A growing organism

„Wir irren uns nach vorne“: Relevanzsortierung in Discovery-Systemen     

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 3. März 2016

Schon seit Jahren zitiere ich immer wieder Dirk Lewandowskis Ideen zum „Ranking (of) library materials“, um die Hypothese zu unterstützen, dass die heutigen Discovery-Systeme noch viele Potenziale ungenutzt lassen, um die Relevanz-Sortierung von Suchergebnissen zu verbessern. Umso gespannter war ich auf den Abschlussworkshop des Projektes LibRank, in dessen Rahmen neue Faktoren für die Beeinflussung von Rankings in bibliothekarischen Informationssystemen identifiziert und getestet werden sollten. Das ernüchternde Ergebnis: Die Hinzuziehung von Popularitätsdaten und Zitationshäufigkeiten brachte in den Augen von wissenschaftlichen und studentischen TesterInnen keine signifikante Verbesserung des Rankings. Nun mag man sich sicherlich über die Versuchsanordnung und andere methodische Fragen streiten – die insbesondere die geladenen Experten aus den Informationswissenschaften taten dies mit Bezug auf zahlreiche und widersprüchliche Studien. Trotzdem bin ich mit dem unguten Gefühl nach Hause gefahren, dass Daten aus Bibliotheken keinen wirklichen Beitrag dazu leisten können, die Ergebnisse von Suchen zu verbessern.

Warum Pessimismus dennoch unangebracht ist? Zunächst natürlich aufgrund der Verbesserung der Forschungssituation, u.a. durch Artikel wie diesen.  Aber vor allem auch, weil Grund besteht zu glauben, dass der Drops noch nicht gelutscht ist: Die Bremer E-LIB aus ergänzt die herkömmlichen textstatistischen Verfahren zum Ranking seit 2011 mit Daten zur Popularität, insbesondere Exemplarzahlen, – siehe „Nur die ersten drei Zählen! Optimierung von Rankingverfahren über Popularitätsfaktoren bei der Elektronischen Bibliothek Bremen (E-LIB)“.

Der Ansatz des E-LIB-Teams ist im Vergleich zu den im Rahmen von LibRank getesteten Verfahren weitaus pragmatischer: Genutzt werden relativ für alle Einträge verfügbare, leicht zugängliche und vergleichbare Daten, namentlich Klickdaten und Exemplarzahlen. Im Gegensatz dazu hat man sich bei LibRank sehr ausführlich zum Beispiel mit der Zitationsdaten beschäftigt, die im Vergleich zu Exemplarzahlen oder Klickhäufigkeit erfordern, dass man sich sehr ausführliche konzeptionelle und technische Gedanken darüber macht, wie man mit der Tatsache umgeht, dass nicht alle Titel Zitationsdaten haben oder der h-Index sich aufgrund einer potenziellen Bevorzugung von älteren AutorInnen weniger gut eignet als der m-Quotient. Das sind freilich interessante informationswissenschaftliche Probleme, von deren Komplexität das  Projektteam von LibRank sogar überrascht war.  Vielleicht hätte es dem Thema Ranking besser getan, wenn man sich auch ein paar übersichtlichere Faktoren herausgesucht hätte, um damit dann auch empirisch zu beweisen, was in der E-LIB seit fünf Jahren gefühlt gut funktioniert, wie dieser Vergleich zwischen herkömmlichen und um Popularitätsdaten ergänzten Ranking eindrucksvoll zeigt, den mir Martin Blenkle netterweise zur Verfügung gestellt hat:

2016 03 E-LIB Bremen Ranking mit Popularitätsbeeinflussung (2)

Leider blieben auf dem Abschlussworkshop zu wenig Zeit und Raum, um neben den informationswissenschaftlichen auch die bibliothekspraktischen Implikationen zu diskutieren. Ich meine aber wahrgenommen zu haben, dass durchaus Interesse besteht, die Idee des um Popularitätsdaten (und andere Faktoren) ergänzten Rankings weiter zu verfolgen, trotz der wenig ermutigenden Ergebnisse. Immerhin war auch die Gewissheit mitzunehmen, dass wir in unserem „Geschäftsfeld“ nicht allein sind mit dem – durchaus leidenschaftlichen – Glauben daran, die Suche besser machen zu können und der Frustration darüber, dass das jedoch nur durch Versuch und Irrtum möglich ist: Die Keynote zu der Veranstaltung lieferte mit Ingo Hettenhausen einer der Macher von otto.de, von dem das Zitat „Wir irren uns nach vorne“ stammt. Aus seinem Vortrag ließ sich Inspiration für die weitere Arbeit am Ranking schöpfen: Erstens hat er gezeigt, dass ein Informationssystem eine klare Fokussierung braucht. Otto will verkaufen. Wissen wir, was wir mit unseren Discovery-Systemen wollen. Ich unterstelle: Nein, zumindest nicht letztinstanzlich, denn sonst würden wir uns den Einbau von Funktionalitäten sparen, die erwiesenermaßen nur für die Zielgruppe „BibliothekarInnen“ interessant sind. Wir haben eine ungute Tendenz dazu, Discovery-Systeme zur eierlegenden Wollmilchsau zu machen: Sie sollen Katalog, lokales Bibliothekssystem, Fachdatenbank und Repository in einem sein und Informationsbedürfnisse von Studierenden, Forschenden, BibliothekarInnen, SchülerInnen usw. gleichermaßen erfüllen. Ich würde es interessant finden, ein Discovery-System zu bauen, das sich ausschließlich an unerfahrene Bedürftige an wissenschaftlicher Literatur richtet und entsprechend radikal konzipiert ist: Einbeziehung von (möglichst über Verbünde oder gar national aggregierten) Exemplarzahlen, Bevorzugung von einschlägigen Lehrbüchern und Verlagen sowie Titeln mit lokaler Prominenz (Datengrundlage zum Beispiel: Listen von Seminarapparaten) – und natürlich einer liebevolleren Behandlung des Themas Verfügbarkeit, in Form von Bevorzugung aktuell verfügbarer Titel und geschmeidigeren Darstellungen der Optionen für zunächst scheinbar unerreichbare Titel. Gerald Steilen sagte in der Nachbesprechung: „Wir müssen uns mehr um den letzten Klick kümmern“. Ein schönes Betätigungsfeld für Benutzungs-BibliothekarInnen – aber dazu dann in Leipzig mehr.

