A growing organism

Von Hilfe zur Selbsthilfe zum „Mommy Model of Service“

Posted in Auskunft, Informationskompetenz by Anne Christensen on 6. Januar 2012

Dieser Dienst macht mich nachdenklich: Auf StartLiteratur kann man sich zum Preis von 0,99 Euro pro Zitat Literatur für Abschlussarbeiten recherchieren, für 6,99 wichtige ExpertInnen für das gewählte Thema ermitteln und für 9,99 Euro weitere „wichtige Tipps für die Forschungsarbeit“ erteilen lassen. Gestoßen bin ich auf das Angebot über die Facebook-Seite der Fachschaft Business, Economics und Management an der Leuphana Universität, auf deren Wall das Angebot als Werbung gepostet worden war. Eine namentliche Vorstellung von BetreiberInnen und/oder Team gibt es nicht, lediglich deren Expertise durch Erwerb von Abschlüssen an „renommierten europäischen Hochschulen“ wird beworben.

Natürlich würde mich interessieren, ob der Geschäftsgang bei StartLiteratur floriert – ob ich mal nachfragen sollte?  Dass es einen solchen Service überhaupt gibt, ist ein Beleg dafür, dass das Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten vielen Studierenden Kopfzerbrechen bereitet, und die Unterstützungsangebote von Universitäten entweder nicht ausreichen oder nicht genügend bekannt sind. Hey Leute, jede Bibliothekarin besorgt euch mindestens fünf relevante Literaturangaben pro Auskunftsgespräch für lau! Und wir haben genau dafür sogar studiert (immer wieder schön: das Video „Frag EconDesk“)!

Aber mit solchen Marketing-Aktionen ist wenig Staat zu machen, wie die allenthalben sinkenden Zahlen an Beratungsgesprächen an den Auskunftstheken belegen. Peer-to-Peer-Auskunft wie die von StartLiteratur, die mit dem Slogan „Von Studenten für Studenten“ wirbt, wirkt möglicherweise allein schon deshalb sympathisch auf die Zielgruppe, weil es erwiesenermaßen so was wie Bibliotheksangst gibt und Wegeführung in Bibliotheken nicht zwangsläufig an einer Infotheke vorbeiführt, wo auch nicht zwangsläufig jemand mit einem einladenden Lächeln sitzt.

Was widerfährt denen, die sich an die Theke trauen? Sie bekommen von uns in der Regeln nicht mehr als Hilfe zur Selbsthilfe. Es ist Teil des bibliothekarischen Ethos, dass man den NutzerInnen hilft, das Selbermachen zu lernen – und das keineswegs nur deswegen, weil Bibliotheken nicht genug Personal haben, um allen Studierenden eine Literaturliste zu erstellen. Der Grund liegt tiefer und ist vielleicht oft nur so halb-bewusst: Meiner Meinung nach ist es so etwas wie der (diplom?-) bibliothekarische Respekt oder gar die Ehrfurcht vor der wissenschaftlichen Fragestellung und die  Entscheidung dafür, stets Neutralität zu bewahren und somit gar nicht anders zu können als zu sagen: „Entschuldigung, aber beurteilen, welche Literatur Sie jetzt lesen sollten, kann und will ich nicht, ich kann Ihnen nur sagen, wie Sie Literatur recherchieren und bestellen“.

Diese Haltung ist sehr ehrenwert. Aber ich würde dennoch und gerade mit Blick auf Dienste wie StartLiteratur entgegenhalten, dass sie nicht mehr zeitgemäß ist. Letztes Jahr habe ich hier vorgeschlagen, dass wir Erstsemestern Gutscheine anbieten sollten für fünf professionell recherchierte Artikel im Wert von 100,- Euro. Das widerspricht jeglicher Selbsthilfe-Policy und Berufsethik, manche sagen sogar, das führt unsere Informationskompetenz-Aktivitäten ad absurdum. Ich finde die Idee nach wie vor nicht komplett abwegig, weil wir damit sowohl den Wert unserer Ressourcen als auch unseres Recherche-Wissens sichtbar machen. Und Neugier erzeugen – sowohl auf die wohl offensichtlich wertvollen Ressourcen als auch das möglicherweise nützliche Wissen, um selbst daran zu kommen. Oder um Widerspruch zu wecken: Wer nach Erhalt von solchen gelieferten Artikeln oder Referenzen dann ins Nachdenken kommt, ob das jetzt wirklich relevante Literatur ist oder ob es nicht noch mehr geben kann, hat die erste Stufe der immer wieder hochgehaltenen Informationskompetenz-Pyramide schon erklommen, weil Problembewusstsein erzeugt wurde. Aus dem selben Grund argumentiere ich übrigens für elaborierte Relevanz-Ranking-Algorithmen in Katalogen, aber das nur am Rande. Als wissenschaftliches Rahmenwerk für ein entsprechendes Umdenken empfehle ich das Kapitel „The Mommy Model of Service“ in „Studying Students. The Undergraduate Research Project at the University of Rochester“ von Nancy Fried Foster.

Wie auch immer, Kollege Lambert Heller hat recht: Wir müssen reden  – darüber, wie man wissenschaftliches Arbeiten lernt und welche Beratungs- und Unterstützungsangebote sinnvoll sind. Was ist an Peer-to-Peer-Angeboten wie StartLiteratur gut (Note to Self: Ist ein kommerzielles Angebot noch Peer-to-Peer?). Was können und sollen Schreibberatungen, Informationskompetenz-Veranstaltungen oder Lange Nächte der aufgeschobenen Hausarbeit leisten?

Und sollte man das mit dem Gutschein für Volltexte (oder zumindest Referenzen) nicht doch mal versuchen?

