A growing organism

Die Discovery-Beziehungskrise und was man gegen Erkenntnisprobleme tun könnte

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 15. April 2013

Ich betrachte die großen Probleme, die viele BibliotheksmitarbeiterInnen mit Discovery-Systemen haben, in gewisser Weise als ausgleichende Gerechtigkeit: Jahrelang wurden die BenutzerInnen dazu gezwungen, Recherchewerkzeuge zu verwenden, die nicht ihren Anforderungen entsprachen und gleichsam aus einer „fremden Welt“ stammten; nun hat sich die Situation umgekehrt.

Diese wunderbar zugespitzte Zitat stammt von dem Wiener Kollegen Horst Prillinger. Er hat seine These erstmals am vergangenen Wochenende auf dem BibCamp in Nürnberg vorgebracht und dann noch mal ausführlicher in seinem „Versuch über die Ursachen einer Beziehungskrise“ zwischen BibliothekarInnen und Discovery-Systemen dargelegt. Vielen Dank dafür und die „Beziehungskrise“ als Diagnose, Horst! Und danke auch an alle Teilnehmenden der BibCamp-Session zu Discovery-Systemen und BibliothekarInnen, die hier dokumentiert ist.

Darin wird mit dem Satz geendet, dass wir als BibliothekarInnen ein „Erkenntnisproblem“ haben. Haben wir das aber wirklich? Die einschlägigen Studien aus den letzten zehn Jahren zum Informationsverhalten von Studierenden werden allseits gerne zitiert, aber offenbar tun wir uns mit den Ergebnissen schwer. Wie übrigens auch schon eine Generation von BibliothekarInnen vor uns, denn dass der OPAC weder beliebt noch zielführend ist, haben schon die ersten Usability-Forschungen in den 1980er-Jahren ergeben. Und auch Ursula Schulz zog im März auf der Inetbib-Tagung kein gutes Fazit aus den Ergebnissen von „Zehn Jahren Usability-Evaluation virtueller Bibliotheken„.

Was meine eigene Sicht auf das Thema Discovery entscheidend geprägt hat, waren mehrere Stunden Filmmaterial, die Ursula Schulz, Jörg Schmitt, Marcel Stehle und Co.  im Rahmen von Tests mit einer frühen Fassung von beluga erzeugt haben. Allein schon die Kurzfassung (im beluga-Blog zu sehen) ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie sehr die BenutzerInnen mit unseren Tools fremdeln – sogar den schon „verbesserten Katalogen“  wie damals der Testversion von beluga. Die Filme haben meinen Blick geschärft: Sitze ich heute an der Auskunft, versuche ich so viel wie möglich darüber zu erfahren, was meinem jeweiligen Gegenüber mit dem Katalog oder dem Discovery-System Schwierigkeiten macht – im Grunde ist es doch die Hauptaufgabe an der Information, die gescheiterten Recherche-Selbstversuche unserer BenutzerInnen doch noch zu Erfolgserlebnissen zu machen. Wenn es die Gesprächssituation erlaubt, erkundige ich mich auch gern danach, was als besonders schwierig empfunden wurde und was helfen würde. Das endet übrigens oft darin, dass wir die Rollen tauschen: Vorher war mein Gegenüber frustriert über Katalog, nachher bin ich es – übrigens auch beim Discovery-System.

Aber ich glaube, dass die gängigen Discovery-Systeme generell als weniger „kaputt“ wahrgenommen werden, als es beim klassischen Katalog der Fall ist. Sie sind sicherlich noch weit von der Perfektion entfernt, die wir vom Katalog kennen –  aber genau das ist es möglicherweise auch, was uns die Beziehung schwierig macht, denn Perfektion und Genauigkeit sind zentrale Tugenden unseres Berufes. Deswegen denke ich aber auch, dass Schulungsveranstaltungen für das Bibliothekspersonal nicht der Haupt-Ansatz sein sollten, um die Beziehungskrise mit dem Discovery-System zu überwinden. Vielmehr brauchen wir eine breite und ernsthafte Auseinandersetzung mit zwei Dingen, nämlich sowohl den Methoden als auch den Ergebnissen von Forschungsarbeiten zur Nutzung von Katalogen, Discovery-Systemen und Co. Anders gesagt: Wir brauchen Schulungen, aber nicht in der Benutzung von Discovery-Systemen, sondern darin, das Informationsverhalten unserer BenutzerInnen zu beobachten, zu analysieren und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in Dienste umzuwandeln. Natürlich ist mir klar, dass sich nicht jede Bibliothek ihr eigenes Ethnografie-Projekt leisten kann. Aber jede Bibliothek sollte es sich leisten, jemanden für die Beschäftigung mit diesen Fragen und dem Transfer des entsprechenden Wissens in die Organisation zu benennen. Dafür wiederum braucht das Thema Platz in den bibliothekarischen Fortbildungskalendern, wo es bislang leider noch fehlt.

