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Warum BibliothekarInnen bei Discovery mitmischen sollten, trotz allem

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 20. April 2013

Meiner Freude darüber, dass die Diskussion um die Haltung von BibliothekarInnen zu Discovery-Systemen weitere Kreise zieht, habe ich schon in meinem letzten Post Ausdruck verliehen – das kann ich angesichts der interessanten Diskussionsbeiträge dazu nur wiederholen. Und eben weil die Diskussion so interessant ist, möchte ich auf diese Beiträge wiederum in einem separaten Post antworten. Vorab noch ein Hinweis: Das Thema wird auch anderswo diskutiert, eine US-amerikanische Kollegin berichtete gerade kürzlich über ihre Erfahrungen bei der Einführung eines Discovery-Systems unter dem Titel Overcoming Librarian Resistance to Adopting Discovery Tools.

Aber zur Sache, denn ich möchte erklären, warum ich meine, dass BibliothekarInnen gute Beiträge für die (Weiter-) Entwicklung von den jetzigen Discovery-Systemen leisten können und warum ich finde, dass es auch unverzichtbar ist, das zumindest zu versuchen. Damit widerspreche ich Till Kinstlers – provokativ gemeintem – Kommentar, dass wir in Bibliotheken weder die von mir zur Discovery-Vorbereitung angepriesenen Nutzerstudien durchführen können noch in der Lage sind, ein nutzergerechtes Discovery-System auf die Beine zu stellen. Wie gesagt: Till wollte provozieren und hat damit eine Reihe von Mit-DiskutiererInnen mit klugen Gegenargumenten auf den Plan gerufen, um die es im Folgenden auch gehen soll.

1. Warum wir bei Discovery mitmischen sollten: Weil wir es können.

Allen Meckereien gegen aufwändige und unzeitgemäße Katalogisierungsregeln und Datenmodelle zum Trotz: In unserem Metadaten-Babylon, wie Jan-Frederik Maas es hübscherweise bezeichnet hat, stecken jahrhundertealte Erfahrung und auch hohe ethische Ansprüche, zum Beispiel Korrektheit und Neutralität. An dieser Stelle kann ich zugeben, dass Uwe Jochums Tirade gegen Discovery-Systeme als Ausdruck von bibliothekarischer Neoliberalität  neulich durchaus einen Nerv von mir getroffen hat: Das „Outsourcing“ der Systeme an kommerzielle Dienstleister, die zum Beispiel mit ihren Ranking-Algorithmen ähnlich geheimnisvoll umgehen wie Google, sehe ich durchaus auch kritisch. Es gibt auf den ersten Blick auch erst einmal wenig Möglichkeiten, die Stärken der bibliothekarischen Metadaten in den Discovery-Systemen auszuspielen. Das ist bedauerlich und ein guter Grund für Skepsis in der Fachwelt. Wir haben aber, zumindest theoretisch, informationswissenschaftliche Fachkenntnisse, um zu verstehen, wie Suchalgorithmen grundsätzlich funktionieren, und können und sollten auf dieser Grundlage versuchen zu verstehen, nachzufragen und unser Wissen in die Verbesserung der aktuellen Generation von Discovery-Sytemen einzubringen. Klar: Bei einem offenen System kann man mehr Einfluss nehmen. Aber ich erlebe die Anbieter eigentlich auch so, dass sie zumindest diskussionsbereit sind – und die vielen „Hacks“, also selbst entwickelten Anwendungen auf Grundlage der kommerziellen Systeme, sind ein weiterer Beleg für den Handlungsspielraum, den wir haben.

Einen weiteren möglichen Beitrag von BibliothekarInnen zu Discovery-Systemen ist unser Wissen darüber, was „gute“ Publikationen ausmacht (auch wenn man über gegenteilige Ureile verklagt werden kann, leider immer noch aktuell: #FreeDaleAskey!). Und unsere Kenntnis, was unsere Zielgruppen vor Ort genau beschäftigt, also welche Schwerpunkte in Lehre und Forschung gesetzt werden und was bei den Lehrenden als jeweils einschlägige Einführungsliteratur gilt. Über die klassische formale und inhaltliche Katalogisierung hinaus könnten wir also auch Wissens-Kontexte sichtbar machen – zum Beispiel indem man Literaturlisten für Veranstaltungen dauerhaft bereitstellt und die dort nachgewiesene Literatur in Rankings einbezieht – eine Idee, die ich schon schon mehrfach zu skizzieren versucht habe. Aber auch anderswo macht man sich Gedanken darüber, wie man unser Wissen über Kriterien für Literaturauswahl und -bewertung besser nutzbar macht, „curating“ ist ein Begriff, der dann in der Diskussion fällt, wie zuletzt in dem lesenswerten Beitrag From Search to Discovery in Our Future Library. Hier sieht man übrigens auch den unmittelbaren Bezug, den das Thema Discovery zu einem anderen, jüngeren bibliothekarischen Lieblingskind, nämlich der Informationskompetenz-Vermittlung haben kann. Wenn man sich nämlich anschaut, wie die neuesten einschlägigen Curricula definiert werden, geht es dabei um viel mehr als die bloße Handhabe von Katalogen, Datenbanken und Literaturverwaltungsprogrammen, sondern um Anregung zu einer Auseinandersetzung mit der Entstehung und Einordnung von wissenschaftlichen Informationen (mehr dazu wie so oft bei Thomas Hapke nachzulesen).

