A growing organism

Standortbestimmung: Mein Traum von Bibliothek

Posted in Auskunft, In eigener Sache, Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 4. Juli 2011

Neben den üblichen Gründen, die einen zum Halten von Vorträgen bewegen, bietet sich mit solchen Auftritten immer auch die Gelegenheit zu einer eigenen Standortbestimmung.  Als solche habe ich die Einladung in die Reihe  „Mein Traum von Bibliothek“ der UB Leipzig (lesenswerter Artikel dazu von Charlotte Bauer und Ulrich Johannes Schneider) begriffen, als sie vor einigen Monaten auf meinem Schreibtisch landete. Natürlich treiben einen auch zwiespältige Motive wie Sendungsbewusstsein und Reputationssteigerung zum Vortragen, aber bei dieser Einladung sprach ich zu mir: Na, mal sehen, was du dann so zu sagen hast nach den sechs Monaten im neuen Job.

Nun ist der Vortrag fertig, und was ich mir in meinen kühnen Phantasien vorgestellt habe wie eine Art neues Album nach gefühlten 100 Konzerten zum Thema Katalog 2.0 hört sich ein wenig an wie die alte Leier, um es mal in strenger Plattenkritiker-Manier zu sagen. Aber andererseits liegt mir das Thema „Discovery“ (oder Suchen und Finden, wie ich es lieber nenne) zu sehr am Herzen, um nicht doch noch mal ein paar Takte dazu zu sagen.

Aber – TouchPoint hin oder her – die neuen Kataloge sind nur noch eines von ganz vielen Themen auf meinem Schreibtisch und in meinem Kopf. Viele davon sind sehr basal: Über die Ausgabe von Notebook-Schlössern habe ich schon an anderer Stelle gesprochen – aber als Benutzungsleiterin bin ich darüber hinaus auch damit beschäftigt, mir eine Haltung zu Gnadengesuchen bei horrenden Mahngebühren zuzulegen oder pfiffige Lösungen zur Vermeidung von dauerbelegten Schließfächern zu finden. Viele von meinen Aufgaben haben damit zu tun, für die Einhaltung von Regeln zu sorgen. Wenn man dabei nicht engstirnig sein will, sondern darum bemüht, Besuch und Benutzung von Bibliotheken einfach und vielleicht sogar sympathisch zu machen, hat man viel zu Überlegen: Unterschiedliche Interessen wollen abgewogen sein und man kann auch schlecht die Entscheidung darüber, ob man ein Buch aus der Teilbibliothek am Sonnabend doch ausnahmsweise und entgegen der üblichen Verfahrensweise verlängert, zu einer persönlichen Ermessenssache der einzelnen Mitglieder des Ausleihteams erklären (die dann nämlich überlegen müssen: Haben sie Zeit für den Thekenwechsel im System? Fühlen sie sich sicher dabei, dass hinzukriegen? Und sind sie dann fair gegenüber den anderen im Team, die am nächsten Sonntag dann vielleicht vorgehalten bekommen, dass der andere Kollege das letztens aber gemacht hat).

Wie auch immer:  Neben der Regelüberwachung habe ich natürlich auch anderes zu tun, und viel davon hängt mit dem Thema Beratung zusammen – worunter ich jetzt Auskunft, Informationskompetenz-Vermittlung  auch ein bisschen die Katalogentwicklung zusammenfasse. Auf dem diesjährigen BibliothekarInnen-Tag hat Prof. Ingeborg Simon aus Stuttgart ein paar Zahlen präsentiert, die zeigen, dass man die Auskunftstheke entweder abbauen mit studentischen Hilfskräften besetzen oder aber vernünftig vermarkten sollte. Seither zähle ich mal wieder Zahl und Art der Auskunftsfragen, freue mich an der exzellenten Nutzung von Services wie Notebook-Schlössern und Gruppenarbeitsräumen und suche ansonsten emsig in jeder Interaktion den „Teachable Moment“, bei dem ich der geneigten Kundschaft vielleicht noch ein wenig Wissen über reflektierte Informationssuche mitgeben kann. Und ich merke, wie wichtig das Persönliche ist: Viele Studierende der Leuphana kenne ich schon, nicht immer namentlich, aber durch die Beratung in der Bibliothek – und ich merke, wie viel Potenzial darin liegt, eine Bindung aufzubauen.  Und das macht mich ein ums andere Mal wieder froh darüber, an einer überschaubaren Universität zu arbeiten, wo persönlicher und individueller Service machbar ist.

