aufstiegsmöglichkeiten von Diplom-BibliothekarInnen mit Master-Abschluss bestellt?

Als ich 2005 das Fernstudium zum Master of Library and Information Science am IBI der HU Berlin begann, habe ich gleich am Anfang und auch danach noch ziemlich oft ganz schön geschluckt: Dass das kosten- und zeitaufwändige Unterfangen für Diplom-BibliothekarInnen einen Mehrwert im Sinne von Karrieresprüngen habe, wurde dort immer wieder bestritten. Ich habe mehr als einmal überlegt, das Ganze wieder hinzuwerfen und mich in mein Dipl.-Bibl.-Schicksal – Ende der Ausbaustrecke bei A 12 – zu begeben. Was mich neben den Berlin-Wochenenden an sich und der Gesellschaft dort zum Durchhalten bewegt hat war der Glaube daran, dass die Existenz der neuen Bachelor- und Master-Abschlüsse eine Renovierung der Laufbahnverordnungen bzw. der entsprechenden Richtlinien im Angestellten-Bereich erzwingen und sich dadurch eine gewisse Durchlässigkeit ergeben würde.  Dieser Glaube wurde belohnt: In der Freien und Hansestadt Hamburg (und auch in Niedersachsen) kann jemand mit meiner Biographie seit 2010 Bibliotheksrätin werden – also in den höheren Dienst gelangen.  In anderen Bundesländern wird das möglicherweise ähnlich sein, das also ist eine gute Nachricht für Leute mit Diplom- oder Bachelor-Abschluss von Fachhochschulen und Aspirationen auf einen Master plus anschließender Karriere in Form eines Wechsels vom gehobenen in den höheren Dienst.

Aber dazu gleich mehrere Einwürfe:

  • Stellen im höheren Bibliotheksdienst sind in der überwältigen Anzahl Fachreferats-Stellen, erfordern also ein grundständiges Studium eines jener Fächer, die an Universitäten gelehrt werden. Nur ein sehr kleiner Teil der Stellen im höheren Dienst sind losgelöst vom Fachreferat und dann in aller Regel Projektstellen, sprich: befristet. Nur ganz langsam werden auch Positionen im höheren Bibliotheksdienst eingerichtet, denen kein Fachreferat zugeordnet ist – kürzlich sah ich eine in Würzburg, Arbeitsschwerpunkt: Informationskompetenz. Aber das ist eher die Ausnahme als die Regel. Ob das so sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt, Fakt ist: Bei diesen Stellen wird es um Mitarbeit in bzw. Management von (Drittmittel-/IT-) Projekten und “neuen” Themen wie Informationskompetenz, Open Access etc. gehen. Wer sich in diesen Bereichen als Dipl.-Bibl. nicht sieht, braucht auch mit dem Master-Studium nicht anzufangen (es sein denn als Liebhaberei).  Und sollte überhaupt auch noch mal überlegen, ob ein zweiter bibliothekarischer Abschluss wirklich sinnvoller ist als beispielsweise ein Master in einem anderen Fach, also zum Beispiel ein Master of Higher Education, ein Master of Science Communications and Marketing oder eben eine andere Master-Blume aus dem bunten Strauß an Angeboten aus den Wirtschaftswissenschaften und der Informatik.
  • Ist man, wie in meinem Fall, verbeamtet, so genügt der bloße Master-Abschluss noch nicht für eine Ernennung im höheren Dienst. Nach dem Abschluss muss man drei Jahre lang auf einer entsprechenden Stelle tätig gewesen sein. In meinem Fall war es erfolgsentscheidend, dass ich direkt im Anschluss an mein Studium die Leitung des beluga-Projektes übernommen hatte.  Ich saß auf einer A 10-Stelle und habe drei Jahre lang eine Zulage nach A 13 erhalten dafür, dass ich ein relativ großes Projekt geleitet und die Personalverantwortung für das Entwickler-Team übernommen hatte.  Immerhin hatte ich also das Geld (allerdings ohne Pensionsanspruch), aber nicht den Titel und eben auch keine Stelle. Und jenseits dessen: Die Gelegenheiten dafür, auf diese Weise (Führungs-) Verantwortung zu übernehmen und die nötigen Erfahrungen auf einer höheren Position zu sammeln dürften eher rar sein.
  • Im Angestelltenverhältnis ist es theoretisch schon länger möglich, mit dem Master auf eine E 13-Stelle zu kommen. Mir ist allerdings nur ein einziger Fall bekannt, in dem eine vormalige Diplom-Bibliothekarin nach Beendigung des Berliner Fernstudiums eine E 13-Position erlangt hat. Dass diese Position in einer öffentlichen Bibliothek angesiedelt ist, spricht für sich: In wissenschaftlichen Bibliotheken, wo es unbestreitbar mehr freie Stellen in der entsprechenden Dotierung gibt, werden sich die Leitungen auch weiterhin lieber für vollakademisch ausgebildete KollegInnen entscheiden – die kann man im Zweifelsfall dann ja eben auch noch ein Fachreferat führen lassen und man hat bei der Einstellung vermutlich auch weniger Ärger,  da die diversen Verwaltungen einfach (noch) nicht an Leute mit  FH-Abschluss und postgradualem Master gewöhnt sind.

