A growing organism

„…kommen mit einem viel kleineren Werkkanon aus“

Posted in Benutzung, Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 16. August 2013

Auf netbib wurde in dieser Woche auf einen Zeitungsartikel aufmerksam gemacht, der die Vorbereitungen der USB Köln auf das Wintersemester beschreibt. Mich hat folgendes Zitat beeindruckt:

Bibliotheksmitarbeiter stellten außerdem fest, dass mit den Bachelorstudiengängen eine geänderte Literaturnutzung einhergeht. Die Studis kommen mit einem viel kleineren Werkkanon aus.

Ich würde diese Feststellung gefühlt bestätigen – zumindest für die meisten Studienfächer. Aber die Frage, ob und wie die Neuordnung der Studiengänge den Literaturbedarf beeinflusst, ist wohl auch noch recht unbeforscht. Wenn man aber annimmt, dass die Kölner These stimmt: Was können wir in Bibliotheken tun, um darauf zu reagieren? Insbesondere wenn man auch noch Zeitknappheit unterstellt und der Ranganathan’schen These anhängt, dass es eine Aufgabe der Bibliothek ist, ihren Nutzerinnen und Nutzern Zeit zu sparen?

Aufstellung: Nahbereiche und Interessenskreise

Classics in Engineering

Bücherregal an der James B. Hunt Library der North Carolina State University

Das Prinzip der „dreigeteilten Bibliothek“ ist zwar für öffentliche Bibliotheken entwickelt worden, aber warum nicht mal die Anwendbarkeit auf Universitätsbibliotheken überprüfen? An der James B. Hunt Library der North Carolina State University sah ich Regale mit Literatur-Klassikern für alle angebotenen Studienfächer – für die man Platz hat, weil man große Teile des restlichen Bestandes in Magazine verbannt hatte (weitere Fotos von einem unglaublichen Bibliotheksbesuch hier). Solche Sonderaufstellungen jenseits der Systematik sind in wissenschaftlichen Bibliotheken zwar nicht sonderlich beliebt und es ist sicherlich eine Herausforderung, ein Klassikerregal gut zu platzieren und hübsch zu gestalten.  Auch die Erstellung eines solchen Werkkanons ist vermutlich schwierig – aber gleichzeitig eine nette Gelegenheit, mit den Lehrenden ins Gespräch zu kommen und die Aktualität des eigenen Bestandes zu überprüfen.

Suche: De-neutralisieren

Die Neutralität des klassischen Bibliothekskataloges ist ein Wert an sich, und nicht umsonst erzeugt deswegen die Relevanz-Sortierung von Discovery-Systemen immer wieder Widerspruch in Bibliothekskreisen.  Die berühmte normative Kraft des Faktischen zwingt uns aber, einem neuen Paradigma bei der Informationssuche Platz zu geben, nämlich dem ausdrücklichen Wunsch der Nutzerinnen und Nutzern, wichtige Titel weit vorne zu finden.

Ich halte es nach wie vor für eine der interessantesten Herausforderungen der nächsten 10 Jahre für unseren Berufsstand, diesem Wunsch besser zu entsprechen, also Beiträge dazu zu leisten, wie ein System wie Katalog oder Discovery-Layer signifikante und idealerweise kontextbezogene Empfehlungen für „wichtige“ Literatur geben kann. Google hat in dieser Woche vorgestellt, wie man dort gedenkt, das Problem zu lösen: Man möchte einen Empfehlungsdienst für so genannte  In-Depth-Articles aufbauen. Wie der funktioniert? Ausgesprochen bibliothekarisch: Strukturierte Metadaten, sorgfältige Auswahl von „guten“ Verlagen.

Informationskompetenz: Widerspruch erzeugen

Zum Ausgleich für die „Don’t make me think“-Mentalität, der die ersten beiden Vorschläge entstammen, müssen auch Wege gefunden werden, wie man von den Trampelpfaden der Werkekanons und Empfehlungsdienste abweichen kann und soll. Eine Bibliothek, die physisch wie virtuell einfach zu benutzen ist und auch die impliziten Fragen ihrer Benutzerinnen und Benutzer beantwortet, hat mehr Möglichkeiten, die verheißungsvollen Wege jenseits der Trampelfade aufzuzeigen – und im Idealfall auch Widerspruch gegen einen Kanon oder einen Empfehlungsdienst zu erzeugen.

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Mentale Modelle: Die Brücke zwischen Discovery Tools und Informationskompetenz?