8 Antworten

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  1. Till Kinstler (@tillk) said, on 18. April 2013 at 11:34 am

    Mal einen provokative Gegenposition: Anne, du schreibst doch am Anfang selbst, dass es nicht an „Erkenntnis“ (vielleicht eher Ergebnissen?) fehlt. Was sollen also weitere Beobachtungen und Analysen des Benutzerverhaltens bringen? Mehr Ergebnisse, die man dann ignorieren kann? Uschi produziert doch auch immer wieder die gleichen Ergebnisse. Wozu also noch mehr ethnografische Studien, Usability-Tests usw.? Damit wir weiterhin behaupten können, wir wüssten ja, wie es besser geht, jetzt fehlen aber die knappen Ressourcen (die wir schon in den Studien verbraten haben) um es zu verbessern? Wir könnten schon lange wissen, dass wir Mist bauen, bekommen es aber genau so lange nicht hin, es besser zu machen…
    Und warum sollten ausgerechnet Bibliotheken selbst Nutzerstudien machen? Wäre das nicht, wie wenn man Affen Nutzerstudien zur Gestaltung des Pinguinbeckens im Zoo machen lässt? Was kann da rauskommen? Die haben auch vollkommen andere mentale Modelle der Welt und werden nur ungern ins Wasser gehen, um dann zu sehen, dass diese Pinguine sich aber vollkommen falsch ernähren… Und wenn doch: Bananen! Wir brauchen die Unterwasser-Banane! Die DFG wird’s schon fördern…
    In Zeiten knapper Ressourcen (sind sie das eigentlich?, wenn man sich anschaut für was man Geld bekommen kann…) wäre die Konsequenz aus all dieser Erkenntnis doch: Lassen wir es. Die Leute wissen sich eh zu helfen (und nicht nur mit Google). Und wenn nicht und sie den Weg zur Infotheke finden, dann sollen doch die dort Dienst tuenden in Gottes Namen mit ihren Lieblingstools arbeiten. Den „informations-erzieherischen Teil“ kann man dabei schlicht weglassen, die Nutzer werden beim nächsten Informationsbedarf eh wieder ihre gewohnten und bequemen Tools nutzen. Und wenn sie damit wieder scheitern, kommen sie halt wieder zur Infotheke (ein Arbeitsplatz gesichert…). Der gute Koch im Restaurant verrät ja auch nicht seine Rezepte. Aber wenn ich zuhause selbst koche, schmeckt’s trotzdem…
    Wozu also Discovery Interfaces in Bibliotheken? Wir kriegen es nicht hin und brauchen tut sie auch keiner… Nutzen wir das Geld doch zu etwas sinnvollem… Ach, wir wissen gar nicht, was sinnvoll wäre…?

    • Jan F. Maas said, on 18. April 2013 at 2:57 pm

      Ich denke auch, dass wir weiterhin versuchen müssen, die Nutzer (und uns) besser zu verstehen und unsere Tools für ihren Daseinszweck – die Benutzung – zu optimieren. Eine Anmerkung in eigener Sache: auch beluga soll der Christensenschen Tradition😉 weiter folgen und zukünftig wieder verstärkt Evaluationen unterworfen werden. Und die Akzeptanz des aktuellen Systems bzw. des Testsystems bei den Nutzern deutet stark darauf hin, dass Bibliothekare doch etwas über ihre Nutzer herausfinden können.

      IMHO ist das andere Problem – das vieler Bibliothekare/Innen – im Umgang mit Discoverysystemen, dass der mental gut durchdringbare Katalog (WENN man sich einmal die Mühe macht bzw. Bibliothekswesen studiert oder eine entsprechende Ausbildung gemacht hat) durch ein Discovery-Blackbox-System abgelöst wird.