Mein persönliches Fazit:  Menschen mit Diplom- oder Master-Abschluss von den bibliothekarischen Ausbildungsstätten sollte sich klarmachen, dass der Master-Abschluss kein Selbstgänger ist für eine Karriere im höheren Dienst. Im Gegenteil: Ich befürchte sogar, dass es zu einer Art Inflation kommen könnte, weil Stellen des gehobenen Dienstes mit Master-AbsolventInnen besetzt werden. Da Beamtenstellen immer seltener werden, wird es sich dabei um Angestellten-Stellen handeln, und wenn man etwas anderes als E 9 haben will, muss man schon eine sehr tolle Stellenbeschreibung und eine entsprechend geschmeidige Verwaltung haben – plus, und das ist ganz wichtig: Berufserfahrung. Vor diesem Hintergrund würde ich den so genannten konsekutiven Master-Studiengängen (also denen, die sich direkt an ein Bachelor-Studium anschließen) jeglichen Sinn absprechen – zumindest dann, wenn man glaubt, man würde danach ohne Berufserfahrung mehr zu bekommen als die klassischen Einstiegsgehälter des gehobenen Dienstes.

Deswegen würde ich den AbsolventInnen der Bachelor-Studiengänge raten, nach dem Abschluss erstmal zwei-fünf Jahre Berufserfahrung zu sammeln und erst dann einen Master zu machen.  Und dabei dann auch schon eine Vorstellung von den gewünschten Schwerpunkten zu haben und auf solche Stellen gezielt hinzuarbeiten – durch Projekte, Engagement in der Community, Präsentationen, Publikationen etc. Das schafft Alleinstellungsmerkmale in dem nicht gerade kleinen Pool von BewerberInnen um Stellen des höheren Dienstes, macht aber viel Arbeit und ist letzten Endes auch keine Garantie für Karrieresprünge. Die gibt es auf diesem Weg trotz aller neuen Verordnungen nicht, stattdessen ist eine sorgfältige Mischung aus Idealismus, Inspiration und Langmut gefragt. Und natürlich gehört auch ein wenig Glück dazu: In meinem Fall hatte das die Form meines Chefs und meiner Direktorin, die mir viel Gestaltungs- und Entfaltungsspielraum gegeben und mich immer wieder ermuntert haben, trotz der fehlenden Happy-End-Garantie weiterzumachen. Danke, Jürgen Christof und Frau Beger!

Eine generelle Bemerkung zum Schluss: In anderen Branchen des öffentlichen Dienstes, zum Beispiel bei der Polizei,  ist ein Laufbahnwechsel weitaus besser geregelt als im Bibliothekswesen.  Liegt es mal wieder daran, dass wir in einem Frauenberuf arbeiten, dass es solche Aufstiegsmöglichkeiten nicht gibt? Oder dass man sich im Bibliothekswesen eine separate Auslegung des Tarifrechts leistet, die im Moment dazu führt, dass man im gehobenen Dienst im Grunde gar nichts anderes vergeben kann als E 9?

IT-bibliothekarische Kernkompetenzen

Posted in Berufsbild by Anne Christensen on 11. September 2010

In diesen letzten Wochen mit dem bisweilen ja etwas anstrengenden Website-Relaunch bin ich ein echter Fan einer Kollegin geworden, die ich jetzt mal Frauke nenne – und die es hoffentlich nicht total daneben findet, wenn ich ihr hier ein Loblied singe. Frauke ist Bibliothekarin und irgendwann mal von ihrer Abteilung als Beauftragte für die Website ernannt worden, was so eine Mischung aus HTML-Sekretariat und Web-Botschafterin ist. Quasi nebenberuflich, versteht sich, Website-Machen steht ja bei kaum einer Kollegin aus unserer Web-AG  in der Stellenbeschreibung, aber das ist ein anderes Kapitel.

