A growing organism

Discovery und/gegen/mit/trotz Google Scholar

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 19. August 2015

Vor knapp drei Jahren hat ein Vortrag von Simone Kortekaas Aufsehen erregt, in dem laut ausgesprochen wurde, was durchaus in der Luft hängt: Wieso sollen wir überhaupt Discovery und Katalog anbieten, wenn unsere NutzerInnen ohnehin am liebsten googlen? Die Bibliothek in Utrecht verzichtet inzwisschen bewusst auf Discovery und plant auch den Katalog abzustellen. Stattdessen werden Google Scholar, WorldCat sowie einschlägige Fachdatenbanken empfohlen – und ordentlich Arbeit darein gesteckt, den Link Resolver SFX zu pflegen und so für geschmeidige Benutzungserlebnisse, sprich: schnellen Zugang zu Volltexten, aus all diesen Plattformen zu sorgen. Wer mehr wissen will: Es gibt sehr lesenswerte „Fragen und Antworten“ zu der Utrechter Entscheidung und ihrer Umsetzung.

Während Teil 1 der Utrechter Entscheidung – Discovery bringt zu wenig Ergebnis für zu wenig Aufwand – sicherlich von vielen KollegInnen geteilt wird, die dem Thema skeptisch gegenüber stehen, dürfte die Schlussfolgerung, das Feld im Wesentlichen an Google zu überlassen, insbesondere aus einer informationsethischen oder zumindest „kommerzialisierungs-kritischen“ Perspektive streitbar sein, zumal in Sachsen ein erster unabhängiger Artikelindex entstanden ist, der das Potenzial hat, eine echte Alternative zu den kommerziellen Systemen zu sein.

Unabhängig von einer Entscheidung für oder gegen ein Discovery-System lässt sich eine Integration von Lizenzinformation in Google Scholar vergleichsweise spielend leicht bewerkstelligen. Beate Rajski von der TUB Hamburg-Harburg weist hierauf immer wieder in unterschiedlichen Kontexten hin – z.B. in diesen Vortragsfolien – und es gibt für wissenschaftliche Bibliotheken mit einem Link Resolver keinen vernünftigen Grund, diese niedrig hängende Frucht nicht zu pflücken. Es ist anzunehmen, dass sich Google Scholar innerhalb weniger Monate zu einem bedeutenden Treiber für die Nutzung von E-Ressourcen entwickelt, und zwar ganz ohne einschlägige Marketing- oder Schulungsmaßnahmen.

Wenn man ein Discovery-System einsetzt, lautet die spannende Frage, wer erfolgreicher dabei ist, das Publikum zum Volltext zu bringen – Discovery oder Google Scholar? Vorab ein Disclaimer zu statistischen Daten: Ich zitiere im Folgenden keine systematische Analyse, zudem gibt es signifikante Zugriffszahlen auf E-Ressourcen, die nicht über einen Link Resolver vermittelt werden und im Folgenden keine Berücksichtung finden. Schaut man aber auf die Statistiken aus Link Resolvern, zeigen Zahlen aus Lüneburg, Hamburg-Harburg und Mannheim jedoch eine gemeinsame Tendenz: Discovery toppt Google Scholar, was die Anzahl der erfolgreich vermittelten Volltext-Zugriffe (bei SFX: „Clickthroughs“ ) angeht. Der Hauptanteil, meist um die Hälfte aller Zugriffe, kommt aus den Discovery-Systemen, zwischen 20-35% aus Google Scholar. Die Rolle der Fachdatenbanken ist teilweise im Vergleich eher marginal, allerdings zeigen die Zahlen aus Hamburg-Harburg, dass die Daten aus Wiso und Web of Science über Primo Central besser genutzt werden als zuvor, und aus Mannheim wird berichtet, dass die Rolle z.B. von Business Source Premier, keineswegs vernachlässigbar ist.

Für die Nutzung in Lüneburg kann noch die Beobachtung ergänzt werden, dass die Nutzung des Discovery-Systems im Jahresverlauf stark schwankt:  Im Januar und Februar, wenn insbesondere die von unserem Informationskompetenz-Team frisch instruierten Erstsemester ihre ersten Arbeiten schreiben werden Rekordhöhen erreicht. Im Vergleich dazu bewegt sich die Nutzung von Google Scholar über das Jahr hinweg auf einem relativ konstanten Niveau. Ein Erfolg für unsere Marketing- und Schulungsmaßnahmen? Was wäre, wenn wir Google Scholar auf den Thron setzen und es als Einstieg für die thematische Recherche bewerben würden? Vermutlich ebenso interessanter wie unmöglicher Versuch, denn das Geld für die Discovery-Lizenz soll ja nicht umsonst ausgegeben werden.

Die Zahlen legen zumindest auf den ersten Blick nahe, dass sich die Investition in ein Discovery-System lohnt, wenn man das Ziel verfolgt, die elektronischen Ressourcen besser nutzbar zu machen. Die Investition lohnt sich auch, um zu lernen, was Discovery besser machen muss, um mit Google Scholar mitzuhalten bzw. einen eigenen Platz einzunehmen. Es ist nicht gut, dass Google Scholar eine bessere Abdeckung freier Inhalte zugesprochen wurde als Discovery-Systemen. Es ist auch nicht gut, dass wir relativ wenig eigene Handhabe haben, die Discovery-Systeme mit zu gestalten. Viele von uns dürften noch nicht mal bei der Pflege des Link Resolvers selbst Hand anlegen, sondern auch diese Arbeit als Dienstleistung einkaufen. Ich bin manchmal überrascht, wie gut unser Discovery-System funktioniert trotz der eher stiefmütterlichen Behandlung, die es im Vergleich zum Print-Bestand erfährt.

Die Technik ist mittlerweile den Kinderschuhen entwachsen. Discovery-Systeme erinnern inzwischen vielleicht eher an einen wilden Teenager mit der ersten Mofa: Wenig Kontrollmöglichkeiten auf der einen Seite stehen einem durchaus nicht unbeträchtlichen Potenzial auf der anderen Seite gegenüber. Außerdem muss sich das System gegen „Altvordere“ wie Kataloge und Fachdatenbanken und Popstars wie Google behaupten. Aufwachsen ist keine leichte Aufgabe…

Vielen Dank an Beate Rajski und Jörn Cordes von der TUB Hamburg-Harburg und an Dr. Philipp Zumstein von der UB Mannheim für die Bereitstellung von Nutzungszahlen sowie hilfreiche Kommentierungen und Ergänzungen des Artikels.

Eine Antwort

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  1. CH said, on 31. August 2015 at 3:45 pm

    Kleiner Einwand:
    „[…] es gibt für wissenschaftliche Bibliotheken mit einem Link Resolver keinen vernünftigen Grund, diese niedrig hängende Frucht nicht zu pflücken.“

    Wirklich niedrig hängt die Frucht nur, wenn man nicht nur einen Link Resolver, sondern auch die gesamten Bestandsinformationen eingepflegt hat und die Kapazitäten und das KnowHow hat, dies stets aktuell zu halten.


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