      Ich habe einen Heidenrespekt von den BibliothelarInnen, zu denen ich mit einer diffusen Anfrage komme und die nach kurzem Überlegen in dem Metadaten-Babylon exakt das Feld finden, das falsch katalogisiert wurde. Genau diese Leute werden aber bei der Einführung einer Discoverylösung ein bischen im Regen stehen gelassen, weil die logische Verknüpfung von Datenbasis und Frontend durch Ranking, Unscharfe Suche, MARC-Konversion etcpp. zerstört oder unklar gemacht wird. Ich kann das als ITler sehr gut nachvollziehen – die logische Durchdringung eines Arbeitswerkzeugs ist unheimlich wichtig, sonst hat man immer ein gefühl der Unsicherheit im Umgang mit dem jeweiligen Werkzeug.

      Meine Forderung wären also leichter nachvollziehbare Prozesse in den Discoverysystemen, damit diese nicht nur für die Nutzer, sondern auch für die Leute im „Backend“ leichter verwendbar sind. Und natürlich auch technische Schulungen für die Bibliothekare – zugegeben vielleicht nicht alle, aber eben doch die meisten wollen verstehen, mit was für einem Werkzeug sie arbeiten.

      • Till Kinstler (@tillk) said, on 18. April 2013 at 5:20 pm

        Du (und Dörte auch) erwähnst doch Kernkompetenzen, die in Bibliotheken reichlich vorhanden sind. Also warum nicht etwas nützliches damit tun?
        Schon die Betrachtung eines Discovery Systems als „Black Box“ zeigt doch, dass auf dem Gebiet keine Kompetenz vorhanden ist. Das sind keine Black Boxen. Ich dachte mal, dass man das eigentlich in einem informationswissenschaftlichen Studium lernt (ich habe es da gelernt), ist Teil des Gebiets „Information Retrieval“ seit mindestens 30 Jahren…
        Aber um zum Ausgangspunkt zurück zu kommen: Was soll an der Stelle mehr Nutzerforschung bringen? Die Nutzer erklären es uns auch nicht, dass das keine Black Boxes sind…
        Ja, es gibt ein paar Beispiele, an denen man eine Korrelation zwischen gutem Discovery System und Nutzung von Bibliotheksangeboten sehen kann (E-LIB, aber auch Dave Pattern aus Huddersfield zeigt gerne Zahlen dazu). Die stecken aber auch eine Menge Kompetenz und Ressourcen in die Umsetzung ihrer Discovery Systeme. Aber wenn man beides nicht hat bzw. nicht aufbringen möchte/kann? Und das scheint mir die verbreitete Realität zu sein…
        Ist es dann nicht sinnvoller, sich auf die vorhandenen Kompetenzen zu verlassen und die zu nutzen? Ist ja (hoffentlich) nicht so, als hätten Bibliotheken nichts zu bieten (s.o.)…

    • Carola Schirmer said, on 18. April 2013 at 2:58 pm

      Das Bild der Unterwasser-Banane ist hübsch, vielen Dank dafür. Sehr schön charakterisiert es, was in – kritischen – Betrachtungen von Softwareentwicklung als „I-Methodology“ (EntwicklerInnen schließen von sich auf die künftigen NutzerInnen) identifiziert wurde. Es scheint mir aber gerade nicht zu ethnografisch basierten, partizipativen Verfahren zu passen, auf die üblicherweise zurückgegriffen wird, weil das Problem erkannt wurde.
      Ich interpretiere Annes Ausführungen für mich eher so, dass es nicht an Wissen darüber fehlt, _dass_ die NutzerInnen sich mit den einen wie den anderen Tools schwer tun, sondern an Wissen darüber, wo genau die Probleme liegen und _wie_ die Technologien gestaltet sein müssten, damit die verschiedenen „gaps“, sei es zwischen „mentalen Modellen“ oder unterschiedlichen „Kulturen“ ein bisschen besser überbrückt werden könnten. Wer nun die richtigen Personen sind, um die ethnografische Forschung durchzuführen, wäre zu diskutieren: vielleicht BibliothekarInnen, die eine Brücke von bibliothekarischem Denken zu NutzerInnen schlagen, vielleicht EntwicklerInnen, die eine Brücke von Datenbanken- und Softwarelogik zu NutzerInnen bauen, vielleicht alle beide . Die partizipative Softwareentwicklung jedenfalls will es mit ihren Verfahren möglich machen, diese unterschiedlichen Beteiligten zusammenzubringen und ihnen zu gemeinsamer „Sprache“ und „gegenseitigem Lernen“ zu verhelfen. Um Unterwasser-Bananen zu vermeiden.