Und schließlich beschäftigen mich auch Fragen der Organisations- und Personalentwicklung: Welche Konsequenzen hat die Einführung von RFID oder die der Besetzung der Theke mit einem Wachdienst? Welches Forum gibt es für Ideen aus meinem Team zur Verbesserung von Service- und Arbeitsqualität? Wie können wir die Beratungsangebote von Rechenzentrum und Bibliothek mit einander vernetzen? Und vor allem: Wie balanciere ich mein Bedürfnis danach, Ideen und Pläne offen, früh und deswegen auch gerne mal unreif zu kommunzieren, und die Notwendigkeit, mich und die anderen Kollegen im Führungsteam damit nicht unter Druck zu setzen? Auf diesen Teil meines immer noch neuen Jobs habe ich mich am meisten gefreut, und in diesem Bereich lerne ich am meisten dazu.

Dazu gelernt habe ich auch bei der Vorbereitung der Präsentation für Leipzig. So lange schon wollte ich Prezi ausprobieren – langweilt euch nicht PowerPoint auch endlos? – und die vielen Zugfahrten haben mir endlich Gelegenheit dazu gegeben. Mein „Traum von Bibliothek“ manifestiert sich also in einer neuen (für mich) neuen Darreichungsform und kommt etwas seifenblasig daher- aber das ist vielleicht gar nicht unpassend. Außerdem hatte ich Spaß beim Basteln und habe wieder mal gemerkt, wie toll es ist, sich die Zeit und die Traute für was Neues zu nehmen.

13 Antworten

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  1. viola said, on 5. Juli 2011 at 9:54 am

    … eine sehr schöne präsentation!
    und der beweis, daß einem bei prezis nicht per definition schwindelig werden muß.🙂

    • Anne Christensen said, on 5. Juli 2011 at 3:43 pm

      Fein, das freut mich, danke schön! Ich hab mich nämlich auch schon gefragt, ob die Prezis nur für die jeweiligen AutorInnen ohne Schwindelanfälle zu ertragen sind und sehr bewusst versucht, dagegen anzugehen. Man muss halt – wie bei PPT auch – der Verführung der Effekte widerstehen…

  2. Till Kinstler said, on 5. Juli 2011 at 10:12 am

    „Schwierige Rechercheprobleme werden in Zukunft von Maschinen und nicht Menschen gelöst“
    Nein, Rechercheprobleme werden immer von Menschen gelöst, auch in Zukunft. Der Kern des Rechercheproblems ist doch das Finden von nützlichen Wissensquellen. Keine Maschine und kein Bibliothekar kann mir die Entscheidung abnehmen, was für mich nützlich ist (ich vermeide mal den schwierigen Begriff „relevant“). Wo kämen wir dann auch hin? Hallo? Maschinen und BibliothekarInnen können mir manchmal dabei helfen, die Nützlichkeit von Quellen zu beurteilen.
    Aber lösen können sie mein Problem nicht. Das muss ich schon selbst tun. Ich will etwas wissen, nicht die Maschine (die kann nur Daten verändern, die will überhaupt nichts wissen) und BibliothekarInnen werden sich mit meinem Problem auch nur eingeschränkt beschäftigen können/wollen.
    Die Aufgabe der Bibliothek wäre hier, mir das, was sie an nützlichem bereitstellt, möglichst einfach zugänglich zu machen. Das bedeutet Konzentration auf den Benutzer und seine Bedürfnisse, sowohl vor Ort als auch virtuell.
    Das Kernproblem in Bibliotheken ist nach meinem Eindruck nicht das Finden, sondern der Zugang zu dem, was sie anbieten. Finden ist ein Schritt auf dem Weg dahin, deswegen ist es richtig, dass wir da Arbeit reinstecken. Die Lösung davon liegt aber nur zum Teil in besseren Suchmaschinen oder Katalogen. Wichtig ist, dass das Sammelsurium an Krams, den Bibliotheken anbieten, im Web sichtbar wird (da sind wir genau bei dem Punkt „Vernetzung“ und „Verlinkung“). Manche Discovery Interfaces können dabei helfen, andere weniger.
    Was wir dann aber endlich auch anpacken müssen, ist das, was bei unseren lieben Softwarelieferanten gerade unten den Wörtern „Fulfillment“ und „Delivery“ auftaucht. Watch out…