Stattdessen noch einmal zurück zu otto.de und einer Frage, die mir deswegen im Kopf herumgeht: Dort analysiert man sehr ausführlich, was die BesucherInnen des Portals eigentlich suchen, und bearbeitet häufig gestellte Suchanfragen manuell, um die Ergebnisse zu verbessern. So werden u.a. eine Liste mit über 4000 Synonymen gepflegt und ständig Kategorisierungen verbessert und für die Zukunft über Möglichkeiten der automatischen Anreicherung von beschreibenden Daten nachgedacht. Durchaus vertraute Tätigkeiten, oder? Vielleicht ist es überlegenswert, ob wir nicht auch noch manuelle Ansätze zur Verbesserung der Suche nutzen sollten. Können nicht alle Germanistik-FachreferentInnen mal eine Liste zu den wichtigsten Büchern für die wichtigsten Systemstellen meinetwegen der RVK machen, daraus filtern wir dann diejenigen mit der größten Schnittmenge und setzen sie auf einen kleinen Ranking-Thron? Man kann eben nicht jedes Problem mit Such- und Ranking-Algorithmen lösen, und das ist vielleicht ja auch ganz gut so, weil es Perspektiven für bibliothekarische Beiträge für verbesserte Discovery schafft.

 

Benutzungsregeln & der Lernort Bibliothek

Posted in Benutzung by Anne Christensen on 26. Januar 2016

Präsenzbestände in Bücherwagen horten. Versuchen, sich vor dem Wachdienst zu verstecken, um die Nacht im Einzelarbeitsraum zu verbringen. Brötchen in den Lesesaal schmuggeln. Buchungs-Seilschaften zur Umgehung des „3 Stunden pro Tag“-Limits für Gruppenarbeitsräume gründen.

Bei aller Freude über die (Wieder-?) Entdeckung der Bibliothek als dritten Ort und das viele schöne Geld, das man unter der Überschrift Lernort zum Erwerb von Sitzsäcken und Co. einwerben kann, ist vielleicht die Frage berechtigt, ob und wie unsere Benutzungsregeln zu überdenken sind, um auf veränderte Nutzungsszenarien zu reagieren und Probleme wie die oben geschilderten zu minimieren

Die klassischen „Strafen“ aus Benutzungsordnungen sind Mahngebühren und der Ausschluss von der Benutzung. Letzterer findet aus guten Gründen nur selten Anwendung und dient mit Blick auf die genannten Vergehen eher der Abschreckung als einer tatsächlich einsetzbaren Waffe.

Einen im Vergleich wohl eher als erzieherisch zu beschreibenden Charakter haben die Mahngebühren – viel gefürchtet und in der Regel mit großer Konsequenz durchgesetzt, in Euro umgewandeltes Zeichen, wie ernst wir es nehmen damit, die Bestände zu hüten. Interessanterweise zeigen Erfahrungen jedoch, dass eine Reform von Ausleihreglen und die Abschaffung von Mahngebühren die gefürchteten Verlustzahlen durchaus senken können (Boyce 2014). Wenn man die Ausleihregeln nutzer_innen-orientiert gestalten wollte, müsste man ohnehin über semesterlange Leihfristen nachdenken, jedenfalls wenn ich mir das Verhältnis von Ausleihen zu Verlängerungen in unseren Statistiken anschaue. Und wenn man Mahngebühren abschaffen würde – wie viel Ärger und Zeit würde man sparen, und würde man wirklich Bestände verlieren? Auch hier hat (Boyce 2014) Zahlen, die nachdenklich machen, ob man sich an die heilige Kuh der Mahngebühr vielleicht einmal herantrauen sollte.

Was aber mit den anderen Verstößen – denen in der Grauzone, die man nicht mit Mahngebühren oder Ausschluss von der Benutzung sanktionieren kann, die aber doch das Bild von einem partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Bibliothek und Nutzer*innen zu trüben in der Lage sind? Mir wurde von neulich „delinquenten“ Nutzer*innen kürzlich angetragen, die Schuld durch Fehlverhalten durch Sozialstunden abzuarbeiten – wir freuen uns nun auf tatkräftige Mitarbeit bei der Regalreinigung, aber grundsätzlich sind solche Sanktionen wohl kaum flächendeckend tauglich.

Teilweise wird die Aufgabe der Einhaltung von Benutzungsregeln auch outgesourct: Schließfachanlagen werden von externen Dienstleistern betreut, vielerorts wird der gesamte Betrieb in Randzeiten und an Wochenenden auch von Wachdiensten betreut (vgl. dazu Duden 2015). Doch unabhängig davon, an wen diese und andere Aufgabenbereiche delegiert: Was auch immer dort getan wird, wird mit der Bibliothek in Verbindung gebracht, ihr positiv oder negativ angerechnet. Insofern entbindet das Outsourcing auch nicht davon, Regeln zu formulieren und zu kommunizieren.

 

fünfgründe

Kampagne „Sauber bleiben im Lesesaal“ 2015

Ein interessantes Lehrstück aus dem letzten Jahr war für mich eine Kampagne für den sauberen Lesesaal. Unsere Schilder  – Texte im Stil von „Dein guter Vorsatz für 2015? Nicht mehr im Lesesaal essen. Ist nämlich verboten“ – wurden zwar wahrgenommen, aber wenn es überhaupt eine Verbesserung gab, dann erst nachdem wir den Grund für die Regeln erklärt haben, und dieses in einer offenbar verständlichen und nachvollziehbaren Form.

Gekonnte Kommunikation von Regeln ist das wahrscheinlich beste „Präventionsrezept“ (vgl. Georgy 2010), aber die Umsetzung ist durchaus eine Herausforderung, wir sind schließlich keine professionellen Texter*innen.  Umso mehr hilft es, sich innerhalb von Benutzungsabteilungen und mit anderen Häusern auszutauschen. In einem solchen Rahmen habe ich u.a. auch von der Praxis in Göttingen gehört, wo für die Buchung von Lernräumen ein Guthabenkonto besteht, das mit Sonderpunkten belastet wird, wenn ein gebuchter Raum nicht genutzt wird. Ein gutes Beispiel dafür, wie man sich bei der Regelung von Benutzungsangelegenheiten von Software unterstützen  lassen kann! Und vielleicht ist die Idee eines Punktekontos ohnehin nicht schlecht, wenn es um Regelverstöße in der Grauzone geht – wenn man dann noch definiert, dass man durch Teilnahme an Datenbankschulungen Punkte zurückgewinnen kann, ergeben sich ganz neue Handlungsspielräume… Aber letztlich wird sich wohl kaum eine Bibliothek mit dem Aufwand einer entsprechenden Neuordnung ihrer Benutzungsordnungen belasten wollen. Womit man wieder zurück wäre bei der Aufgabe der „liebevollen und sanften“ Kommunikation von Regeln, und dem Vertrauen in ein Publikum, das sich im Wesentlichen verantwortungsvoll verhält. Genau so wie vor über hundert Jahren:

 

Literatur

Boyce 2014
Boyce, Crystal (2014): Practice Makes Perfect: Updating Borrowing Policies and Practices at a Small Academic Library. In: Journal of Access Services 11 (4), S. 282–297.

