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Benutzungsregeln & der Lernort Bibliothek

Posted in Benutzung by Anne Christensen on 26. Januar 2016

Präsenzbestände in Bücherwagen horten. Versuchen, sich vor dem Wachdienst zu verstecken, um die Nacht im Einzelarbeitsraum zu verbringen. Brötchen in den Lesesaal schmuggeln. Buchungs-Seilschaften zur Umgehung des „3 Stunden pro Tag“-Limits für Gruppenarbeitsräume gründen.

Bei aller Freude über die (Wieder-?) Entdeckung der Bibliothek als dritten Ort und das viele schöne Geld, das man unter der Überschrift Lernort zum Erwerb von Sitzsäcken und Co. einwerben kann, ist vielleicht die Frage berechtigt, ob und wie unsere Benutzungsregeln zu überdenken sind, um auf veränderte Nutzungsszenarien zu reagieren und Probleme wie die oben geschilderten zu minimieren

Die klassischen „Strafen“ aus Benutzungsordnungen sind Mahngebühren und der Ausschluss von der Benutzung. Letzterer findet aus guten Gründen nur selten Anwendung und dient mit Blick auf die genannten Vergehen eher der Abschreckung als einer tatsächlich einsetzbaren Waffe.

Einen im Vergleich wohl eher als erzieherisch zu beschreibenden Charakter haben die Mahngebühren – viel gefürchtet und in der Regel mit großer Konsequenz durchgesetzt, in Euro umgewandeltes Zeichen, wie ernst wir es nehmen damit, die Bestände zu hüten. Interessanterweise zeigen Erfahrungen jedoch, dass eine Reform von Ausleihreglen und die Abschaffung von Mahngebühren die gefürchteten Verlustzahlen durchaus senken können (Boyce 2014). Wenn man die Ausleihregeln nutzer_innen-orientiert gestalten wollte, müsste man ohnehin über semesterlange Leihfristen nachdenken, jedenfalls wenn ich mir das Verhältnis von Ausleihen zu Verlängerungen in unseren Statistiken anschaue. Und wenn man Mahngebühren abschaffen würde – wie viel Ärger und Zeit würde man sparen, und würde man wirklich Bestände verlieren? Auch hier hat (Boyce 2014) Zahlen, die nachdenklich machen, ob man sich an die heilige Kuh der Mahngebühr vielleicht einmal herantrauen sollte.

Was aber mit den anderen Verstößen – denen in der Grauzone, die man nicht mit Mahngebühren oder Ausschluss von der Benutzung sanktionieren kann, die aber doch das Bild von einem partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Bibliothek und Nutzer*innen zu trüben in der Lage sind? Mir wurde von neulich „delinquenten“ Nutzer*innen kürzlich angetragen, die Schuld durch Fehlverhalten durch Sozialstunden abzuarbeiten – wir freuen uns nun auf tatkräftige Mitarbeit bei der Regalreinigung, aber grundsätzlich sind solche Sanktionen wohl kaum flächendeckend tauglich.

Teilweise wird die Aufgabe der Einhaltung von Benutzungsregeln auch outgesourct: Schließfachanlagen werden von externen Dienstleistern betreut, vielerorts wird der gesamte Betrieb in Randzeiten und an Wochenenden auch von Wachdiensten betreut (vgl. dazu Duden 2015). Doch unabhängig davon, an wen diese und andere Aufgabenbereiche delegiert: Was auch immer dort getan wird, wird mit der Bibliothek in Verbindung gebracht, ihr positiv oder negativ angerechnet. Insofern entbindet das Outsourcing auch nicht davon, Regeln zu formulieren und zu kommunizieren.

 

fünfgründe

Kampagne „Sauber bleiben im Lesesaal“ 2015

Ein interessantes Lehrstück aus dem letzten Jahr war für mich eine Kampagne für den sauberen Lesesaal. Unsere Schilder  – Texte im Stil von „Dein guter Vorsatz für 2015? Nicht mehr im Lesesaal essen. Ist nämlich verboten“ – wurden zwar wahrgenommen, aber wenn es überhaupt eine Verbesserung gab, dann erst nachdem wir den Grund für die Regeln erklärt haben, und dieses in einer offenbar verständlichen und nachvollziehbaren Form.