2. Warum wir bei Discovery mitmischen sollten: Weil wir es müssen.

In Zeiten sinkender Ausleihzahlen für gedruckte Materialien sind die Discovery-Systeme ein entscheidender Treiber für die Nutzung von elektronischen Texten – sowohl den lizensierten (bei uns in LG seit Discovery-Einführung +50%) und den OA-Texten (siehe Kommentar von Martin Blenkle). Auch wenn man als BibliothekarIn erzieherische Aufgaben weitgehend ablehnt: Eine Verantwortung für Ranganathans „every book its reader“ bleibt doch, oder?

Der Katalog, wie wir in kennen, kann diese Aufgabe nicht mehr bewerkstelligen. Die Discovery-Systeme sind aktuell ein erster Aufschlag zur Verbesserung. Sie sind gleichzeitig eines von verschiedenen neuen Szenarien, die sich für den Zugang zu und die Nutzung von unseren Diensten ergeben haben. Damit angefangen haben gar nicht wir selbst, sondern unsere NutzerInnen: In Hamburg programmierte ein findiger Student eine App für sein iPhone, um Katalog und Nutzerkonto mobil in der Tasche zu tragen. E-Learning-Teams banden verschiedenenorts z39.50-Suchschlitze in Moodle und Co. ein. Unabhängig von diesen Einzelfällen kann man feststellen: Die IT-Landschaften wandeln sich von monolithischen Systemen zu lockeren Architekturen, die über Schnittstellen mit einander kommunizieren. Die Implementierung eines Discovery-Systems kann für Bibliotheken ein Versuchsumfeld sein, um die Nutzung der eigenen Daten in einem neuen Kontext zu erleben, zu verstehen und dann zu verbessern – und zwar ein vergleichsweise kontrolliertes Umfeld.

Wie wichtig es ist zu verstehen,  wie unsere Daten heute schon in anderen Plattformen genutzt werden können und was wir noch tun müssen, um das in Zukunft zu verbessern, zeigt die aktuelle Diskussion um die DFG-Ausschreibung zur Neuausrichtung überregionaler Informationsservices, deren Ausgang Adrian Pohl in seinem unbedingt lesenswerten Beitrag „Mit der DFG und CIB nach WorldShare und Alma“ kommentiert. Nimmt man an, dass mit diesem Antrag eine Weichenstellung stattfindet (oder dies zumindest versucht werden soll), dann muss man sich zumindest dann mit den Inhalten beschäftigen, wenn man nicht in den nächsten fünf Jahren in Ruhestand geht. Und da geht es um nichts anderes als die Überführung von vormals „eigenen“ Daten in neue Umgebungen, die mit Discovery wenigstens schon einmal den Black Box-Charakter gemein haben.

Klar: Discovery ist eine teure Suppe, und man kann in der Tat fragen, ob man für Lizenzgebühren und IT-Personalkosten nicht besser mehr in den Bestandsaufbau steckt. Weil wir aber mehr sind und sein wollen als der Coffee-Shop mit WLAN und pittoresker Bücherwand, müssen wir erstens verstehen, wie unsere BenutzerInnen ticken (das war mein Punkt letzte Woche) und zweitens ermessen können, was die Veränderungen in der IT-Landschaft ganz konkret für unsere Daten bedeuten. Dafür ist Discovery meines Erachtens wie gesagt das ideale Versuchsumfeld – das uns außerdem die Gelegenheit gibt, unsere bisher oft auf die Verwaltung von Print-Materialien ausgelegten Geschäftsgänge zu verändern, quasi also die Einführung eines Discovery-Systems als Anlass für ohnehin notwendige Personal- und Organisationsentwicklung nehmen. Zusammen mit den offensichtlichen Mehrwerten, die auch die jetzige, noch nicht ausgereifte Generation von Discovery-Systemen für die bislang Katalog-geplagten NutzerInnen hat, dürfte Discovery unterm Strich aber vermutlich eine sinnvolle Investition sein – vor allem wenn man begleitend dazu noch bereit ist, eine Vision für die Zukunft der eigenen Bibliothek zu entwickeln. Wozu Discovery mit all den großen und kleinen Erdbeben, die es auf allen Seiten auslöst, aber geradezu inspiriert.

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