Duden 2015
Duden, Rolf (2015): Vom Nachtwächter zum Lernortmanager? – Neue Herausforderungen für das Qualitätsmanagement von Wachdiensten in wissenschaftlichen Bibliotheken.

Georgy 2010
Georgy, Ursula (2010): Verbote als Marketinginstrument in Bibliotheken. In: Bibliothek Forschung und Praxis 34 (3), S. 311–322.

 

Discovery 2015: Von Monopolen, Egoismus, vuFind und mehr

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 2. Dezember 2015

Ein interessantes Jahr für das Thema Discovery geht zu Ende – eine Zusammenfassung in fünf Schlaglichtern:

  1. Monopole wachsen, offene Lösungen auch

Der Markt an kommerziellen Discovery-Lösungen konsolidiert sich: ProQuest schluckt ExLibris, und auch wenn Primo und Summon zunächst noch friedlich koexistieren sollen, wird angesichts dieser und anderer Übernahmen im bibliothekarischen IT-Markt deutlich, dass sich der Preis für Unabhängigkeit in Form von offenen Lösungen lohnen könnte. Mein Discovery-Oscar für 2015 geht vor diesem Hintergrund ganz klar an den Artikelindex des finc-Projektes – großer Applaus!

2. Egoismus ist gut

Ich erlaube mir, etwas weiter auszuholen: Es begab sich ca. 2007, die Idee zu beluga an der SUB Hamburg war gerade geboren und Kollege M.  installierte testweise „dieses vuFind-Ding“. Das ging recht schnell und problemlos,  aber es sprachen dennoch viele Gründe dafür, eine bestehende Eigenentwicklung, die im Kontext virtueller Fachbibliotheken entstanden war, zum Einsammeln und Verwalten von Metadaten bei beluga zu nutzen: Man hatte das nötige Know-How und wusste nicht recht, wie es mit diesem „vuFind-Ding“ weitergehen würde. Und tatsächlich konnten wir in dieser Frühphase des bibliothekarischen Discovery-Zeitalters unsere ganz eigenen Vorstellungen und vor allem die entstehenden Anforderungen in Eigenregie und also ohne Zuwarten auf eine unberechenbare vuFind-Community umsetzen.  Freiheit und Unabhängigkeit sind hohe Güter und erlaubten uns damals, eigene Schwerpunkte zu setzen.

Eine ungefähr ähnliche Motivation dürfte das Team um Gerald Steilen dazu angetrieben haben, in diesem Jahr eine selbst entwickelte Discovery-Lösung  – als Prototyp vorgestellt in diesen Präsentationsfolien, S. 37 ff. [Link korrigiert nach Anmerkung in den Kommentaren, 3.12.2015] – auf die Beine zu stellen. Wenn man schnell vorankommen will und eine starke eigene Vision hat, ist das eine Entscheidung, die egoistische Züge trägt, aber durchaus nachvollziehbar ist. Und tatsächlich ist der neue Prototyp hübsch anzuschauen und angenehm effizient gestaltet. Ich habe also durchaus Sympathien für solche „Alleingänge“ – in der Tat wurde mir selbst kürzlich vorgehalten, mit beluga oder auch der BibApp solche „Alleingänge“ durchgeführt und damit Egoismus an den Tag gelegt zu haben. Mit dem Vorwurf kann ich deswegen leben, weil ich weiß, dass beide Entwicklungen letztlich nicht nur den Bibliotheken genützt haben, an denen ich sie entwickelt habe, sondern auch viele andere direkt oder indirekt profitiert haben. Insofern: Egoismus ist gut.

3. Egoismus ist schlecht

Wieder kurz zurück zu der beluga-Geschichte: Nach Ende der Projektförderung stellte sich heraus, dass sich die Eigenentwicklung nicht unter den normalen Bedingungen weiter pflegen ließ, und so tauschte man den Motor aus – gegen eben jenes „vuFind-Ding“, was sich indessen bekanntermaßen zu einer weltweit genutzte Lösung gemausert hatte und gemeinschaftlich gepflegt und weiter entwickelt wird. Diese Gemeinschaftlichkeit ist ein Vorteil, wurde in den Augen des Teams aus der Göttinger Verbundzentrale zu einem Hemmschuh, u.a. weil das System zu kompliziert geworden sei und die resultierende Behäbigkeit den Umstieg auf zeitgemäße Bauteile schwer mache. Oliver Goldschmidt von der TU Hamburg-Harburg die Kritik von Gerald Steilen detailliert widerlegt, und auch bei beluga und an der Bibliothek der Hochschule Hannover setzt man weiterhin auf vuFind.

Aus meiner eigenen Erfahrung mit beluga würde ich ergänzen wollen, dass man mit Eigenentwicklungen schnelle Erfolge erzielen kann – wie nachhaltig diese sind, wird sich herausstellen, aber ich bin diesbezüglich besorgt. Bedauert habe ich auch, dass der Richtungswechsel bei der Discovery-Strategie nicht früher und breiter kommuniziert wurde – wenngleich ich den Wunsch, diesen Wechsel gleich mit der Vorstellung von etwas durchaus Vorzeigbarem zu verbinden, verstehen kann.  Wenn man aber „die Zielgruppe mitnehmen“ will, dann ist es unschön, diese überfallartig damit zu konfrontieren, dass das Pferd, auf das man jahrelang gesetzt hat, jetzt abgehalftert wird. Und ein wenig hatte ich bei der Lektüre der Folien zur Vorstellung der Eigenentwicklung auch den Eindruck, als habe man das Haar in der vuFind-Suppe unbedingt finden wollen. Wie kürzlich im beluga-Blog zu lesen war, setzen wir an der UB Lüneburg künftig auf vuFind (& die API von Summon). Die drastische Einschätzung zur Brauchbarkeit von vuFind kann ich nicht teilen, sondern glaube aus Erfahrung mit Entwicklung und Betrieb von Discovery-Systemen, dass die gemeinschaftliche Nutzung und Weiterentwicklung der Open-Source-Lösung vuFind der derzeit beste Weg ist. Alleingänge in Form von Eigenentwicklungen kann man sich leisten, aber es ist schade, dass ausgerechnet eine Verbundzentrale sich von dem Prinzip der gemeinschaftlichen Entwicklung trennt.

