A growing organism

Bessere Tools statt IK-Veranstaltungen?

Posted in Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 20. April 2011

Bei uns in Lüneburg gehört das Thema Katalog-Entwicklung in das Aufgabengebiet Informationskompetenz. Die Einrichtung unseres neuen KatalogPlus, der hiesigen TouchPoint-Installation, hat maßgeblich eine Kollegin betreut, die ansonsten auch die ganze Bandbreite unserer IK-Veranstaltungen von Erstsemester-Einführung bis Citavi-Workshop bespielt. Das ist gut so, denn wer die Punkte kennt, an denen BenutzerInnen bei der Arbeit mit unseren Tools scheitern, kann wertvolle Beiträge dazu leisten, eben jene Tools zu verbessern.

Beim weiteren Nachdenken über die neulich hier als ätzend bezeichneten Aspekte des Themas Informationskompetenz ist mir ein Artikel eingefallen, den ich vor gefühlten 100 13 Jahren in meiner Diplomarbeit zitiert habe:  Send For a Child of Four! or Creating the BI-Less Academic Library von Michael Gorman aus dem Jahr 1991.  Gorman stellt hier die These auf, dass man auf das gesamte Thema Informationskompetenz (damals „Bibliographic Instruction“, kurz BI) verzichten  und stattdessen alle Energie darein stecken sollte, Bibliotheken und ihre Informationsdienste stärker an den Bedürfnissen ihrer BenutzerInnen auszurichten. Konkret: Klarer strukturierte Bibliotheksräume schaffen, sinnvoll und verständlich beschildern, aber  vor allem ein einziges Recherchetool anbieten, mit dem man Bibliothekskatalog und andere relevante bibliografische und Volltextdatenbanken durchsuchen kann und mit dialogbasierten Hilfesystemen dabei unterstützt wird,  die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu finden. Gorman optimistisch zu der Machbarbeit solcher Tools:

There are strategic and financial difficulties to overcome, but it is entirely probable that integrated access to all of these (systems) will be widely available during the 1990s.

Hier irrte Gorman, würde ich sagen – gebe allerdings zu, dass ich mich in meiner Diplomarbeit 1998 durchaus von seinem Optimismus habe anstecken lassen. Damals hat man bei einem Recherchetool wie von Gorman skizziert sicher an eine Art förderierte Suche gedacht, bei der die Anfrage parallel an verschiedene Kataloge und Datenbanken geschickt wird und die Ergebnisse in aggregierter und dublettenbereinigter Form zurückkommen.  Ein solches Tool ist das bei uns eingesetzte TouchPoint, allerdings werden die Ergebnisse nicht aggregiert und dublettenbereinigt. Moderne Antworten sind die Discovery-Lösungen, bei denen Metadaten und Volltexte unterschiedlichster Herkunft auf ein einheitliches Format gebracht und in einem zentralen Index zusammengeführt und durchsuchbar gemacht werden. Der zentrale Index sowie die eingesetzte Suchmaschinentechnologie haben dabei den Vorteil, dass man verschiedene Möglichkeiten anbieten kann, die Treffermenge nachträglich nach unterschiedlichen Kriterien einzugrenzen oder auch differenzierte Methoden anwenden kann, die Treffermenge nach unterschiedlichen Relevanz-Kriterien zu durchsuchen.  Solche Lösungen kann man kaufen – zum Beispiel Primo, Summon oder EDS – oder selbst (weiter-) entwickeln, wie beispielsweise die Bremer E-LIB oder die Harburger vuFind-Installation beweisen.

Fakt ist aber: Wenn man eine Discovery-Lösung gut machen will, also an die lokalen Bedürfnisse anpassen, für eine nahtlose Verbindung zu den Verfügbarkeitsinformationen sorgen etc., dann ist das ein ganzer Haufen Arbeit. Für mich ist das Potenzial von solchen Lösungen aber unbestreitbar: Wir können unseren BenutzerInnen damit das Leben leichter machen, weil wir ihnen Zeit und komplexe kognitive Prozesse bei der Evaluierung von Literatur und der Ermittlung ihrer Verfügbarkeit ersparen. Wir können mit den Lösungen gezielt auf die Bedürfnisse unserer Kundschaft vor Ort eingehen, wie zum Beispiel das Project Leftie von Ken Varnum, das auf Basis von Summon in etwa Gormans Traum von 1991 erfüllen dürfte, u.a. weil damit Suchergebnisse an das Expertise-Level der Anfragenden angepasst werden.