Wie dem auch sei, worauf ich neben der Tatsache, dass Frauke ihren schwierigen Job ganz ausgezeichnet macht hinaus will ist Folgendes: Mir ist durch die Zusammenarbeit mit ihr noch mal klarer geworden, welche (Schlüssel-) Kompetenzen man für die Arbeit im oder nahe am IT-Bereich  braucht.  Deswegen und auch,  weil mir Studierende so oft sagen, dass sie ja gern später mal was mit Bücherei-Elektrik machen würden, hier eine kurze Liste mit eben diesen Kompetenzen – die Frauke natürlich allesamt ihr eigen nennen darf:

Flow zulassen: Es ist ziemlich charakteristisch für viele Aufgaben im IT-Bereich, dass sie sich am besten in einer Art Schaffensrausch erledigen lassen. Und der endet halt manchmal nicht im Gleitzeitrahmen. Natürlich liegt es mir fern, ein grundsätzliche Bereitschaft zu Heimarbeit und endlosen Überstunden einzufordern. Aber die meisten, die ich kenne, machen so etwas von Zeit zu Zeit. Unter anderem bestimmt deswegen, weil Flow auch Spaß bedeutet.
Sich durchbeißen: Das Ergebnis von ein-zwei Tagen einfach wegwerfen  – das erleben viele KollegInnen als Ärgernis, wenn nicht gar als fachliches oder gar persönliches Scheitern. Ist aber eigentlich eine Chance, denn das sind die Momente, in denen man am meisten lernt. Man muss diese Momente also regelrecht willkommen heißen – und halt versuchen, in neuen Flow zu kommen.
Fachliche Weiterentwicklung in die eigene Hand nehmen: Es gibt wenig bis keine formale Aus- und Fortbildung für das, was IT-BibliothekarInnen machen.  Bedeutet: Man muss Dinge auf eigene Faust ausprobieren. Und sich wenn man nicht weiter weiß Rat holen – was aber oft dann schwierig ist, wenn man niemanden zum Fragen in der Nähe hat, sondern per Mail auf einzelne oder Gruppen von ExpertInnen zugehen muss. Das fällt meiner Erfahrung nach insbesondere vielen Kolleginnen schwer, aber deswegen zu schweigen ist keine Lösung. Bei blöden Antworten Ignoranz, bei keinen Antworten Mut zur Neuformulierung zeigen.
Unsicherheit aushalten: Das, was BibliothekarInnen auf der einen und EntwicklerInnen auf der anderen Seite für wichtig halten, unterscheidet sich ziemlich oft. Was die eine Seite an Anforderungen erschöpfend erklärt zu haben glaubt, lässt die andere Seite mit einem Dutzend Fragezeichen im Gesicht zurück.  Davon darf man sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern muss das als Gelegenheit wahrnehmen, mehr über interdisziplinäres Kommunizieren und Arbeiten im Allgemeinen und Software-Entwicklung oder -Parametrisierung im Besonderen zu lernen.
Sich was (zu-)trauen: Bibliothek 2.0-Vordenker Michael Stephens zitierte neulich den schönen Satz “It is sometimes easier to seek forgiveness than to gain permission”. Wenn man von einer Idee überzeugt ist und in der Lage ist, die Idee umzusetzen, kann es mitunter richtig sein, das in leicht subversiver Manier auch zu tun. Dann kann man dem Chef was zeigen und eine einmal entwickelte Lösung wird so schnell nicht gekippt. Dieser Punkt gilt auch für die jungen KollegInnen, die so gern mal “was 2.0-iges” ausprobieren würden, sich aber den einschlägigen Diskussionen auf dem Dienstweg nicht so recht gewachsen fühlen. Ich würde denken, dass sich so manche Vorgesetzte in bestimmten Bereichen auf diese Art “managen” lassen -wobei man natürlich auch hier die richtige Balance zwischen eigenständigem Handeln und der Rückkopplung von Entscheidungen mit der Leitungsebene finden muss.

Natürlich sind alle diese Kompetenzen auch dann von Nutze, wenn man nicht im IT-Bereich arbeitet. Denn  – glücklicherweise – werden die Stellen heute in fast allen bibliothekarischen Bereichen  mit einem mehr oder weniger starken IT-Bezug ausgeschrieben. Was hoffentlich bewirkt, dass Fachabteilungen künftig viele Aufgaben hinsichtlich der Präsentation ihrer Daten und Dienste im Web noch viel stärker selbst in die Hand nehmen.

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