4. Discovery erzeugt „kognitive Dissonanzen“

Der Richtungswechsel der VZG hat meiner Einschätzung nach ziemlich viele Leute verwirrt – zumindest wenn ich meine Gespräche und Telefonate aus den letzten Wochen dazu Revue passieren lasse. Das ist deswegen schlecht, weil das Thema Discovery ohnehin verwirrend ist: Einerseits wissen oder ahnen wir, dass wir in Discovery investieren sollten, weil Katalog bzw. das traditionelle Ökosystem aus Katalogen und Datenbanken nicht mehr taugen, andererseits wissen wir auch, dass Discovery, so wie wir es jetzt kennen, nicht die abschließende Antwort ist, müssen aber gleichzeitig viel Geld und Aufwand hineinstecken, um uns dann wieder kurz über gestiegene Nutzungszahlen der E-Ressourcen zu freuen, bis uns dann wieder eine Studie sagt, dass sowieso alle bei Google Scholar anfangen… Um halbwegs ernsthaft eine Discovery-System zu betreiben, muss man sich damit anfreunden, dass die Lösung nicht perfekt ist. In der Folge muss man mit den Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit umgehen: sie frustriert ertragen, rechtfertigen, mit Engagement verbessern und uns immer wieder fragen, ob das alles richtig war oder ob man lieber noch mal neu anfangen sollte.  Zur Selbsthilfe und Erbauung: „Warum wir uns die Welt schönreden: Wie kognitive Dissonanz unser Leben bestimmt“.

5. Zu wenig Leute denken mit, und echte Probleme bleiben ungelöst

Die Beteiligung von KollegInnen aus Erwerbungs- und Katalogisierungsabteilungen an Discovery-Projekten ist nach wie vor zu gering, was u.a. auch zu der fehlenden Identifikation mit den Discovery-Systemen führt. Die Einführung eines Discovery-Systems hat aber durchaus das Potenzial, einen Beitrag zur Organisationsentwicklung einer Bibliothek zu leisten. Mehr dazu? Daniel Forsman, Bibliotheksdirektor der schwedischen Chalmers University, hat seine vormalige Katalogabteilung zu „Discovery and Delivery“ weiterentwickelt und berichtet darüber in „Introducing agile principles and management to a library organization“.

Ich hätte Spaß daran, gemeinsam mit interessierten KatalogisiererInnen mal darüber nachzudenken, wie wir es schaffen können, dass Discovery-Systeme bessere Beiträge dazu leisten, die wirklichen Probleme von NutzerInnen zu lösen, also Use Cases zu lösem wie diese hier: „Ich hätte gern einen Übersichtsartikel zu Thema XY?“ oder „Welches Werk darf ich nicht vergessen, weil er quasi das Standardwerk ist?“. Eine schöne Übersicht über verschiedene Suchszenarien gibt es in der Präsentation „Designing the Next Generation of Search User Experience“. Mit Spannung wird zu erwarten sein, was ein Projekt wie LibRank bringt, das Kriterien wie Ausleihzahlen in die Ranking-Algorithmen einbeziehen will. Auch die diversen Altmetrics-Dienste haben irgendwie noch zu wenig mit Discovery zu tun – vielleicht bringt 2016 da Neues? Auf jeden Fall ist das Potenzial von Discovery-Systemen noch lange nicht ausgereizt, man denke nur an die in der Regel fehlenden bzw. nicht clever genug eingebundenen Normdaten. Vor ein paar Jahren haben wir angefangen, nach Bereitstellung der Daten als Linked Data zu rufen. Seit ein paar weniger Jahren stehen zumindest die DNB-Daten bereit, aber wirklich Nützliches  im Sinne von den genannten und anderen Use Cases passiert damit in den Discovery-Systemen bislang nicht. Mehr Pessimismus zu Linked Data gibt es bei Jonathan Rochkind in dem Artikel „Linked Data Caution“ .

Und was kommt 2016, jetzt mal neben beluga 3.1? Auf Verbundebene hoffentlich erstmal die Erhebung von Schnittstellen wie DAIA und PAIA zu Standardleistungen des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes (scnr). Und dann vielleicht eine hübsche Unterarbeitsgruppe zum Thema Discovery?

Discovery und/gegen/mit/trotz Google Scholar

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 19. August 2015

Vor knapp drei Jahren hat ein Vortrag von Simone Kortekaas Aufsehen erregt, in dem laut ausgesprochen wurde, was durchaus in der Luft hängt: Wieso sollen wir überhaupt Discovery und Katalog anbieten, wenn unsere NutzerInnen ohnehin am liebsten googlen? Die Bibliothek in Utrecht verzichtet inzwisschen bewusst auf Discovery und plant auch den Katalog abzustellen. Stattdessen werden Google Scholar, WorldCat sowie einschlägige Fachdatenbanken empfohlen – und ordentlich Arbeit darein gesteckt, den Link Resolver SFX zu pflegen und so für geschmeidige Benutzungserlebnisse, sprich: schnellen Zugang zu Volltexten, aus all diesen Plattformen zu sorgen. Wer mehr wissen will: Es gibt sehr lesenswerte „Fragen und Antworten“ zu der Utrechter Entscheidung und ihrer Umsetzung.

Während Teil 1 der Utrechter Entscheidung – Discovery bringt zu wenig Ergebnis für zu wenig Aufwand – sicherlich von vielen KollegInnen geteilt wird, die dem Thema skeptisch gegenüber stehen, dürfte die Schlussfolgerung, das Feld im Wesentlichen an Google zu überlassen, insbesondere aus einer informationsethischen oder zumindest „kommerzialisierungs-kritischen“ Perspektive streitbar sein, zumal in Sachsen ein erster unabhängiger Artikelindex entstanden ist, der das Potenzial hat, eine echte Alternative zu den kommerziellen Systemen zu sein.

Unabhängig von einer Entscheidung für oder gegen ein Discovery-System lässt sich eine Integration von Lizenzinformation in Google Scholar vergleichsweise spielend leicht bewerkstelligen. Beate Rajski von der TUB Hamburg-Harburg weist hierauf immer wieder in unterschiedlichen Kontexten hin – z.B. in diesen Vortragsfolien – und es gibt für wissenschaftliche Bibliotheken mit einem Link Resolver keinen vernünftigen Grund, diese niedrig hängende Frucht nicht zu pflücken. Es ist anzunehmen, dass sich Google Scholar innerhalb weniger Monate zu einem bedeutenden Treiber für die Nutzung von E-Ressourcen entwickelt, und zwar ganz ohne einschlägige Marketing- oder Schulungsmaßnahmen.

Wenn man ein Discovery-System einsetzt, lautet die spannende Frage, wer erfolgreicher dabei ist, das Publikum zum Volltext zu bringen – Discovery oder Google Scholar? Vorab ein Disclaimer zu statistischen Daten: Ich zitiere im Folgenden keine systematische Analyse, zudem gibt es signifikante Zugriffszahlen auf E-Ressourcen, die nicht über einen Link Resolver vermittelt werden und im Folgenden keine Berücksichtung finden. Schaut man aber auf die Statistiken aus Link Resolvern, zeigen Zahlen aus Lüneburg, Hamburg-Harburg und Mannheim jedoch eine gemeinsame Tendenz: Discovery toppt Google Scholar, was die Anzahl der erfolgreich vermittelten Volltext-Zugriffe (bei SFX: „Clickthroughs“ ) angeht. Der Hauptanteil, meist um die Hälfte aller Zugriffe, kommt aus den Discovery-Systemen, zwischen 20-35% aus Google Scholar. Die Rolle der Fachdatenbanken ist teilweise im Vergleich eher marginal, allerdings zeigen die Zahlen aus Hamburg-Harburg, dass die Daten aus Wiso und Web of Science über Primo Central besser genutzt werden als zuvor, und aus Mannheim wird berichtet, dass die Rolle z.B. von Business Source Premier, keineswegs vernachlässigbar ist.

