A growing organism

Warum mich das Thema Info-Kompetenz neulich so angeätzt hat

Posted in Informationskompetenz by Anne Christensen on 11. April 2011
Dämliches Bullshit-Bingo-Gemälde

Sorry!

Eigentlich wollte ich dieser Tage einen 100-Tage-im-neuen-Job-Artikel verfassen. An seiner Stelle ein paar Auslassungen zum Thema Informationskompetenz – vor allem motiviert dadurch, dass ich mich ein wenig schäme: Saß ich doch am Freitag mit einem Haufen wunderbarer und kluger Kolleginnen und Kollegen aus meinem neuen Lieblings-Bundesland Niedersachsen zu selbigem Thema zusammen und war mir dennoch nicht zu blöd, meine frustigen Langeweile-Gemälde bei Facebook zu posten. Das hat dortselbst zwar für Amüsement gesorgt, ist aber nicht eigentlich lustig und schon gar nicht professionell.

Was war geschehen?

Das Thema Informationskompetenz wird in manchen Sitzungen – für meinen Geschmack zumindest – zu hoch aufgehängt. Landesweite Strategien, Standards, Führerscheine für Medien- und Informationsbenutzung von der Wiege bis zur Bahre… Ich bin dann immer ganz gelähmt von der Größe der Mission, der wir uns stellen wollen, und aus der Lähmung wird dann rasch Zynismus, siehe besagtes Bullshit-Bingo-Gemälde bei Facebook. In der Rolle des selbsternannten Advocatus diaboli habe ich mir dann eitlerweise gefallen, aber so ganz verlassen hat mich meine Skepsis nicht.

Ich habe 1998 meinen ersten bibliothekarischen Abschluss erlangt. Damals erlebte das Thema „Benutzerschulungen“ gerade wieder so eine Art zweiten Frühling, mit all den tollen neuen Online-Datenbanken, die der „Endbenutzer“ ohne Kenntnis von Abfragesprachen benutzen konnte. Dass die Vermittlung von Kenntnissen in der Recherche, Beurteilung, Beschaffung und Verwaltung von wissenschaftlichen Informationen mal eine zentrale Rolle im Berufsbild der Bibliothekarin spielen würden, war damals noch nicht wirklich abzusehen. Aber das Thema Informationskompetenz/Teaching Library hat gute und erstklassig engagierte FürsprecherInnen gehabt befindet sich jetzt in einem scheinbar immerwährenden Frühling.

Ich habe mit dem Thema IK mein erstes Geld verdient und bin ihm deswegen auf ewig verbunden. Nichtsdestotrotz habe ich so meine Zweifel, was das bibliothekarische Engagement in diesem Bereich angeht. Hier ein paar Thesen, die meine etwas ätzende Laune von Freitag (halbwegs) versachlichen:

  1. Die IK-Aktivitäten sind aber auch deswegen so sehr ins Zentrum gerückt, weil sie gut dafür taugen, eine Daseinsberechtigung von Bibliotheken bilden.
  2. Deswegen mögen DirektorInnen das Thema jetzt doch.
  3. Trotzdem gibt es zu wenig begeisterte und begeisternde Lehrende für IK, um den vollmundigen Positionspapieren (ein Beispiel: das der BID) gerecht werden zu können.
  4. Das wiederum ist ein Personal- und Organisationsentwicklungsproblem erster Güte.
  5. Klar: 2 Stunden „Sendezeit“ für bibliothekarische Themen im Rahmen einer Erstsemester-Einführung sind toll. Aber das ist Marketing, nicht Informationskompetenz-Vermittlung.
  6. Der Sendezeit-Gedanke steht einer gründlichen Auseinandersetzung mit Formen, Publikations- und Verzeichniswegen von wissenschaftlicher Literatur im Weg.
  7. Die Vernetzung von Bibliotheken und Lehrenden ist nicht eng genug, um authentisch für die Notwendigkeit der Kompetenzen zu werben und diese fach- und situationsbezogen zu vermitteln.
  8. Lehrende – besonders ProfessorInnen – sehen es nicht notwendigerweise gern, wenn wir ihren Studierenden erklären, was unserer Meinung nach relevante Literatur ist. Das Dilemma ist aber, dass sie keine Zeit haben, ihre Strategien für die Recherche und Evaluation wissenschaftlicher Information zu erklären.
  9. Studierende akzeptieren die Umständlichkeit der gängigen Informationsmittel nicht. Über SchülerInnen in wissenschaftlichen Bibliotheken möchte ich nicht sprechen.
  10. Wir müssen Discovery und Delivery dringend verbessern. Wie soll ich sonst erklären, was genau an den Ergebnissen der Suche in einer Fachdatenbank toller ist, aber warum die ungefähr 20-mal so lange dauert wie bei Google?