Dass bessere Tools jedoch die alleinige Antwort auf die Informations-Inkompetenz dieser Zeit sind, glaube ich nicht wirklich.  Bekanntermaßen bin ich skeptisch, was gewisse Formate und Inhalte bibliothekarischer Informations-Kompetenz-Veranstaltungen angeht. Aber Gormans provokanter These, dass bessere Rechercheinstrumente die IK-Aktivitäten überflüssig machen, würde ich nicht mehr ohne weiteres zustimmen.

Interessant in diesem Zusammenhang: Gorman ist ein sehr umstrittener Bibliothekar, u.a. wegen seiner Thesen zur Sinnlosigkeit von Digitalisierung und bibliothekarischen Weblogs (siehe Wikipedia-Artikel zu seiner Person). Ein Kollege von ihm, Jeff Trzeciak,  wird derzeit in den US-amerikanischen Blogs mit einer ähnlichen Intensität angefeindet wie einst Gorman, und zwar weil Trzeciak die IK-Veranstaltungen zugunsten von E-Learning abgeschafft hat (ebenso wie übrigens die Auskunftstheken) und an Stelle von BibliothekarInnen in Zukunft Software-EntwicklerInnen und PostDocs als FachreferentInnen einstellen will. Klar: Viele Aufgaben bei der Evaluation von Discovery-Lösungen und deren Pflege und Implementierung sind sehr technisch und erfordern entsprechend vorgebildetes Personal. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass bessere Tools bibliothekarisches Wissen brauchen. Ein paar Beispiele für Fragen, die bei der Entwicklung und Implementierung von Discovery-Tools auftauchen und die in einem ersten Schritt von BibliothekarInnen beantwortet werden müssen, bevor es an die technische Umsetzung geht:

  • Auf Basis von welchen inhaltserschließenden Daten bildet man sinnvolle Facetten?
  • Welche Kriterien legen wir im Auskunftsdienst an,  um aus einer Treffermenge von 100o Titeln die von der Nutzerin gewünschte Einführung zu selektieren?
  • Wie könnte man die Suche nach Zeitschriftentiteln verbessern?
  • Welche besonderen Informationsbedürfnisse haben Musik-Studierende und wie könnte ein neuer Katalog ihnen bei der Suche nach den von ihnen gewünschten Materialien helfen?
  • Wie machen wir die Literaturlisten aus dem Seminarapparaten der letzten 10 Jahre zugänglich?

Natürlich brauchen immer mehr BibliothekarInnen immer mehr IT-bezogene Kompetenzen. Ob die Idee eines entsprechenden Zusatz-Zertifikates, die ich in dem Post zu den IT-bibliothekarischen Kernkompetenzen mal angedeutet habe,  wirklich umsetzbar ist, habe ich noch nicht weiter überlegt. Auf jeden Fall brauchen die Tools aber bibliothekarisches Wissen und bibliothekarische Erfahrung – und zwar unter anderem aus den Situationen, in denen man Erstsemestern, PromovendInnen oder neuen studentischen Hilfskräften erklärt hat, wie man Literatur findet, evaluiert, beschafft und publiziert.

9 Antworten

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  1. […] der Kommentar zu deinem Beitrag Bessere Tools statt IK-Veranstaltungen? etwas länger ausfällt und vielleicht auch an einigen Stellen daran vorbeiläuft, habe […]

  2. Dörte said, on 20. April 2011 at 1:06 pm

    Hallo Anne,

    da der Kommentar sehr lang geworden wäre, habe ich mal einen eigenen Blogbeitrag draus gemacht🙂

    Viele Grüße und ein frohes Osterfest
    Dörte

    • Anne Christensen said, on 21. April 2011 at 11:27 am

      Liebe Dörte,

      vielen Dank für deine Auseinandersetzung mit meinem Beitrag. Nach 3 Jahren Erfahrung bei der Eigenentwicklung eines Discovery Tools weiß ich durchaus, wie aufwändig diese Arbeit ist. Ich will auch hier keine Wirtschaftlichkeitsberechnungen anstellen, die analyisieren, ob Tools oder IK-Kurse mittel- oder langfristig teurer oder billiger sind. Meine Meinung ist, dass wir IK-Angebote genauso nötig brauchen wie bessere Tools. Ich glaube aber, dass unsere IK-Angebote besser werden könnten, indem wir uns mehr darauf konzentrieren, Forme und Wege der Publikation von wissenschaftlicher Literatur zu vermitteln und die sich daraus ergebenden Recherchewege sowie Evaluationsstrategien zu erläutern, anstatt die Bedienung von Suchoberflächen und LinkResolvern zu lehren.