Gekonnte Kommunikation von Regeln ist das wahrscheinlich beste „Präventionsrezept“ (vgl. Georgy 2010), aber die Umsetzung ist durchaus eine Herausforderung, wir sind schließlich keine professionellen Texter*innen.  Umso mehr hilft es, sich innerhalb von Benutzungsabteilungen und mit anderen Häusern auszutauschen. In einem solchen Rahmen habe ich u.a. auch von der Praxis in Göttingen gehört, wo für die Buchung von Lernräumen ein Guthabenkonto besteht, das mit Sonderpunkten belastet wird, wenn ein gebuchter Raum nicht genutzt wird. Ein gutes Beispiel dafür, wie man sich bei der Regelung von Benutzungsangelegenheiten von Software unterstützen  lassen kann! Und vielleicht ist die Idee eines Punktekontos ohnehin nicht schlecht, wenn es um Regelverstöße in der Grauzone geht – wenn man dann noch definiert, dass man durch Teilnahme an Datenbankschulungen Punkte zurückgewinnen kann, ergeben sich ganz neue Handlungsspielräume… Aber letztlich wird sich wohl kaum eine Bibliothek mit dem Aufwand einer entsprechenden Neuordnung ihrer Benutzungsordnungen belasten wollen. Womit man wieder zurück wäre bei der Aufgabe der „liebevollen und sanften“ Kommunikation von Regeln, und dem Vertrauen in ein Publikum, das sich im Wesentlichen verantwortungsvoll verhält. Genau so wie vor über hundert Jahren:

 

Literatur

Boyce 2014
Boyce, Crystal (2014): Practice Makes Perfect: Updating Borrowing Policies and Practices at a Small Academic Library. In: Journal of Access Services 11 (4), S. 282–297.

Duden 2015
Duden, Rolf (2015): Vom Nachtwächter zum Lernortmanager? – Neue Herausforderungen für das Qualitätsmanagement von Wachdiensten in wissenschaftlichen Bibliotheken.

Georgy 2010
Georgy, Ursula (2010): Verbote als Marketinginstrument in Bibliotheken. In: Bibliothek Forschung und Praxis 34 (3), S. 311–322.

 

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Überlegungen zur Zukunft der Benutzungsabteilung

Posted in Benutzung, Berufsbild by Anne Christensen on 6. August 2015

Vor inzwischen über vier Jahren hat Edlef Stabenau auf netbib eine schöne Liste mit „verschwundenen Arbeiten“ – Signieren von Fernleih-Scheinen, Einstellen von Katalogkarten usw. – gepostet, die mich seinerzeit schon einmal nachdenklich gestimmt hatte und an die ich wieder denken musste, als eine Benutzungsleitungs-Kollegin neulich fragte : „Was ist eigentlich die Zukunft der Benutzung?“ (more…)

„…kommen mit einem viel kleineren Werkkanon aus“

Posted in Benutzung, Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 16. August 2013

Auf netbib wurde in dieser Woche auf einen Zeitungsartikel aufmerksam gemacht, der die Vorbereitungen der USB Köln auf das Wintersemester beschreibt. Mich hat folgendes Zitat beeindruckt:

Bibliotheksmitarbeiter stellten außerdem fest, dass mit den Bachelorstudiengängen eine geänderte Literaturnutzung einhergeht. Die Studis kommen mit einem viel kleineren Werkkanon aus.

Ich würde diese Feststellung gefühlt bestätigen – zumindest für die meisten Studienfächer. Aber die Frage, ob und wie die Neuordnung der Studiengänge den Literaturbedarf beeinflusst, ist wohl auch noch recht unbeforscht. Wenn man aber annimmt, dass die Kölner These stimmt: Was können wir in Bibliotheken tun, um darauf zu reagieren? Insbesondere wenn man auch noch Zeitknappheit unterstellt und der Ranganathan’schen These anhängt, dass es eine Aufgabe der Bibliothek ist, ihren Nutzerinnen und Nutzern Zeit zu sparen?

Aufstellung: Nahbereiche und Interessenskreise

Classics in Engineering

Bücherregal an der James B. Hunt Library der North Carolina State University

Das Prinzip der „dreigeteilten Bibliothek“ ist zwar für öffentliche Bibliotheken entwickelt worden, aber warum nicht mal die Anwendbarkeit auf Universitätsbibliotheken überprüfen? An der James B. Hunt Library der North Carolina State University sah ich Regale mit Literatur-Klassikern für alle angebotenen Studienfächer – für die man Platz hat, weil man große Teile des restlichen Bestandes in Magazine verbannt hatte (weitere Fotos von einem unglaublichen Bibliotheksbesuch hier). Solche Sonderaufstellungen jenseits der Systematik sind in wissenschaftlichen Bibliotheken zwar nicht sonderlich beliebt und es ist sicherlich eine Herausforderung, ein Klassikerregal gut zu platzieren und hübsch zu gestalten.  Auch die Erstellung eines solchen Werkkanons ist vermutlich schwierig – aber gleichzeitig eine nette Gelegenheit, mit den Lehrenden ins Gespräch zu kommen und die Aktualität des eigenen Bestandes zu überprüfen.