In frühlingshafter Milde ein paar (hoffentlich) konstruktive Vorschläge, wie man das große Wort Informationskompetenz sinnvoll füllen könnte. Als eine Art Abbitte für das Gemecker:

  1. IK im Kleinen leben:  In jedem Auskunftsgespräch den „Teachable Moment“ finden, also persönlich und leidenschaftlich sein!
  2. Auf Lehrende zugehen und ihnen Besuche in ihren Kursen anbieten.
  3. Es aber den Lehrenden überlassen, die Studierenden für die Suche nach den höher hängenden Früchte der Fachinformation zu motivieren.
  4. Noch mal genauer darüber nachdenken, was man mit der kostbaren Sendezeit bei den Erstsemestern anfängt. Vielleicht wirklich mit den Publikationsformen und -wegen der wissenschaftlichen Literatur anfangen.
  5. Den Erstsemestern Gutscheine anbieten für fünf professionell recherchierte Artikel im Wert von 100 Euro aus wissenschaftlichen Datenbanken. Just to feel the difference.
  6. Die KollegInnen, die wirklich gerne unterrichten, Angebote mit Credit Points übernehmen lassen oder auch sonst so richtig Gas geben lassen. Natürlich nur bei Präsenz-Veranstaltungen. Über E-Learning möchte ich nicht sprechen.
  7. Mehr Zeit in niedrigschwellige, individuelle Beratungsangebote investieren, zum Beispiel durch Beteiligung an Aktionen wie der „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeit“.
  8. Dabei und auch sonst die Vernetzung mit anderen Einrichtungen in der lokalen Hochschule  suchen, die neben uns auch noch Rettungsanker für verzweifelte Haus- und Abschlussarbeits-AutorInnen sind: Rechenzentren, Schreibberatungen, Career Center…
  9. Mehr Zeit, Geld und (bibliothekarisches!) Know-How darein investieren, gerade ungeübten NutzerInnen die Suche nach wissenschaftlich relevanter Literatur zu erleichtern (genau: ich meine ausgefeiltes Relevanz-Ranking oder solche Plattformen mit Lehrbüchern und anderen Einsteiger-Materialien wie den Wiener Van-Swieten-Katalog)
  10. Mehr Zeit darein investieren, gute Worte zu finden. Unter Informationskompetenz oder Teaching Library kann sich kein Mensch außer uns was vorstellen.

9 Antworten

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  1. Jens Wonke-Stehle said, on 11. April 2011 at 4:11 pm

    Informationskompetenzvermittlungsdebatten sind, wie ich woanders schon mal geschrieben habe, nicht wirklich mein Tennisplatz. Aber hierfür gibt es Zustimmung. Bei 5. bin ich etwas unsicher, aber 1. und 7. gefallen mir. 10. stimmt. Hier haben wir wohl als Berufsstand insgesamt ernste Wortfindungsprobleme…

  2. TempelB said, on 11. April 2011 at 6:04 pm

    Bei Punkt 8 (in der ersten der beiden Aufzählungen) ging mir spontan durch den Kopf: „Den Anspruch habe ich auch nicht.“ Bei jeder Benutzerberatung und -schulung, insbesondere natürlich bei Schülern und Studierenden, weise ich gleich zu Anfang darauf hin, daß ich nur Hilfe zur Selbsthilfe geben kann, und insbesondere die Relevanzprüfung so sehr von den Wissensvoraussetzungen und vom Zweck der Recherche abhängen, daß ihnen das niemand abnehmen kann. Die Reaktionen darauf bei Einzelberatung sind immer interessant: Manche sind geradezu enttäuscht (das sind die, die gehofft hatten, der Fachreferent würde ihnen nicht nur das Buch zeigen und die Seite nennen, woraus sie ihre Facharbeit abschreiben können), andere verstehen sofort, was gemeint ist (das sind meistens die, wo man den Eindruck bekommt, daß sie etwas mitnehmen und schnell am Beispiel lernen).

  3. Wolfram Seidler said, on 11. April 2011 at 6:10 pm

    Ich kann dir eigentlich auch nur zustimmen. Verstecken wir uns vielleicht nicht auch ein bisschen hinter unseren worten (unserem „wording“)? zumindest in meiner erfahrung in diversen übungen an der uni sind mir hauptsächlich große und verständnislose augen in erinnerung, wenn der sprech wieder mal allzu bibliothekarisch war😦 und weil die idee der „langen nacht“ so cool ist, wirds bei uns in wien im juni auch eine geben; leider (noch) nicht bundesweit, aber ein anfang ist es allemal.