Für die Nutzung in Lüneburg kann noch die Beobachtung ergänzt werden, dass die Nutzung des Discovery-Systems im Jahresverlauf stark schwankt:  Im Januar und Februar, wenn insbesondere die von unserem Informationskompetenz-Team frisch instruierten Erstsemester ihre ersten Arbeiten schreiben werden Rekordhöhen erreicht. Im Vergleich dazu bewegt sich die Nutzung von Google Scholar über das Jahr hinweg auf einem relativ konstanten Niveau. Ein Erfolg für unsere Marketing- und Schulungsmaßnahmen? Was wäre, wenn wir Google Scholar auf den Thron setzen und es als Einstieg für die thematische Recherche bewerben würden? Vermutlich ebenso interessanter wie unmöglicher Versuch, denn das Geld für die Discovery-Lizenz soll ja nicht umsonst ausgegeben werden.

Die Zahlen legen zumindest auf den ersten Blick nahe, dass sich die Investition in ein Discovery-System lohnt, wenn man das Ziel verfolgt, die elektronischen Ressourcen besser nutzbar zu machen. Die Investition lohnt sich auch, um zu lernen, was Discovery besser machen muss, um mit Google Scholar mitzuhalten bzw. einen eigenen Platz einzunehmen. Es ist nicht gut, dass Google Scholar eine bessere Abdeckung freier Inhalte zugesprochen wurde als Discovery-Systemen. Es ist auch nicht gut, dass wir relativ wenig eigene Handhabe haben, die Discovery-Systeme mit zu gestalten. Viele von uns dürften noch nicht mal bei der Pflege des Link Resolvers selbst Hand anlegen, sondern auch diese Arbeit als Dienstleistung einkaufen. Ich bin manchmal überrascht, wie gut unser Discovery-System funktioniert trotz der eher stiefmütterlichen Behandlung, die es im Vergleich zum Print-Bestand erfährt.

Die Technik ist mittlerweile den Kinderschuhen entwachsen. Discovery-Systeme erinnern inzwischen vielleicht eher an einen wilden Teenager mit der ersten Mofa: Wenig Kontrollmöglichkeiten auf der einen Seite stehen einem durchaus nicht unbeträchtlichen Potenzial auf der anderen Seite gegenüber. Außerdem muss sich das System gegen „Altvordere“ wie Kataloge und Fachdatenbanken und Popstars wie Google behaupten. Aufwachsen ist keine leichte Aufgabe…

Vielen Dank an Beate Rajski und Jörn Cordes von der TUB Hamburg-Harburg und an Dr. Philipp Zumstein von der UB Mannheim für die Bereitstellung von Nutzungszahlen sowie hilfreiche Kommentierungen und Ergänzungen des Artikels.

Überlegungen zur Zukunft der Benutzungsabteilung

Posted in Benutzung, Berufsbild by Anne Christensen on 6. August 2015

Vor inzwischen über vier Jahren hat Edlef Stabenau auf netbib eine schöne Liste mit „verschwundenen Arbeiten“ – Signieren von Fernleih-Scheinen, Einstellen von Katalogkarten usw. – gepostet, die mich seinerzeit schon einmal nachdenklich gestimmt hatte und an die ich wieder denken musste, als eine Benutzungsleitungs-Kollegin neulich fragte : „Was ist eigentlich die Zukunft der Benutzung?“ (more…)

Eine Lanze für die Sacherschließung

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 8. April 2014

Die Studierenden in meinem Seminar „From library catalogs to discovery interfaces“ sollten sich neulich Gedanken über den Zweck des Kataloges machen. Ein Ergebnis hat mich beeindruckt, es lautete:

delivering relevant results for the search

Einen ähnlichen Auftrag beschreiben auch die relativ oft zitierten User Tasks in den Functional Requiremens for Bibliographic Records:

select an entity that is appropriate to the user’s needs (i.e., to choose an entity that meets the user’s requirements with respect to content, physical format, etc., or to reject an entity as being inappropriate to the user’s needs)

Was folgt aber daraus, wenn man dem Katalog – oder dem Discovery Tool – eine solche Aufgabe zuweist? Über den „beratenden Katalog“ haben wir auf dem BibCamp 2010 schon mal nachgesonnen, und in der ersten Phase des beluga-Projektes hatte Uschi Schulz Ideen entwickelt, wie man klassische bibliothekarische Sacherschließungsdaten im Kontext von Discovery-Projekten besser nutzen könnte. Heidrun Wiesenmüller wirbt schon seit Jahren dafür, diese Daten „härter arbeiten zu lassen„, und Magnus Pfeffer macht Vorschläge, wie man die Erzeugung dieser Daten mit automatischen Verfahren vereinfachen könnte – was nur zu begrüßen wäre, wenn man große Metadatenmengen aus Bibliotheken einmal genauer unter die Lupe nimmt und feststellt, dass der Anteil an „sacherschlossenen“ Titeln doch relativ klein ist.

Wirklich viel passiert ist in der Praxis allerdings nicht. BibliothekarInnen, die Sacherschließung machen, kritisieren seit der ersten  Stunde von Discovery-Systemen ihre fehlende Anbindung an Normdateien – und in der Tat ist es doch unbestreitbar eine Verschlechterung, wenn wir auf eine automatische Expansion einer Suchanfrage zum Beispiel um andere Ansetzungsformen eines Namens verzichten müssen. Das bringt uns zwar dem „beratenden Katalog“ auch noch nicht näher, erklärt aber einmal mehr die ausbleibende bibliothekarische Liebe zu den Discovery-Systemen.

Allgemein scheint erwartet zu werden, dass die Volltextindexierung die Erschließung mit Schlagworten überflüssig macht. Wird deswegen nicht mehr in das Gebiet der Sacherschließung investiert? Ich hatte kürzlich eine interessante nächtliche Küchentisch-Diskussion mit einer Freundin darüber, und offenbar scheint es nicht nur ihr, sondern auch vielen anderen SacherschließerInnen so zu gehen, dass für eine qualitätvolle Arbeit nicht genügend Zeit bleibt. Wie gesagt: Die Diskussion fand tief in der Nacht statt, und dann scheinen die Schatten vielleicht etwas länger als sonst – aber die Frage, die im Raum hing, treibt mich immer noch um: Leisten wir damit, dass wir das klassische Feld der Sacherschließung aushungern, einer De-Professionalisierung unseres Berufs Vorschub?

