A growing organism

Katalog-Visionen von 1964: Immer noch brandaktuell

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 14. Dezember 2011

Für ein Artikel-Projekt über die BenutzerInnen-Perspektive auf neue Kataloge habe ich mal wieder in der Fachbibliographie herumgewühlt und dabei einen Fund gemacht, der mich seit ein paar Tagen wirklich umtreibt. Es handelt sich um einen Artikel von Don R. Swanson, einem Physiker und Bibliothekswissenschaftler, der 1964 (!) in seinem Artikel „Dialogues with a Catalog“ beschreibt, wie er sich den elektronischen Katalog der Zukunft vorstellt und sogar ein paar Mockups von potenziellen Bildschirmen (die er charmanterweise als Konsolen bezeichnet) dazu liefert. Die sind weniger interessant – er ist halt Physiker und es war 1964 – aber die Funktionalitäten, die er sich ausgedacht hat: Wow! Ich darf mal auszugsweise auflisten:

  • Automatische Expansion von Suchbegriffen auf Basis von Thesauri
  • Natürlichsprachige Nachbildung von Auskunftsinterviews im Katalog
  • Definition des gewünschten Expertise-Levels der Ergebnisse (Einführung, Expertise)
  • Kataloganreicherung mit Inhaltsverzeichnissen
  • Browsing
  • Anbindung an einen Readerprinter für sofortige Volltextausgabe
  • Suchen auf Basis von Ähnlichkeiten oder vorher genutzten Titeln
  • Anzeige der Nutzungshäufigkeit von einzelnen Titeln

Mir ist wirklich und wahrhaftig der Mund offen gestehen geblieben bei der Erstlektüre, denn: Das liest sich im Grunde wie all das, was wir nach der vermeintlich so neuen Erforschung von Benutzerbedürfnissen, die wir gern mal als Alleinstellungsmerkmal der neuen Katalog-Generationen im Vergleich zum vorher Dagewesenen definieren, fast 50 Jahre nach Swansons Aufsatz auch herausgefunden haben.  Was zeigt uns das? Erstens wohl, dass es wirklich stimmt, wenn wir den Studierenden in unseren Informationskompetenz-Veranstaltungen erzählen, sie sollten doch den Forschungsstand zu ihrem Thema ordentlich recherchieren. Zweitens, dass es mit der Umsetzung von visionären Gedanken halt schon mal ein paar BibliothekarInnen-Generationen dauern kann: Swansons Aufsatz ist 1994 von einem Herrn Shiao-Feng Su daraufhin überprüft worden, ob der 1964 als visionär empfundene Charakter immer noch als visionär gelten könne, und Herr Su stellt fest:

It is remarkable that an article written thirty years ago should still offer a suitable framework within which to review virtually the totality of OPAC developments.

Stimmt! Und wir haben, mit den Ergebnissen der zahlreichen Usability-Studien und Fokusgruppen, die die Entstehung der aktuellen Generation von Katalogen, jetzt auch handfeste Argumente dafür, dass die von Swanson skizzierten Funktionen in der Tat einen Quantensprung für den Katalog ausmachen würden.  Immerhin gibt es aber 17 Jahre nach Herrn Sus Beschäftigung mit Swansons Visionen aber funktionierende Beispiele dafür, wie Umsetzungen dieser Ideen aussehen könnten. Die Erde Der Katalog bewegt sich also doch, wenn auch eben langsam.

6 Antworten

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  1. CH said, on 14. Dezember 2011 at 10:04 pm

    Der Artikel von Swanson hieß „Dialogue with a Catalog“.

  2. CH said, on 14. Dezember 2011 at 10:06 pm

    PS: Dialogues…

    • Anne Christensen said, on 14. Dezember 2011 at 10:37 pm

      Catalog stimmt, aber „Dialogue“ ist im Original-Artikel tatsächlich im Singular gebraucht, Su hat das falsch zitiert, aber das kommt ja überall mal vor😉 Danke für den Hinweis, Christian!

      • Anne Christensen said, on 15. Dezember 2011 at 10:42 am

        Ich muss mich entschuldigen und erneut korrigieren, der Originalartikel heißt doch „Dialogues with a Catalog“ – also Dialogues mit -s. Muss irgendwie in all der Aufregung über den Fund durch den Wind gewesen sein.

  3. Till Kinstler (@tillk) said, on 15. Dezember 2011 at 12:16 pm

    Zu dem Thema auch immer wieder lesenswert: Alles was Charles R. Hildreth in den 1980ern zu „next generation catalogues“ geschrieben hat. Insbesondere weil er über den Tellerrand blickte und den Stand und Erkenntnisse des Information Retrievals zur Argumentation benutzte.
    Leider ist das nach ein paar ganz netten Prototypen in den frühen 1990ern scheinbar alles verloren gegangen. Meine (pauschalisierte und evtl. auch falsche) Wahrnehmung der Geschichte: In den 1990ern kam das Web und statt die Chance zu nutzen, darauf aufbauend die Ideen zu „next generation catalogues“ umzusetzen, konzentriere man sich darauf, Weboberflächen über den alten Terminal-Kram zu stülpen. Das ist nach meiner Wahrnehmung zumindest das, das die Systemhersteller damals taten. Und das ist der Kram mit dem wir heute noch leben…
    Das Nachdenken über und Forschen an Katalogen scheint zu der Zeit auch nachgelassen zu haben, ebenso der Bau von „innovativen“ Prototypen… Das ging dann erst in den 2000er Jahren wieder los und führte zu dem, was wir nun endlich implementieren. 20 bis 30 Jahre nachdem das vielleicht schon möglich gewesen wäre… Interessante Frage, was da passiert ist und warum da so ein Bruch (glaube ich zumindest zu sehen, auch bei Publikationen zum Thema „Katalog“) passierte? Waren es ökonomische Gründe? Lag es daran, dass man auf das Web nicht anders reagieren konnte als erstmal notdürftig den bestehenden Kram zu portieren, weil man die Möglichkeiten nicht erkannte? Aus meiner Sicht eine vertane Chance. Hätte man doch damals gleich eine neue Generation „Webkataloge“ gebaut und angefangen die Ideen von Hildreth und anderen umzusetzen…
    Und nun haben wir vielleicht mit linked data wieder so eine Chance, diesmal auf Datenebene: Wir können einen Bruch mit traditionellem wagen und versuchen, es „besser“ (im Sinne von besser für heutige Anforderungen) zu machen (durch probieren, forschen und insbesondere den Blick über den Tellerrand), oder halt einfach den alten Kram „portieren“ (z.B. plump MARC in RDF „darstellen“ und dann „linked data“ dranschreiben, das ist so wie eine Weboberfläche für einen Telnet-OPAC). Ich habe den Eindruck, diesmal könnte es funktionieren, zumindest deuten das die laufenden Diskussionen an…
    Wichtig ist dabei allerdings auch wieder die Rolle der Systemlieferanten, die scheinen aber auch aufzuwachen…

  4. […] Wer dachte, der Wunsch nach Kataloganreicherung mit Inhaltsverzeichnissen, Browsing, Suchen auf Basis von Ähnlichkeiten oder vorher genutzten Titeln wären Erkenntnisse der Nutzerforschung der 21. Jahrhundert, der ist auf dem Holzweg. Schon 1964 stellte sich Don R. Swanson den elektronischen Katalog der Zukunft so vor, zu einer Zeit als Bibliothekskataloge noch flächendeckend aus Karteikärtchen in Holzkästen bestanden (gefunden in A growing organism). […]


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