4 Antworten

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  1. Nemissimo said, on 6. Januar 2012 at 5:35 pm

    Ob das wirklich ein Angebot von Studenten für Studenten ist? Und selbst wenn: Ist es dann nicht so, dass die schlauen Studenten sich ein Produkt überlegt haben, mit dem sie scheinbar den anderen (weniger schlauen) helfen, primär aber ihnen Geld aus der Tasche ziehen und deren Unselbständigkeit fördern? Also doch, in anderem Sinne des „note to self“, kein Peer-to-peer-Angebot?

    Sicher kann schlecht recherchierte oder am Ziel vorbei gelieferte Literatur das Nachdenken anregen und Teil einer Entwicklung zu mehr Informationskompetenz sein, muss aber nicht. Ich würde daher (für mich) beim Ziel der Hilfe zur Selbsthilfe bleiben. Selbst dort fällt beim Beratungsgespräch meistens schon unmittelbar Nachnutzbares ab, u.a. konkreter Hinweis auf einige geeignete Recherchequellen, beispielhafte Suchabfragen zum Thema, einige Trefferlisten.

    Es wird immer zum einen diejenigen geben, die ihre Hausarbeiten einschließlich Literaturrecherche selbst schreiben und die damit innerhalb ihrer Gruppe ‚Pioniere‘ sind, und zum anderen diejenigen, die die von den ‚Pionieren‘ bereiteten Wege nachnutzen. Manchmal bringen es die Nachnutzer bis zum Bundesminister, meistens eher nicht. „Studiert“ ist eben nicht gleich „studiert“, innerhalb der Gruppen gibt es große Streuung.

  2. Jens Lazarus said, on 7. Januar 2012 at 2:17 am

    Ha, endlich. Peer-to-Peer in Informations(kompetenz)vermittlung ist nicht ganz mein Feld, aber eigentlich beschäftigt mich das immer mal wieder, seit ich vor Jahren in einer Veranstaltung u.a. die korrekte Zitierung von Internetquellen versuchte zu vermitteln und mir ein Student reingrätschte mit der Bemerkung in die Runde: Internet? Bitte keinesfalls und überhaupt nicht zitieren bei Professor XY. Der will das nicht.

    Schlagartig wurde mir das Dilemma meiner Vermittlungsbemühungen klar: Ich hatte die häre Idee einer notwendigen, für ein erfolgreiches Studium geradezu unvermeidlichen und gültige Kompetenz vor Augen, während mein Publikum sofort und pragmatisch alles auf Tauglichkeit für einen bestimmte, meist professoralen Adressaten hin filterte — einen Adressaten über dessen Besonderheiten, Vorlieben, Anforderungen, Macken ich weit weniger wusste als der Student mit nur einem Semester mehr Erfahrung, als die gerade vor mir.

    Seit dem frage ich mich ja, ob es nicht besser wäre, bibliothekarisch gut vorbereitete und erfahrene Studentische Hilfskräfte eher in Schulungen einzusetzen (statt zur Aufsicht oder zum Einstellen von Büchern). Der Realitätsbezug ist einfach unschlagbar. Vielleicht müssen wir nicht alles selber machen (wollen).

  3. DonBib said, on 10. Januar 2012 at 9:44 am

    Es stellt sich schon die Frage, ob sich nicht auch das wissenschaftliche Arbeiten ändert und die Form des Studiums. Ich hatte mal fünf Hausarbeiten zu schreiben, in den zehn Wochen des Sommers zwischen zwei Semestern, natürlich parallel zu einem acht-wöchigen Praktikum. Wäre ich jetzt nicht Bibliothekar, kann ich mir mein Gesicht vorstellen, dass mich bei der Frage nach Hilfe in der Bibliothek auszeichnen würde. Ebenso kann ich mir mein Gesicht vorstellen, beim Versuch Hilfe zur Selbsthilfe zu erhalten.
    Die Frage, wie die Situation der Studierenden ist, ist auch zu besprechen.
    Suche ich mir Hausarbeitsthemen mit großen Recherche- und Leseanteil oder nehme ich ein Thema, dass mir mehr Spielraum für eigene Gedanken mit weniger Fremd- und Fachliteratur lässt? Bequemer ist es allemal.
    Ich stelle mir auch manchmal die Frage – Umsetzbarkeit mal außen vor gelassen – ob es nicht auch sehr viel mehr ein zentrales Anliegen der Dozierenden sein muss, den Studierenden die Studierfähigkeit überhaupt erst nahezubringen.

    Vielleicht nutzt es auch gar nichts, dieses Thema vereinzelt auf die Bildungseinrichtungen zu betrachten.
    Ein bißchen träumerisch gesagt: es ist längst überfällig, dass zur allgemeinen Schulbildung die umfassende Fähigkeit zum verantwortungsvollen Umgang mit Informationen gehört. Recherche- und Bewertungsfähigkeiten halte ich für wesentlich wichtiger, als eine vierte oder fünfte Stunde Chemie, Mathe oder Englisch.
    Dieses ganze Thema gehört nicht nur in bibliothekarische Diskussionen, sondern grundlegend in die Bildungspläne. Wer verantwortungsvoll mit den eigenen Daten umgehen will, wer verantwortungsvoll teilhaben möchte an einer demokratischen Gesellschaft der braucht das Rüstzeug. Das können „wir“ nicht alleine vermitteln, das muß sehr viel früher geschehen. Unser Berufsstand kann sich dann mit dem Ausbau der Fähigkeiten beschäftigen und zielgerichteter Arbeiten.
    Kurz gesagt: ich plädiere für ein entsprechendes Unterrichtsfach an den Schulen.

  4. […] Anne Christensen in ihren Blog-Beitrag "Von Hilfe zur Selbsthilfe zum ‘Mommy Model of Service’" […]


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