    PS: Kollege PhD schlappte gerade ins Büro, nachdem ich das oben geschrieben habe. Auf die Frage, ob er die Bibliothek denn seine Rechercheprobleme löse, antwortete er spontan: „Ne, danke, das kann ich schon selbst, aber sie sollen mir endlich EINFACHEN Zugang geben zu dem Kram, den ich brauche…“

    • Anne Christensen said, on 5. Juli 2011 at 3:48 pm

      Ja, „Delivery“ ist ein Stiefkind. Aber eben auch, und nicht nur. Wer sich von euch den in die Präsentation eingebetteten Film angeguckt hat, wird wissen, warum ich das Discovery-Thema hier sehr bewusst in den Vordergrund gerückt habe. Und: Nicht alle PhDs sind solche Findefüchse wie ihr, wie u.a. die Studie der ZBW aus diesem Jahr eindrucksvoll belegt, die nämlich aufzeigt, dass gerade bei der Formulierung von Suchanfragen und der Auswahl von Treffern (das R-Wort) Defizite bei Forschenden (nicht Studierenden!) bestehen. Und ich bin immer noch davon überzeugt, dass es Tools gibt, die bei genau diesen Problemen helfen können.Das Project Leftie von Keith Varnum wäre da noch so ein Beispiel…

  3. agbi said, on 5. Juli 2011 at 11:19 am

    Mein Traum von Bibliothek ließe sich auch in den Worten von Kollege PhD zusammenfassen….

  4. libviews said, on 6. Juli 2011 at 10:04 am

    Hallo Anne, doch noch eine kritische Anmerkung zu Deiner schönen Präsentation, da mir dies über Nacht nicht aus dem Kopf gegangen ist:

    Es betrifft die drei Folien „Wer ausser uns weiss …“ Mir selbst erschliessen sich diese nicht ohne Weiteres. Die erste mit Dostojewski vielleicht ja, aber die Relevanz einer Zeitschrift können unsere Kunden sehr wohl beurteilen. Wissenschaftler wissen in der Regel sehr wohl, welche Zeitschriften für sie wichtig sind, auch ohne JCR. Und sie wissen auch, welche Literatur aktuell ist!

    Klar, diese Folien sollen uns als BibliothekarInen auch „bauchbinseln“!😎 Aber, wie Du am Anfang mit dem Thema „Monopol“ ja implizit richtig sagst: Bibliotheken sind nicht der Nabel der Welt! Von aussen gesehen, besteht die Gefahr dass zumindest zwei der oben erwähnten Folien etwas arrogant wirken, obwohl es von Dir garantiert nie so gemeint ist, oder?!

    Liebe Grüße
    Thomas

    • Anne Christensen said, on 6. Juli 2011 at 10:25 am

      Lieber Thomas,

      danke für deine Anmerkung. Die Idee mit der Relevanz-Beurteilung von Zeitschriften stammt aus einem Workshop, den ich kürzlich mit PromovendInnen der Uni hier hatte. Eines der Themen waren Publikationsstrategien – also die Frage, wie man auswählt, wo man seine Erkenntnisse publiziert. Da spielen viele Faktoren eine Rolle, und der mögliche Beitrag von Bibliotheken ist nur ein kleiner – natürlich haben die WissenschaftlerInnen, auch die jungen, viel eigenes Know-How und außerdem Forschungsgruppen/Institute etc., in denen sie sich über diese Fragen austauschen. Aber wenn man zusätzlich dazu auch noch mal gucken will, was der Rest der Welt so macht, sind die JCR ein Weg, aber für bestimmte Fachgebiete und Länder nicht aussagekäftig. In diesem Fall sehe ich eine Unterstützungsmöglichkeit durch Bibliotheken – zum Beispiel indem man einen Service für die ZDB schafft, die die Anzahl der besitzenden Bibliotheken ausgibt als einen weiteren Indikator für die Relevanz einer Zeitschrift. Diese Idee (und der geschilderte Hintergrund) erschließt sich aus den Folien in der Tat vermutlich nicht ohne diese Begleitinfo – aber es sind eben nur Folien und nicht der gehaltene Vortrag!

