A growing organism

500 Euro für alle statt Bibliothek?

Posted in Berufsbild by Anne Christensen on 23. Mai 2011

Man mag es kaum glauben, aber eigentlich fing meine bibliothekarische Sinnkrise von heute ganz lustig an, denn zunächst konnte ich mich über die im fachlich durchmischten Kollegenkreis entwickelte Idee gut amüsieren: Was, wenn wir die Gelder für den Betrieb unserer Unibibliothek einfach direkt an die Studierenden auszahlen würden? Kurz mal kopfgerechnet und eine Zahl aus dem Hüfte geschossen: 500 Euro könnten wir pro Semester und Kopf auszahlen, wenn wir den Laden einfach dicht machen – und uns selbst feuern, natürlich.

Die Idee sitzt jetzt zum Teufelchen mutiert auf meiner Schulter und quakt mir ins Ohr: Sinnlos ist das bibliothekarische Tun! Google Books macht sowieso alles besser, an der Auskunft leihen wir doch nur Notebookschlösser aus,  Sacherschließung macht die Wikipedia, Bücher verbuchen und transportieren Roboter und für die Einführung in die Recherche gibt’s locker-flockige Filme bei YouTube, die wir in der Qualität sowieso nicht produzieren können. So eine Teufelsstimme macht sich gar nicht gut im als Hintergrund-Geräusch für Gespräche mit Hochschulleitungs-Menschen, die Ideen entwickeln wie: „Wenn wir die Info ganztägig mit dem Wachdienst besetzen, werden doch da Kapazitäten frei.“

In den kommenden Monaten bin ich zu zwei Vorträgen eingeladen, bei denen von mir erwartet zu werden scheint, dass ich Inspiration und Zuversicht verbreiten soll, was die Zukunft unseres Berufes angeht. Das Teufelchen wird wohl mitreisen, nehme ich an:  Edlef Stabenau hat kürzlich auf netbib eine Übersicht über verschwundene Arbeiten in Bibliotheken erstellt, die es (je nach aktueller psychischer Verfasstheit) durchaus vermag, das Feuer in der Sinnkrisen-Hölle noch weiter anzuheizen.

Löschversuch: Was würde passieren, wenn wir die Verteilung der 500 Euro umsetzen würden, jetzt mal abgesehen von der Frage, wie der Lernort Bibliothek (the Starbucks with the books) dann ersetzt würde? Die Leute würden Bücher kaufen, aber vermutlich auch schnell wieder verkaufen. Sie würden Freunde fragen, ob sie ein Buch haben und es ausleihen, Lerngruppen hätten vielleicht einen gemeinsamen Literaturbestand und die Cleveren und Ehrgeizigen würden sich vielleicht zusammenschließen, um elektronischen Content zu kaufen, nachdem sie sich vorher gegenseitig beraten und Erfahrungen ausgetauscht haben. Im Kern machen sie also Aus- und Fernleihe, Erwerbung inkl. Budgetüberwachung und systematischem Bestandsaufbau, Schulung und Beratung. Und sie würden sich nach zwei-drei Semestern wahrscheinlich wirklich freuen, wenn ihnen diesen ganzen Heckmeck jemand wieder abnimmt. Anders gesagt: Wir machen schon einen guten Service.

Von der Vorstellung eines selbstorganisierten studentischen Literaturbeschaffungs-Betriebes, ob nun individuell oder in Kleingruppen, kann man aber vielleicht noch etwas abgucken:  Was hat ein solcher Literaturbeschaffungs-Betrieb, was wir Bibliotheken nicht haben? Eine Art Mikrokosmos als Bezugssystem – also eine klare Ausrichtung auf aktuelle Bedarfe und Themen von Einzelnen und kleinen Gruppen. An unseren Hochschulen dürften Tausende solcher Mikrokosmen existieren: Lern- und Referatsgruppen, Institute und Forschungsprojekte. Unsere bibliothekarische Arbeit zwingt uns zur Orientierung am großen Ganzen: Wir streben nach Synergieeffekten durch kooperative Katalogisierung, nach Einsparungen durch Allianzen, Approval Plans und überregionale Aktivitäten. Ein gewichtiger Grund für eine lokale Bibliothek als physischen Ort sollte aber der individuelle Service sein, mit dem sie berücksichtigt, wie die einzelnen Mikrokosmen arbeiten. Mit welchen Themen beschäftigen sie sich, welche Art und Ausstattung von Arbeitsplätzen benötigen sie, welche Informationen brauchen sie, mit welchen Diensten können wir sie unterstützen. Klingt aufwändig und ist es vermutlich auch – anspruchsvoll zudem, denn der so zu bedienende Mikrokosmos muss erst einmal aufgespürt, kennen gelernt und befreundet werden. Der Kollege, der Teil der eingangs erwähnten Mittagessensgruppe war, wusste weder von der Existenz des Neuerwerbungsformulars noch der der Bibliotheksbeauftragten seiner Fakultät – und dahinter steckt kein Versäumnis von seiner Seite!