Zugegeben: Auch ich schimpfe gern über die Inkonsistenzen und Spärlichkeiten in der Erschließung und lache ebenfalls gern über die bisweilen unfreiwillige Komik von RSWK-Ketten. Und im Rahmen des beluga-Projektes war die Leitung der AG Thematische Recherche, die sich mit der Entwicklung von entsprechenden Funktionen für das neue Tool beschäftigt hat, vermutlich eine der größten Herausforderungen für mich, weil mir die Anspruch und Wirklichkeit der professionellen bibliothekarischen Sacherschließung so weit entfernt schien von den Bedürfnissen der NutzerInnen, die wir in den teils ergreifenden Videos aus den Usability-Studien ermittelt hatten („Wenn ich keine Ahnung von dem Thema habe, nützt mir die Beschreibung im Katalog überhaupt nichts“) und die die KollegInnen für mein Gefühl zu oft unbeeindruckt gelassen haben.

Insofern habe ich durchaus ein zwiegespaltenes Verhältnis zur Sacherschließung, wie wir sie kennen. Aber ich denke auch, dass man die vorhandenen Daten im Wiesenmüller’schen Sinn besser nutzen kann, und dass das Wissen von SacherschließerInnen sich ausgesprochen nützlich erweisen kann, wenn man die bestehenden Praktiken renovieren will – zum Beispiel in Richtung eines beratenden Kataloges, der das bibliothekarische Wissen darüber, was „gute“ Publikationen ausmacht, sichtbar macht und zur Diskussion stellt. Wie immer wird auch das eine Gratwanderung sein: Auf der einen Seite steht der Bedarf der NutzerInnen nach einer aussagekräftigeren Erschließung von Medien, die rasche und verlässliche Antworten zu deren Qualität und Relevanz gibt. Auf der anderen Seite stehen die durchaus richtigen bibliothekarischen Tugenden wie die Neutralität und – etwas impliziter – die vorsichtige Zurückhaltung in der Beratung. Diese verkaufen wir in unserem Bemühen um NutzerInnen-Orientierung vermutlich zu oft unter Wert – und sind gleichzeitig zu wenig offensiv und transparent mit unserem Wissen darüber, welche Kriterien man zur Qualitätsbeurteilung heranziehen kann.

Meinem Eindruck nach hört auch unsere Begleitung zu früh auf: Wir zeigen, wie die Benutzung von Katalogen oder Discovery Systemen funktioniert, aber bei der Auswahl von Literatur lassen wir unsere BenutzerInnen dann lieber allein. Die gängige Sacherschließung bietet nicht genug Unterstützung dabei – entweder weil zu wenig Literatur überhaupt sacherschlossen ist (was man mit automatisierten Verfahren beheben könnte) oder weil die Sacherschließung zu wenig Aussagekraft hat, um die Selektion im Sinne der anfangs zitierten Aufgabendefinition des Katalogs zu ermöglichen.

Vielleicht einmal Zeit für ein neues Katalog-Projekt, Arbeitstitel: „The Sachkatalog strikes back!“. Das Ziel? Die Re-Professionalisierung des Katalogs! Alle bisherigen Ideen für die Nutzung und Erstellung von Sacherschließungs-Daten werden ausprobiert und in unerschrockenem Wagemut so weiterentwickelt, dass die NutzerInnen in der Evaluation sagen: „Mensch, das Ding hat mir jetzt aber echt geholfen bei meiner Suche nach Literatur zu Thema XY“. Ein Katalog-Projekt nur von (Sach-) KatalogisiererInnen – die anderen üblichen Verdächtigen bei Katalog-Projekten dürfen höchstens assistieren. Schade bloß, dass die Truppe so wenig Zeit zu haben scheint.

Über demografischen Wandel in Bibliotheken- und, natürlich, auch ein bisschen über Discovery

Posted in Berufsbild, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 11. Januar 2014

In den Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist kürzlich ein Band erschienen, der sich mit der Motivation von MitarbeiterInnen in wissenschaftlichen Bibliotheken beschäftigt. Zu den entsprechenden Möglichkeiten für Führungskräfte gibt es wenig Neues zu sagen, wie Autor Stefan Wiederkehr selbst feststellt – die Handlungsspielräume sind eng, viel mehr als das Erkennen und Reagieren auf individuelle Motivatoren und eine generelle Fürsorglichkeit zur Beförderung des Betriebsklimas sind nicht drin. 

Was die Arbeit besonders interessant macht sind die Zahlen, die Wiederkehr erhoben hat. An sich auch wenig überraschend, aber nun n Zahlen für unsere Branche belegt: Die Altersstruktur in Bibliotheken hat sich in den vergangenen 10 Jahren stark verändert: Der Anteil von über 50-Jährigen ist von 31 auf 43% gestiegen, der von unter 25-Jährigen von 19 auf 14% gesunken. Noch drastischer sieht es aus, wenn man nur auf die Gruppe der AkademikerInnen schaut, da ist der Anteil der über 50-Jährigen von 26,9 auf 42,7% gestiegen.

Warum ich das erwähnenswert finde? Unter anderem im Zusammenhang mit dem Eindruck, dass sich immer weniger KollegInnen für Führungspositionen finden lassen. Ich wundere mich darüber, dass auch große Bibliotheken in attraktiven Städten für ihre A11-Stellenausschreibungen Bewerbungsfristen verlängern müssen, wie man unlängst auf InetBib beobachten konnte. Ich nehme an, dass es an BewerberInnen mit relevanter Führungserfahrung gefehlt haben wird – und schließe daraus, dass zur Vermeidung dieses Personalmangels geboten ist, den jungen KollegInnen Gelegenheit zu geben, zum Beispiel im Rahmen von Projekten Führungserfahrungen zu sammeln. Auf der ALA-Konferenz in Chicago, die ich im vergangenen Jahr besucht habe, wurde sich gleich mehrere Vorträge mit der gezielten Förderung der jüngeren Generation von Bibliotheksbeschäftigten auseinandergesetzt – vielleicht sollten wir das hierzulande auch einmal tun? Es wird viel auf alternsgerechtes Arbeiten geschaut, aber die gezielte Entwicklung der jungen Generation ist die andere Seite der Medaille.

Dass sich die Investition in die jüngere Generation lohnt, zeigt eine weitere Zahl: In den letzten 10 Jahren ist der Gesamtanteil der Bibliotheksbeschäftigten in allen drei Statusgruppen in etwa gleich geblieben – eher sogar gestiegen als gesunken. „Eat that, Kathrin Passig!“ möchte man rufen, wenn man nicht noch ein paar Brocken aus dem Daseinsberechtigungs-Entziehungs-Versuch aus dem letzten Herbst im Halse stecken hätte.