      (Um in der Analogie zu bleiben: was passiert, wenn Affen und Pinguine sich erst mal kennenlernen …?)

      • Till Kinstler (@tillk) said, on 18. April 2013 at 5:34 pm

        Die „Unterwasser-Bananen“ gibt es übrigens: Nymphoides Aquatica… Ob sie Affen oder Pinguinen oder gar beiden schmecken wäre vielleicht noch ein Thema für weitere Nutzerstudien…

  2. Martin Blenkle said, on 18. April 2013 at 1:34 pm

    Ich kann Tills Argumentation prinzipiell gut verstehen. Gleichwohl bin ich der Meinung, dass viele Bibliotheken in den letzten Jahren doch recht weit voran gekommen sind, nicht nur was den Katalog betrifft, sondern auch das nutzerfreundliche Marketing ihrer gesamten Dienste z.B. über die klassische Webseite.

    Was die Sinnhaftigkeit eines Discovery-Ansatzes angeht: in unserem Fall in Bremen haben wir durchaus signifikante Zuwächse der Nutzung von E-Medien durch Integration in die E-LIB feststellen können.

    Die aktuelle Referrer-Statistik von JSTOR für den Standort Bremen (die angibt, aus welchem Zugangssystem die Nutzer JSTOR Volltexte erreichen) zeigt die Zahl an Zugriffen über Google, Google Scholar und die E-LIB völlig gleich auf (laut Aussage von JSTOR ist das aber nicht typisch..).
    Nachdem wir die BASE OAI-Volltexte in den zentralen Index aufgenommen haben, sehen wir etwa 500-600 Zugriffe auf diese Volltexte täglich. Die Nutzung von IEEE verdoppelte sich etwa innerhalb eines Jahres nachdem wir die Artikel integriert hatten.

    Ich habe daher den Eindruck, dass solche bibliothekarischen Angebote durchaus nachgefragt werden und konkurrenzfähig sein können. Wir müssen aber tatsächlich noch besser und intuitiver werden. Die Ergebnisse von Frau Schulz umzusetzen, ist in vielen Fällen gar nicht schwierig, wenn man es schafft, bei der Analyse der eigenen Dienste im Team die bibliothekarische Brille abzusetzen.

  3. Doerte (@bibliothekarin) said, on 18. April 2013 at 1:41 pm

    Nett! Könnte man so stehen lassen und sagen: Was geht uns die Kompfort-Zone unseres Nutzers etwas an. Das Scheitern der Nutzer im fortgeschrittenen Studium liegt nur an deren Faul- und Dummheit und nicht, weil die Bibliothek mit schlecht zu nutzenden Tools eine hohe, nicht zu überwindende Mauer geschaffen hat. Und damit kommen wir dann auch zur Kernfrage: Wozu braucht man dann eigentlich noch Bibliotheken? Buchbestand gibt es über GoogleBooks und Amazon, elektronische Medien können über eine Linkliste direkt bei den Instituten angeboten werden. Die Rechnungen bezahlt eh die Verwaltung und die technische Seite übernimmt das Rechenzentrum. Die wissen sowieso, welche Datenbank für die Studierenden gut ist. Reicht doch!
    Mit Wegfall der bisher dafür eingestellten BibliothekarInnen wird Geld frei für die Lizenzerwerbung und was beschafft wird, bestimmen die Dozenten. Wenn doch „greifbare“ Medien gekauft werden, kümmern sich auch die Dozenten darum, dass sie in ihren eigenen Räumen diese Dinge stehen haben. Dass jemand anderes die auch noch gebrauchen könnte, ist doch egal. Wird eben doppelt und dreifach angeschafft, ganz nach dem Motto: Jedem Juristen sein Münchner Kommentar😉

    Müssen wir tatsächlich mit der Entwicklung/dem Angebot eines Discovery-Systems Google & Co Konkurrenz machen oder tun wir nicht etwas für „Nutzerbindung“ und eine Erweiterung ihrer Kompfort-Zone, ein Angebot, das sie annehmen können aber nicht müssen?

    #Ironieverdacht😉

  4. […] zu diesen Systemen in einem wundervollen Blogbeitrag zusammengefasst. A Growing Organism griff die Discovery-Beziehungskrise auf und begründete schließlich am letzten Samstag in einen Beitrag “Warum BibliothekarInnen bei […]


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