      Natürlich machen uns bestehende und mögliche Dienste (wie die skizzierten) nicht zum Nabel der Welt. Ich glaube nur, dass wir im Moment einiges von dem Potenzial verschenken, dass wir haben – inbesondere wenn es darum geht, Hilfe (ich betone: Hilfe) bei Relevanz-Entscheidungen zu treffen. Das ist für viele, auch für ExpertInnen, ein Problem. Wir haben viele Daten (Anzahl der besitzenden Bibliotheken, Ausleihzahlen und das besagte Know-How unserer Fachleute), die wir nicht heranziehen, um unsere Recherche-Systeme schlauer zu machen. Wenn man sich vor Augen führt, was wir alles im Kopf haben, wenn wir an der Auskunft mit jemandem Literatur nach einem Thema suchen und dabei zu helfen versuchen, aus dem Meer an Infos das Passendste (im Sinne von Relevanz und Verfügbarkeit) herauszupicken, dann stelle zumindest ich jedesmal fest, dass ich viel mehr Kriterien einbeziehe, als ich Metadaten habe (Reputation des Verlages ist so ein Beispiel). Dieses Wissen sollten unsere Tools sichtbar machen, und darauf versuche ich mit den von dir angesprochenen Folien hinzuarbeiten.

      Schöne Grüße,
      Anne

  5. Wenke Richter said, on 6. Juli 2011 at 1:50 pm

    Ich finde die Präsentation schön und bedaure es, nicht mehr in Leipzig zu wohnen, um mir morgen den Vortrag live anzuhören.
    Inhaltlich kann man sich natürlich über einige Punkte streiten – auch aus welcher Perspektive man sein Argument vertritt. Vor allem der Begriff „Relevanz von Informationen“ als Monopol der Bibliotheken zu verstehen, halte ich für fatal. Ich schätze Bibliothekare wegen ihrer Erfahrung und den Zugriff auf („weichen“) Informationen, lasse mich gerne beraten, jedoch möchte ich als Wissenschaftler am Ende selbst über die für mich potentiell relevanten Informationen entscheiden. Vielleicht sollte das Beratungsprofil verstärkt werden? Zudem sehe ich Potential, Studenten die Dienstleistungen (ja, wieder eine Diskussion) der Bibliotheken näher zu bringen. In meinem Studium war die Verquickung von Lehre und Bibliothek nur rudimentär ausgeprägt (abgesehen von Erstsemesterführungen gab es nicht viele Angebote). Da muß mehr geschehen, eine Vernetzung stattfinden!

    • Anne Christensen said, on 6. Juli 2011 at 5:53 pm

      Danke, liebe Wenke Richter, für die Rückmeldung. Ich verstehe jetzt noch besser, warum auch Thomas (aka liebviews) über den Teil zum Ausspielen der Stärken gestolpert ist und habe noch mal Hand angelegt – einen Monopol-Anspruch habe ich nämlich in der Tat nicht. Mir sind bei dem Gedanken daran, welches Potenzial Bibliotheken und ihre MitarbeiterInnen in Bezug auf eine Verbesserung der Recherchesysteme auf Grundlage selbst produzierter Daten und eigenem Wissen haben, wohl ein wenig die Pferde durchgegangen.

      • Wenke Richter said, on 6. Juli 2011 at 8:52 pm

        🙂 Dann wünsche ich Ihnen alles Gute für den Vortrag, angenehme Begegnungen und Gespräche. Grüßen Sie mir bitte die schöne Albertina, die ich aufgrund ihrer Atmosphäre sehr mag.

  6. Nicole Clasen (@NicClasen) said, on 7. Juli 2011 at 9:14 am

    Ich wünsche Dir einen tollen Vortrag, neue Ideen und bin mir sicher, dass die Leidenschaft, wie beim BibCamp und bei allen Deinen Vorträgen, nicht zu kurz kommen wird.

    Liebe Grüße
    Nicole

  7. […] Einen Hintergrundbericht mit der Präsentation und spannenden Kommentaren findet man in ihrem Blog A growing organism. Sie verweist auch auf den Artikel zu der Vortragsreihe „Mein Traum von Bibliothek“ von […]

  8. […] wurde eine Vielzahl von Ideen und Anregungen geboten. Empfehlenswert zum weiter lesen auch der Blogeintrag, Gedanken die vor ab entstanden und schon im Blog zu Diskussionen […]


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