Mir ist bei dem viel diskutierten Aufsatz aber nicht nur wegen der anderswo kritisierten Punkte schlecht geworden, sondern zugegebenermaßen auch deshalb, weil ich auch applaudieren wollte – und zwar dort, wo uns geweissagt wurde, dass bibliothekarische Angebote in der Bedeutungslosigkeit verschwinden werden, weil die Hürden für ihre Benutzung zu hoch sind.

Seither geht mir das Bild von der Lessing’schen Ringparabel nicht aus dem Kopf, wenn ich an die drei Bereiche denke, die wir alle gern als lebensrettend bzw. identitätsstiftend für Bibliothek und Berufsstand heranführen:

  • Informationskompetenz
  • Lernräume und Neubauten mit Wow-Effekt
  • Discovery-Systeme und Digitalisierung

Ob sich wohl eines der Themen langfristig als das echte, das lebensrettende herausstellen wird? Mit welchen Diensten schaffen wir es, eine unverzichtbare Verbesserung für unsere NutzerInnen zu schaffen – ganz im Sinne des im Twitterversum begeistert zitierten Satzes von R.D. LankesWe don’t save libraries by saying „look how important we are,“ we save them by being important. 

Trotz einer erwachenden Bau-Zuneigung und unverbrüchlicher IK-Verbundenheit ist mein liebstes doch das Discovery-Thema – und es wurde schon mehrfach totgesagt (u.a. hier oder hier). Aber der Dortmunder Kollege Hans-Georg Becker hat meinem eigenen, bisweilen schwindenden Mut auf die Sprünge geholfen, als er im Rahmen eines Summon-Anwendertreffens sagte:  „Discovery-Systeme sind eine alternativlose Brückentechnologie auf dem Weg der Bibliotheken ins Web.“ Ja, das Entdecken von Literatur findet meistenteils jenseits von Bibliothekskatalogen statt – aber beim Einsatz von Discovery-Systemen lernt man was es bedeutet, die eigenen Daten in anderen Kontexten nutzbar zu machen – und damit die eigene Bibliothek irgendwann für irgendwen wichtig zu machen, um bei der Effektivitätsmessung nach Lankes zu bleiben.

Und schließlich muss man dem Thema vielleicht auch einfach mehr Zeit geben. Jakob Voß verglich den Effekt des Webs auf die gesamte Informationswissenschaft kürzlich mit dem Sputnik-Schock – und ich finde, er hat da nicht zu hoch gegriffen, eher noch im Gegenteil. Die berühmte Schock-Starre erkennt man noch an den vielerorts im Einsatz befindlichen Web-OPACs mit Design im Look von 1998. Aber wer weiß, vielleicht haben am Ende doch die Recht, die an 1998 festhalten und erst wieder auftauchen, wenn Bibliothekskataloge ausgestorben sind und ein paar kommerzielle Dokumentlieferdienste in Kooperation mit ausgewählten Großeinrichtung für Literaturnachweis und -lieferung sorgen? Was solche Fragen angeht, freue ich mich schon auf die Vogel-Perspektive der Lehre: Ab März werde ich mit deutschen und ausländischen Studierenden an der HAW Hamburg den Weg „From library catalogs to discovery interfaces“ nachvollziehen und über etwaige Erkenntniszuwächse berichten.

Fakten zur Discovery-Beziehungskrise

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 16. September 2013

Drei Kollegen von der Universitätsbibliothek im belgischen Liège eine Umfrage unter BibliothekarInnen dazu gemacht, wie sie Discovery-Systemen wahrnehmen. Die Ergebnisse ihrer Studie haben sie letzte Woche in auf einem Ex-Libris-Anwendertreffen Berlin präsentiert – und zwar unter dem schönen Titel: „Where are my MARC-Records? Librarians‘ Perceptions of Discovery Tools“. Eine hoch interessante und wichtige Arbeit!

François Renaville, Laurence Richelle und Paul Thirion haben ihre Umfrage nach der Einführung von Primo im Februar 2013 gestartet – und waren zuerst einmal überrascht von dem großen Rücklauf, denn von 115 KollegInnen haben 72 mitgemacht und zu 22 Statements zu Discovery-Systemen Stellung genommen. Erste Erkenntnis, so kam es mir beim Lesen vor: Das Thema Discovery bewegt die Belegschaft, und in der Tat bestätigt auch die Mehrheit, dass Discovery-Systeme in Zukunft eine zentrale Rolle spielen – wenngleich allerdings der These, dass Discovery-Tools sich in Konkurrenz zu Google befinden, für meine Begriffe überraschend vehement abgelehnt wird. Überraschend finde ich das deshalb, weil wir doch seit Jahren lesen, dass die Informationssuche eben mit Google beginnt. Besteht immer noch die Illusion, dass Universitätsbibliotheken ein Monopol auf wissenschaftliche Informationen haben?

Fast 60% der Befragten halten die Reduktion auf einen einzigen Suchschlitz für eine falsche Idee, und zwar besonders die KollegInnen, die mit dem Thema Informationskompetenz befasst sind. Was vielfach wie als Vereinfachung gefeiert und mit Designpreisen belegt wird (zum Beispiel die Website der Chalmers University Library in Schweden), wird also durch die bibliothekarische Basis ganz anders beurteilt.

Als weiteres Sorgen-Thema ist der Studie zu Folge die Größe der Treffermengen in Discovery-Systemen: Knapp 80% der Befragten in Liège sind überzeugt, dass die bisweilen riesenhaften Ergebnismengen ein großes Problem sind.  Entsprechend groß ist die Überzeugung, dass Schulungen und Training weiterhin notwendig sind.

Ich greife diese Ergebnisse ganz bewusst heraus – alle anderen sind ebenso lesenswert, vor allem die Zahlen zu der Entwicklung von Ausleih-, Fernleih- und Nutzungszahlen elektronischer Datenbanken. Warum ich die zitierten Punkte besonders interessant finde? Weil sie meine Befürchtung stützen, dass es uns BibliothekarInnen vielleicht gar nicht so willkommen ist, da die Recherche allzu sehr vereinfacht wird.  Warum sonst auf Suchschlitze verzichten und außer Acht lassen, dass die reinen Mengen an Ergebnisse viel weniger hinderlich für ein gutes Benutzungserlebnis sind als deren Qualität?