Aber dass sich die Hinwendung zu den Mikrokosmen lohnen kann, beweist zum Beispiel der von jeher florierende Service der Semesterapparate in Bibliotheken. Womit wir bei einer Lieblingsidee von mir wären, nämlich der dauerhaften Bereitstellung von Literaturlisten aus Veranstaltungen unserer Hochschulen. Eine meiner Kolleginnen hat eine ganze Regalwand von Ordnern mit Listen aus den vergangenen 10 Semestern im Zimmer, und mit diesem doch recht exklusiven Wissen über empfehlenswerte Literatur zu einem breiten Spektrum an aktuellen wissenschaftlichen Themen sollte sich doch etwas anfangen lassen…

7 Antworten

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  1. Olaf Eigenbrodt said, on 23. Mai 2011 at 9:29 pm

    Super Posting, im Alltag denken wir manchmal viel zu wenig darüber nach, warum wir das alles eigentlich machen. Über eine ähnliche Frage wie Deine mache ich mir zur Zeit aber auch Gedanken. Hintergrund: Die Hamburger Debatte um die Hochschulfinanzierung. Was wäre, wenn man die Fachbibliotheken als Einsparpotential definieren würde? Ich musste vor 3 Wochen eine Bibliothek dichtmachen, weil zu wenig Personal da war. Die Reaktionen haben gezeigt, dass Du mit Deiner Einschätzung richtig liegst: Die Studierenden suchen nicht irgendeinen Ort zum Lernen, sondern ihre Bibliothek mit ihren Informationsressourcen und ihren Bibliothekarinnen; da steckt mehr dahinter, als die Nostalgie von Philologen.
    Ich glaube wie Du, dass wir an dieser Stelle vielmehr arbeiten müssen, um auf die Bedürfnisse der Studierenden und Wissenschaftlerinnen wirklich einzugehen, da haben wir eine Bringschuld.
    Der Blick in die Geschichte lohnt: Die Professionalisierung der Hochschulbibliotheken im 19. Jahrhundert war nicht zuletzt eine Sparmaßnahme in Zeiten rasant wachsender Informationsmengen, weil jeder Professor mehr schlecht als recht seine eigene kleine Bibliothek betrieben hat und auch die Unibibliotheken oft nicht leistungsfähig waren. Seitdem gibt es zentrifugale (mehr kleine Einheiten) und zentripetale (Zentralisierung) Tendenzen, die sich gegenseitig ablösen. Im Moment ist das Problem eher, dass nicht alle Bibliotheken und deren Unterhaltsträger erkennen, dass das spezifische Wissen, das Du ansprichst auch aufgebaut und bewahrt werden muss.
    Schon für diese Diskussion über die Weiterentwicklung der Bibliothekssysteme lohnt es sich – trotz Spardebatten – in unserem Beruf zu arbeiten.

  2. Martin Warnke said, on 24. Mai 2011 at 9:42 am

    „Kluge: Wenn Sie nach Ihrer Neugierde gehen, würde Sie sich da für den Faust interessieren? Würden Sie sich für die Lemuren interessieren, für den Götterhimmel zum Schluss, oder für den Mephistopheles?
    Luhmann: Wahrscheinlich für Mephistopheles. Also, meine Partie ist immer beim Teufel. Der unterscheidet am schärfsten und sieht am meisten.
    Kluge: Was würden Sie als eine Ihrer Haupteigenschaften bezeichnen? Neugier?
    Luhmann: Bockigkeit.“ S. 77

    Luhmann, N., and A. Kluge (2004) Vorsicht vor zu raschem Verstehen In Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann? – Letzte Gespräche mit Niklas Luhmann. W. Hagen, ed. Kadmos, Berlin, p. 49.

  3. Edlef S. said, on 24. Mai 2011 at 2:54 pm

    Da es hier grad so gut zum Thema passt:
    Auf dem Bibliothekartag am Mittwoch, den 8.6. um 16:00 Uhr im Saal Nizza spricht Herr Prof. Dr. Gunter Dueck auf Einladung der dbv-Kommission Dienstleistung auf der öffentlichen Arbeitssitzung mit dem Thema „Bibliothekarische Dienstleistungen im Umbruch: Was können wir uns noch leisten?“
    Ein paar, schnell zusammen gestellte Infos Zu Herrn Dueck und zur Kommission Dienstleistung auf Facebook:
    http://www.facebook.com/pages/dbv-Kommission-Dienstleistung/102268533198393

  4. Denise said, on 24. Mai 2011 at 6:37 pm

    „Löschversuch: Was würde passieren, wenn wir die Verteilung der 500 Euro umsetzen würden, jetzt mal abgesehen von der Frage, wie der Lernort Bibliothek (the Starbucks with the books) dann ersetzt würde?“

    Ich würde sagen, die richtig, richtig Cleveren würden sich zusammen schließen und mit ihrem Geld versuchen die arbeitslos gewordenen Bibliothekare zu bezahlen, damit sie ihre Arbeit mal schön weiter selber machen.😉

    Denn wenn ich alles selber machen wollen würde, was Bibliothekare so alles machen, dann wäre ich Bibliothekarin geworden.😉

  5. else said, on 24. Mai 2011 at 7:16 pm

    Nun, ich will als Bibliothekarin nicht enden wie der Dodo !
    Beim Lesen des Artikels kann ich trotzdem einige Gemeinsamkeiten erkennen. Ahem.

    Also: Umschulen, aber schnell, oder: Offensive!!!

  6. BHS said, on 30. Mai 2011 at 9:31 am

    Wenn ich mich täglich bei uns umschaue, habe ich ein gutes Gefühl. Gleichzeitig bin ich immer wieder erstaunt, warum Bibliotheken nicht enger zusammen arbeiten und sich bei ihrer Weiterentwicklung gegenseitig unterstützen.

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