      Was ich nicht nachvollziehen kann sind Thesen wie “Wir sollten es den BenutzerInnen nicht zu einfach machen”. Da wir es so schwierig machen, sind wir nur die allerletzte Wahl, wenn es ans Recherchieren geht. Wir machen unsere NutzerInnen in unseren Schulungen zu kleinen BibliothekarInnen, wenn wir ihnen die Sache mit den Booleschen Operatoren oder dem Unterschied zwischen Schlag- und Stichwort oder Subito und Online-Fernleihe erklären. Damit muss sich in meinen Augen niemand befassen, der es nicht will – und das sind abgesehen von ein paar Bibliotheks-Enthusiasten unter unser Kundschaft glaube ich viele. Wer sind wir, um zu bestimmen, wie schwer es jemand haben sollte? Das passt mit meinem Verständnis von einer Bibliothek als Service-Einrichtung nicht zusammen.

      Dass gute Discovery-Tools zur weiteren Verblödung der ohnehin informationsinkompetenten Studierenden beitragen, ist eine Aussage, die ich im Rahmen einer Diskussion um das Relevance Ranking bei beluga schon mal gehört habe. Da haben wir ja Einführungen und Titel aus renommierten Verlagen bevorzugt. Das ist in den Augen mancher eine schlimme Bevormundung. Meiner Ansicht nach kann man darüber aber auch zum Nachdenken anregen, während man gleichzeit der überwältigenden Mehrzahl zu einer effektiveren und effizienteren Recherche verhilft.

      Schöne Grüße,
      Anne

  3. Till Kinstler said, on 21. April 2011 at 10:28 am

    Solange wir mehr Ehrgeiz in die Erklärung unserer oft unnötig komplizierten Angebote stecken als in ihre Verbesserung, läuft etwas falsch. Ein wenig zugespitzt: Solange es in Bibliotheken mehr Leute gibt, die Katalogkarten beschriften – unsere ach so tollen Daten folgen immernoch dem Pappkarten-Paradigma – als Leute, die sich Gedanken machen, was man sinnvolles damit machen könnte, werden wir auch unseren kompliziert nutzbaren Kram erklären müssen. Ich denke, deswegen stellt Herr Trzeciak mal ein paar Leute ein, die Ahnung von Technik haben. Ohne die wird man keine Technik sinnvoll entwickeln oder einsetzen können. Diesen auch in diesem Artikel anklingenden Gegensatz zwischen „BibliothekarInnen“ und „TechnikerInnen“ finde ich übrigens…, tja…, ausgrenzend? Wozu soll das nützlich sein? Wir brauchen genau das Gegenteil…
    Was wir lösen müssen, sind ein paar strukturelle (technische?) Probleme, die sich über die Jahrhunderte aufgestaut haben. Eine isolierte Betrachtung der „Suche“ alleine hilft nicht weiter. Es fängt ja bei den virtuellen Katalogkarten an… Garbage in, garbage out, da hilft auch keine schicke Oberfläche…
    In meiner Wahrnehmung gibt es die Tendenz, alles, was wir anfangen, erstmal so kompliziert wie möglich zu machen (ich hatte ein Beispiel vor rund 2 Jahren schonmal in einem „bösen“ rant runtergeschrieben: http://dl380-21.gbv.de/~till/infokomp.txt). Und das können schicke Discovery-Tools alleine nicht lösen.
    Discovery findet doch eh weitgehend außerhalb dieser Tools statt. Wenn man dann aber irgendwo was gefunden hat, macht es einem die Bibliothek oft immernoch unnötig schwer, an das gewünschte „Ding“ heranzukommen…
    Amazon oder Ebay haben ja durchaus auch ein kompliziertes Waren- und Dienstleistungssortiment. Dennoch finden Leute dort relevanten Kram, für den sie sogar bezahlen. Weitgehend ohne Schulung. Da sind wir auch bei einem interessanten Aspekt des strapazierten Begriffs „web scale“: Amazon und Co. müssen in die Benutzbarkeit ihrer Angebote investieren, um Geld zu verdienen (wenn die Kunden nix relevantes finden, kaufen sie nix). Schulungen skalieren aber sehr viel schlechter als technische Lösungen (ok, zugespitze Behauptung, der Trend hin zu den „integrierten Discovery-Lösungen“ wird zumindest in den USA aber ja auch unter ökonomischen Gesichtspunkten diskutiert. Hallo, nicht nur Herr Trzeciak überlegt, wie er im Auskunftsdienst rationalisieren kann…).
    Solange wir nicht bei dem sind, was möglich ist, läuft etwas falsch. Und es mag ja sein, dass bibliothekarische Kompetenzen dabei hilfreich sind. Dann wird es aber Zeit, dass die mal genutzt werden. Entweder funktioniert das nicht (dann haben wir wohl ein Management-Problem) oder diese These ist schlicht falsch… (sorry, auch wieder auf die Spitze getrieben).
    Solche Diskussionen haben immer ein bischen den Charakter von „Oh Gott, keiner braucht mehr bibliothekarische Kompetenzen“, auch du betonst ja am Ende deren Nützlichkeit. Falls wir also unterstellen, dass sie nützlich sind, dann „investieren“ wir sie doch besser in die Verbesserung unseres komplizierten Krams, als in die Erklärung. Und es ist schlicht nicht wahr, dass das nicht möglich ist. Schon aus ökonomischen Gründen. Wenn ich mich richtig ärgere, habe ich allerdings manchmal den Verdacht, dass es genau dagegen enorme Widerstände gibt… Die eigentlich interessante, aber auch sehr hässliche Frage, ist: Warum?
    Ja, Informationskompetenz ist wichtig. Aber zu wissen, dass man Veröffentlichungen eines Autors nur findet, wenn man brav [Nachname, Vorname] eingibt, hat nichts mit Informationskompetenz zu tun, sondern ist reine Schikane, es sollte schlicht unnützes Wissen sein (und damit gerade keine Information).