  4. HamburgerDeernS said, on 12. April 2011 at 8:30 am

    Mir wurde aus dem Herzen gesprochen, es geht mir genauso. Und ich finde die Ehrlichkeit erfrischend und gleichzeitig noch konstruktive Vorschläge, danke dafür. Gegen Punkt 6 sprechen leider die Hierarchien in den meisten Bibliotheken.

  5. Dale said, on 12. April 2011 at 3:09 pm

    Es gibt hier einfach viel zu kommentieren. Wir sind in vielen Hinsichten ähnlicher Meinung, nur bin ich sogar etwas skeptischer als Du. Schade ist aus meiner Perspektive nur, dass Du auf Deutsch schreibst, denn dieser Beitrag wäre ideal für eine Debatte, die wir zur Zeit führen.

    Hier werden zur Zeit sämtliche face2face IK-Veranstaltungen abgewickelt, zugunsten von online Videoschnipseln, alles unter dem Motto Blended Learning, was ich schon gar nicht mehr hören möchte. Gibt es eine ungeeignetere Bezeichung für ein intellektuelles Verfahren, würde ich gerne davon erfahren. Und zu Deinem ersten Punkt in der 2. Liste kann ich nur sagen, leider kann das hier stattfinden, da keine ausgebildete Mitarbeiter sitzen an irgendeiner Theke in der Bibliothek. Es ist eine Katastrophe.

    Wo wir im vollen Einklang stehen ist zum 10. Punkt in der ersten Liste. Ich habe es seit Jahren mit der Vermittlung von schlechten Web-Oberflächen satt. Nichts könnte eine größere Zeitverschwendung darstellen. Unsere Online-Dienstleistungen sind oft veraltet und erbärmlich. Wir haben kurz vor meiner Ankunft hier einen Vertrag für ein ILS unterzeichnet (SirsiDynix Symphony). Die Software wurde eindeutig in den 90er entwickelt, und seitdem nur halbherzig aktualisiert und angepasst. Wer solche Software kauft (mein Chef!), sollte sich schämen.

  6. Anne Christensen said, on 13. April 2011 at 9:48 pm

    Danke für das Feedback!

    @tempelB: Ich bin auch lange unschlüssig gewesen, was diesen Anspruch angeht. Ich habe festgestellt, dass ich in Auskunftsgesprächen, wenn jemand nach Literatur zu einem Thema sucht, eigene, bisweilen komplexe Relevanzkriterien anlege und habe gute Erfahrungen damit gemacht, dann zu kommunizieren, warum ich denke, dass Titel A vielleicht besser geeignet ist als Titel B (Verlag, Anzahl der Exemplare etc.). Viele brauchen die Anstöße, um über die Informationen, die wir ihnen bieten, etwas mehr nachzudenken. Deswegen halte ich das für einen guten Ansatzpunkt – und die fortgeschrittenen, kritischeren Geister können sich dann gerne daran reiben.

    @Dale: Ich wünschte, ich hätte Zeit für einen englischen Post. Ein bisschen zu meinen Auslassungen wurde ich nämlich in der Tat von der Diskussion bei euch drüben inspiriert, die offenbar durch den Vortrag von deinem neuen Chef Jeff Trzeciak ausgelöst wurde. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben nicht mit Karen G. Schneider einer Meinung, weil ich es etwas zu pathetisch fand, wie sie „Informationskompetenz“ als Kerndienstleistung auf den Sockel gehoben hat. Das Trzeciak-Extrem ist es aber auch nicht, ich glaube gerade bei den Undergraduates an die Face2Face-Sache. Naja, aber du hast recht, es gibt viel zu diskutieren…

  7. […] Das ist nett formuliert, nachvollziehbar und leicht übertragbar. Anne Christensen sorgt sich hier aus der Sicht einer Bibliothekarin um das Thema “Informationskompetenz”. Und hat aus lauter Verzweifelung und Langeweile ein “Bullshit Bingo Informationskompetenz” gebastelt. Was ihr aber jetzt irgendwie leid tut. Anyway, ich glaube nicht, dass man lange für ein “Bullshit Bingo Medienkompetenz” braucht. Anne Christensen, A growing organism, 11. April 2011 […]

  8. Moritz Berger said, on 16. April 2011 at 10:54 pm

    Die lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeit im ersten Moment dachte ich an Hausarbeiten wie Rasenmähen, Fenster putzen etc.🙂

    Frage dennoch: muß alles oder vieles niedrigschwellig sein ?

  9. […] Anne Christensen widmet einen Blogbeitrag der Informationskompetenz und meint, dass die hohen Ansprüche der Bibliotheken zwar gut klingen, aber so nicht umgesetzt werden (können). Bei aller Kritik gibt es jedoch interessante Verbesserungsvorschläge. […]


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