Den norwegischen Kollegen Rurik Greenall habe ich in diesem Jahr schon mehrfach zitiert: Librarians think that users need to eat their greens. Sind Discovery-Systeme aus bibliothekarischer Sicht bloß Fast-Food? Oder gar eine Bedrohung für den Berufsstand? Zu meiner im Februar diesen Jahres – in provozierender Absicht – geäußerten These, dass BibliothekarInnen Discovery-Systeme nicht mögen, weil sie befürchten, die einfach zu benutzenden Systeme könnten ihnen die Erklär-Jobs kosten, habe ich auf Twitter ein wenig Spott geernet. Wohl gemerkt: Ich bin nicht der Ansicht, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt völlig ausgereifte Systeme vor uns haben. Im Gegenteil: Discovery muss und kann noch viel besser werden, speziell wenn wir über Relevanz-Ranking reden.  Und ich glaube auch nicht, dass wir uns das, was ich flapsig Erklär-Jobs nenne, sparen können – aber den Fokus können wir ändern, und eben dabei helfen Discovery-Systeme, weil sie Erklär-Zeit für die Grundlagen sparen und mehr Auseinandersetzung mit den Inhalten möglich machen.

Aber vielleicht mache ich hier auch den zweiten Schritt vor dem ersten – und der wäre die Nachahmung der belgischen Studie, um rein zahlenmäßig mehr Antworten zu bekommen und dann auch international zu vergleichen. Die Idee, einzelne Statements zu Discovery-Systemen separat für Informationskompetenz-Personal auszuwerten, gehört dafür aber in jedem Fall auf den Merkzettel!

„…kommen mit einem viel kleineren Werkkanon aus“

Posted in Benutzung, Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 16. August 2013

Auf netbib wurde in dieser Woche auf einen Zeitungsartikel aufmerksam gemacht, der die Vorbereitungen der USB Köln auf das Wintersemester beschreibt. Mich hat folgendes Zitat beeindruckt:

Bibliotheksmitarbeiter stellten außerdem fest, dass mit den Bachelorstudiengängen eine geänderte Literaturnutzung einhergeht. Die Studis kommen mit einem viel kleineren Werkkanon aus.

Ich würde diese Feststellung gefühlt bestätigen – zumindest für die meisten Studienfächer. Aber die Frage, ob und wie die Neuordnung der Studiengänge den Literaturbedarf beeinflusst, ist wohl auch noch recht unbeforscht. Wenn man aber annimmt, dass die Kölner These stimmt: Was können wir in Bibliotheken tun, um darauf zu reagieren? Insbesondere wenn man auch noch Zeitknappheit unterstellt und der Ranganathan’schen These anhängt, dass es eine Aufgabe der Bibliothek ist, ihren Nutzerinnen und Nutzern Zeit zu sparen?

Aufstellung: Nahbereiche und Interessenskreise

Classics in Engineering

Bücherregal an der James B. Hunt Library der North Carolina State University

Das Prinzip der „dreigeteilten Bibliothek“ ist zwar für öffentliche Bibliotheken entwickelt worden, aber warum nicht mal die Anwendbarkeit auf Universitätsbibliotheken überprüfen? An der James B. Hunt Library der North Carolina State University sah ich Regale mit Literatur-Klassikern für alle angebotenen Studienfächer – für die man Platz hat, weil man große Teile des restlichen Bestandes in Magazine verbannt hatte (weitere Fotos von einem unglaublichen Bibliotheksbesuch hier). Solche Sonderaufstellungen jenseits der Systematik sind in wissenschaftlichen Bibliotheken zwar nicht sonderlich beliebt und es ist sicherlich eine Herausforderung, ein Klassikerregal gut zu platzieren und hübsch zu gestalten.  Auch die Erstellung eines solchen Werkkanons ist vermutlich schwierig – aber gleichzeitig eine nette Gelegenheit, mit den Lehrenden ins Gespräch zu kommen und die Aktualität des eigenen Bestandes zu überprüfen.

Suche: De-neutralisieren

Die Neutralität des klassischen Bibliothekskataloges ist ein Wert an sich, und nicht umsonst erzeugt deswegen die Relevanz-Sortierung von Discovery-Systemen immer wieder Widerspruch in Bibliothekskreisen.  Die berühmte normative Kraft des Faktischen zwingt uns aber, einem neuen Paradigma bei der Informationssuche Platz zu geben, nämlich dem ausdrücklichen Wunsch der Nutzerinnen und Nutzern, wichtige Titel weit vorne zu finden.

Ich halte es nach wie vor für eine der interessantesten Herausforderungen der nächsten 10 Jahre für unseren Berufsstand, diesem Wunsch besser zu entsprechen, also Beiträge dazu zu leisten, wie ein System wie Katalog oder Discovery-Layer signifikante und idealerweise kontextbezogene Empfehlungen für „wichtige“ Literatur geben kann. Google hat in dieser Woche vorgestellt, wie man dort gedenkt, das Problem zu lösen: Man möchte einen Empfehlungsdienst für so genannte  In-Depth-Articles aufbauen. Wie der funktioniert? Ausgesprochen bibliothekarisch: Strukturierte Metadaten, sorgfältige Auswahl von „guten“ Verlagen.

Informationskompetenz: Widerspruch erzeugen

Zum Ausgleich für die „Don’t make me think“-Mentalität, der die ersten beiden Vorschläge entstammen, müssen auch Wege gefunden werden, wie man von den Trampelpfaden der Werkekanons und Empfehlungsdienste abweichen kann und soll. Eine Bibliothek, die physisch wie virtuell einfach zu benutzen ist und auch die impliziten Fragen ihrer Benutzerinnen und Benutzer beantwortet, hat mehr Möglichkeiten, die verheißungsvollen Wege jenseits der Trampelfade aufzuzeigen – und im Idealfall auch Widerspruch gegen einen Kanon oder einen Empfehlungsdienst zu erzeugen.

Warum BibliothekarInnen bei Discovery mitmischen sollten, trotz allem

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 20. April 2013

Meiner Freude darüber, dass die Diskussion um die Haltung von BibliothekarInnen zu Discovery-Systemen weitere Kreise zieht, habe ich schon in meinem letzten Post Ausdruck verliehen – das kann ich angesichts der interessanten Diskussionsbeiträge dazu nur wiederholen. Und eben weil die Diskussion so interessant ist, möchte ich auf diese Beiträge wiederum in einem separaten Post antworten. Vorab noch ein Hinweis: Das Thema wird auch anderswo diskutiert, eine US-amerikanische Kollegin berichtete gerade kürzlich über ihre Erfahrungen bei der Einführung eines Discovery-Systems unter dem Titel Overcoming Librarian Resistance to Adopting Discovery Tools.

Aber zur Sache, denn ich möchte erklären, warum ich meine, dass BibliothekarInnen gute Beiträge für die (Weiter-) Entwicklung von den jetzigen Discovery-Systemen leisten können und warum ich finde, dass es auch unverzichtbar ist, das zumindest zu versuchen. (more…)

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