Suche: De-neutralisieren

Die Neutralität des klassischen Bibliothekskataloges ist ein Wert an sich, und nicht umsonst erzeugt deswegen die Relevanz-Sortierung von Discovery-Systemen immer wieder Widerspruch in Bibliothekskreisen.  Die berühmte normative Kraft des Faktischen zwingt uns aber, einem neuen Paradigma bei der Informationssuche Platz zu geben, nämlich dem ausdrücklichen Wunsch der Nutzerinnen und Nutzern, wichtige Titel weit vorne zu finden.

Ich halte es nach wie vor für eine der interessantesten Herausforderungen der nächsten 10 Jahre für unseren Berufsstand, diesem Wunsch besser zu entsprechen, also Beiträge dazu zu leisten, wie ein System wie Katalog oder Discovery-Layer signifikante und idealerweise kontextbezogene Empfehlungen für „wichtige“ Literatur geben kann. Google hat in dieser Woche vorgestellt, wie man dort gedenkt, das Problem zu lösen: Man möchte einen Empfehlungsdienst für so genannte  In-Depth-Articles aufbauen. Wie der funktioniert? Ausgesprochen bibliothekarisch: Strukturierte Metadaten, sorgfältige Auswahl von „guten“ Verlagen.

Informationskompetenz: Widerspruch erzeugen

Zum Ausgleich für die „Don’t make me think“-Mentalität, der die ersten beiden Vorschläge entstammen, müssen auch Wege gefunden werden, wie man von den Trampelpfaden der Werkekanons und Empfehlungsdienste abweichen kann und soll. Eine Bibliothek, die physisch wie virtuell einfach zu benutzen ist und auch die impliziten Fragen ihrer Benutzerinnen und Benutzer beantwortet, hat mehr Möglichkeiten, die verheißungsvollen Wege jenseits der Trampelfade aufzuzeigen – und im Idealfall auch Widerspruch gegen einen Kanon oder einen Empfehlungsdienst zu erzeugen.