    • Anne Christensen said, on 21. April 2011 at 11:54 am

      Lieber Till,

      danke für die Erinnerung an deinen „Rant“ – sehr passend! Ich stimme dir in deinen Punkten durchweg zu, möchte aber noch mal betonen, dass ich nicht wie du vermute, sondern sicher bin, dass eine sinnvolle Entwicklungsarbeit an den Discovery-Baustellen ohne bibliothekarisches Know-How nicht möglich ist. Gleichzeitig sehe ich auch die Schwierigkeiten, die eine gemeinsame Arbeit von BibliothekarInnen und IT-Menschen auf diesen Baustellen birgt – und bin deswegen Jakob dankbar, der in seinem Blogbeitrag zum Thema für mehr miteinander reden plädiert. Eine gute Gelegenheit, mich bei euch beiden für eben jenes Miteinanderreden in den letzten Jahren bedanken. Ich musste zwar manchmal die Angst überwinden, meine Anliegen nicht kompetent genug oder mit den richtigen Vokabeln benennen zu können, aber es hat sich immer gelohnt, diese Angst zu überwinden.

      Schöne Grüße,
      Anne

  4. […] der deutschsprachigen Biblioblogosphäre haben in ihren Weblogs Anne Christensen und Dörte Böhner die Kontroverse konstruktiv aufgenommen und diskutieren den Aspekt der […]

  5. […] ist, gibt es Schulungen, Tutorien oder Beschreibungen. In der letzten Woche fragten sich nun Anne Christensen, Dörte Böhner und Jakob Voss, warum das immer noch alles so kompliziert ist,  und ob eine […]

  6. Phu said, on 15. Mai 2011 at 2:38 pm

    Google beschäftigt einen „Senior Research Scientist for Search Quality & User Happiness“ namens Daniel Russell, der auf einer Konferenz im September letzten Jahres eine, wie ich finde, tolle Keynote gehalten hat:

    http://www.ithaka.org/about-ithaka/events/Keynote_D.Russell.pdf

    Dass Informationskompetenzvermittlung notwendig ist, steht für ihn außer Frage, und er belegt diese Notwendigkeit mit Nutzerstudien. Darüberhinaus macht er auch einige Vorschläge, was und wie gelehrt werden sollte. Am Ende seines Vortrags bringt er noch etwas sehr Nettes… (Folie 71).

    Danke an Uschi für den Hinweis auf die Konferenz, deren Homepage findet sich hier
    http://www.ithaka.org/about-ithaka/events/ithaka-sustainable-scholarship-conference-2010-day-two-discovering-scholarly-content

  7. […] nicht. Vielmehr bieten neue Dienste das Potential, unsere Tätigkeiten zu transformieren. Diese Transformierbarkeit bibliothekarischen Know-Hows (mit dem Namen ihres persönlichen Blogs, “a growing organism”, spielt sie auf Ranganathans […]


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