#bkc12: Von Selbsthilfegruppen und vom Scheitern

Posted in Benutzung by Anne Christensen on 17. März 2012

Keine Frage: Das BibCamp hat sich im bibliothekarischen Veranstaltungszirkus etabliert. Für die meisten ist es unproblematisch, das anfangs als kritisch beäugte Format im Rahmen einer Dienstreise zu besuchen, die Fachpresse berichtet, sogar über nach dem Prinzip der Unkonferenz gestaltete Sessions des guten alten Bibliothekartages Bibliothekstages wird nachgedacht.
In Köln waren wieder viele Newbies dabei, die das erste Mal an einem BibCamp teilnahmen – #neugierig war einer der Top-Hashtages bei der anfänglichen Vorstellungsrunde, und genau deswegen war es auch nicht verwunderlich, dass es insbesondere am ersten Camping-Tag wieder mal zu zahlreichen Riesen-Sessions mit 50-60 Teilnehmenden kam, in man erst einmal zuguckt. Ich kann gut nachvollziehen, zunächst einmal in der Menge verschwinden und Tuchfühlung aufnehmen möchte, bevor man den passiven Status verlässt und mitdiskutiert oder gar eigene Sessions anbietet. Dennoch würde ich dem BibCamp wünschen, dass es rascher zu einer größeren Bandbreite an spezialisierten Sessions kommt und globale Fragestellungen wie „Bessere OPACs“ oder „Social Media in Bibliotheken“ auf kleinere Einzelthemen heruntergebrochen werden, die meinem Eindruck nach besser diskutierbar sind. Ich fand jedenfalls, dass wir bei den betreffenden Sessions am ersten Tag nicht über Allgemeinplätze und Erkenntnissen aus den letzten Jahren herausgekommen sind, aber vielleicht ist das auch mein Problem als BibCamp-Veteranin.
Bei der Sessionplanung des zweiten Tages wurden viele Themen mit dem Wort „Selbsthilfegruppe“ angekündigt – leicht abwertender Unterton inklusive. Genau das ist aber doch eine der Stärken des BibCamps: Hier kann man selbstorganisiert und mit anderen „Betroffenen“ Probleme lösen – oder wenigstens Problemlösungsstrategien entwickeln. Ich war dennoch diesmal eher zögerlich dabei, eines meiner aktuellen Probleme zur Diskussion zu bringen – zum einen, weil ich mir nicht wirklich neue Erkenntnisse erhofft habe (dass man bei der BibCamp-Community Applaus für die Abschaffung von Garderobenpflicht oder generell liberalen Umgang mit Regeln erntet, ist sowieso klar). Zum anderen aber auch, weil ich es weder leicht finde, meine Ratlosigkeit in Bezug auf die Frage „Wie überzeuge ich mein Team davon“ zuzugeben, noch bin ich sicher, dass es als angemessen angesehen wird, wenn ich solche internen Probleme in einer öffentlichen Form diskutiere. Aber da ich mich in einer anderen Session für eine bessere Streitkultur ausgesprochen habe, muss ich wohl in Kauf nehmen, wenn der offene Umgang mit solcherlei Führungsproblemen nicht goutiert wird.
Was hat es mir gebracht, mich öffentlich zu fragen, wie ich den Blick meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf das Bibliothekspublikum verändern und eine Kultur des „Ermöglichens“ an Stelle des in erster Linie regelorientierten Umgangs mit Benutzerinnen und Benutzern wachsen zu lassen? Es wurde bestätigt, dass das strikte Abarbeiten von Benutzungsfällen gemäß Benutzungsordnung oder das Beharren auf Beschilderungen wie „Anstreichungen in Büchern sind verboten“ dem Bedürfnis nach Sicherheit im Kontakt mit dem Publikum erfüllen. Dieses Sicherheitsbedürfnis verletze ich, indem ich auffordere, Handlungsspielräume zu nutzen – also zum Beispiel beim Fehlen eines Personalausweises auch mal einen befristeten Ausweis auszustellen anstatt die Erteilung eines Ausweises ohne diese wichtige Voraussetzung pauschal zu verweigern. Da kann ich Rückendeckung versichern, so viel ich will – es gibt Menschen, denen macht so eine Vorgehensweise Bauchschmerzen, genauso wie auch das Ansinnen, die Garderobenpflicht abzuschaffen, enorme Bedenken hervorruft. Ich bin hergegangen und habe versucht, diese Bauchschmerzen zu lindern und die Bedenken zu zerstreuen. Nach der Session heute denke ich: Netter Versuch, aber mehr als solcherlei Händchenhalten brauchen meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermutlich klare Ansagen von mir – auch dann, wenn ihnen die Ansagen nicht passen sollten.
Womit ich dann gleich beim nächsten Thema wäre, das uns auf dem BibCamp beschäftigt hat, aber nicht zur Ehre einer Session gekommen ist: Das Scheitern. Ich bin zum Beispiel in Punkto Garderobenpflicht bei dem Versuch, das komplette Team überzeugen zu wollen und auf meine Seite zu bekommen, gescheitert. Ich gebe das hier jetzt auch deswegen zu, weil ich auf dem BibCamp mit anderen Führungserfahrenen gesprochen habe, die von ähnlichem Einknicken berichten. Gute Nachrichten also für euch junge Wilde da draußen: Ich bin ziemlich sicher, dass viele Chefinnen und Chefs in die eine oder andere Richtung lenkbar sind. Und auch gute Nachrichten für alle, die über Führungsaufgaben nachdenken und diese fürchten, weil man nicht weiß, wie man es richtig macht: Das Scheitern wird unweigerlich passieren. Aber ich denke, es ist nicht das Ende der Welt – ich würde bis dahin jedenfalls noch einen Ansatz ausprobieren wollen, bei dem ich den Bedenken und Bauchschmerzen Respekt zolle und gleichzeitig meine Position nutze, um klare Vorgaben für bestimmte Handlungsweisen oder Regelungen zu machen und diese auch umzusetzen. Es hat mir auch gutgetan, in der Session wieder an das Leitmotiv des „Ausprobierens“ erinnert zu werden: Ein Argument der Garderobenpflicht-Befürworter ist zum Beispiel, dass man einmal gewährte Freiheiten nicht wieder einschränken dürfe. Wenn man aber vorher definiert, woran ein Versuch als gescheitert zu erkennen ist und dieses auch kommuniziert, würde wahrscheinlich auch die Rücknahme der Aufhebung der Garderobenpflicht möglich sein!

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Garderobenpflicht: Haltung zeigen

Posted in Benutzung by Anne Christensen on 9. August 2011

Wie schon andernorts gesagt:  Das Thema Garderobenpflicht hat mich im Moment in seinem Bann. Ist doch langweilig? Weit gefehlt, es ist eine erstklassige Chance, seine bibliothekarische Haltung zu reflektieren und zu definieren. Los geht’s: (more…)