Posted in Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 29. August 2012

Nächste Woche tagt die AG Informationskompetenz im GBV und wird sich damit beschäftigen, was die neuen Suchtools für die Vermittlung von Informationskompetenz bedeuten. Leider werde ich nicht dabei sein können: Ich bin dann schon auf dem Weg zum Infocamp nach Chur, wo das Thema aber auch schon auf der Liste der Wunsch-Sessions steht.

In Ermangelung eigener Erfahrungen bei der Einbeziehung von Discovery Tools in IK-Veranstaltungen habe ich aber ein bisschen Literaturstudium betrieben, zumal der Launch unserer Summon-Installation in LG kurz bevorsteht und wir uns auch mit der Frage beschäftigen müssen, welche Rolle das neue Instrument in IK-Veranstaltungen und Auskunftsdienst spielen wird. Vor drei Jahren hätte ich noch zurückgefragt: „Wie, welche Rolle? Die zentrale, natürlich!“. Damals habe ich noch an beluga gearbeitet, dem Discovery-Tool im Eigenbau, und in meiner Vorstellung war das fertige Produkt so gut, dass der herkömmliche Katalog nicht mehr benutzt werden braucht. Dass das schon allein deswegen unrealistisch ist, weil dem herkömmlichen Katalog offene Schnittstellen zu Konto-Funktionen fehlen und man allein schon des Vormerkens, Verlängerns und Magazin-Bestellens wegen aus dem Discovery-Tool in den Katalog zurück muss, gehört zu den schmerzvollen Erfahrungen von nunmehr über vier Jahren Entwicklungs- und Implementierungsarbeit mit ganz unterschiedlichen  Plattformen.

Noch mehr Schmerz als die Technik bereitet mir aber etwas, das ich schon lange zu benennen versuche und nun langsam in der Lage bin in Worte zu fassen: Ich bin der Überzeugung, dass die mentalen Modelle, die BibliothekarInnen und NutzerInnen von der Suche in Informationsmitteln haben, grundsätzlich absolut verschieden sind und das Unterrichten von Summon, Primo, vuFind und Co. nur dann möglich ist, wenn wir uns dieser Unterschiede bewusst sind und darauf angemessen reagieren. Diese unterschiedlichen Modelle sind meines Erachtens auch daran Schuld, dass sich die bibliothekarischen Herzens nur sehr schwer für die neuen Tools erwärmen können – Stichworte: Standardsortierung nach Relevanz und unvorhersehbare Ergebnismengen.

Aber der Reihe nach: Geburtshelfer für die Entwicklung dieser Thesen war ein Artikel von Lucy L. Holman mit dem Titel „Millennial Students‘ Mental Models of Search: Implications for Academic Librarians and Database Developers“, in dem aufgezeigt wird, dass sich nur die allerwenigsten Studierenden Gedanken über die Funktionsweise von Suchmaschinen machen, entsprechend unreflektiert damit arbeiten und deswegen umso stärker darauf verlassen, dass das System sie beispielsweise mit Rechtschreibprüfung, Relevanzsortierung und Vollständigkeit unterstützt. Wie anders dagegen doch unser bibliothekarischer Ansatz: Wir wissen, wir unsere und andere Metadaten entstehen und wo diese verzeichnet sind und modellieren unseren gesamten Suchprozess auf Grundlage dieses Wissens: Wir wählen bewusst aus, wo wir suchen. Wir  sind in der Lage, elaborierte Anfragen zu konstruieren. Und wir setzen uns sorgfältig mit den Werkzeugen auseinander, die uns die Suchmaschinen zur Eingrenzung und Präzisierung unserer Anfragen an die Hand geben. Unser mentales Modell von der Suche entstammt aus unserem Wissen über die Entstehung und Funktionsweise von Katalogen und Datenbanken. Das unserer NutzerInnen wird, das ist alles andere als neu, von Google geprägt: Es gibt den einen umfassenden Einstieg. Das System verzeiht meine Fehler. Es denkt für mich mit indem es mir populäre Ergebnisse gibt – schönes Zitat aus dem Holman-Aufsatz: „They seem to give an idea of what the public is generally looking for in that topic range“. Ich bekomme also schnell relevante Ergebnisse und habe diese innerhalb von Millisekunden im Volltext vorliegen.

Unsere Informationskompetenz-Veranstaltungen nehmen auf die mentalen Modelle der Studierenden keine Rücksicht. Wir unterrichten Sorgfalt bei der Auswahl, Benutzung Boole’scher Operatoren und Erweiterter Suchen, üben (berufsethisch bedingte?) Zurückhaltung bei der Bewertung der Ergebnisse aus und werden nicht müde dabei zu betonen, dass nicht nur das relevant ist, was per Mausklick auf den Schirm zu zaubern ist, sondern vielleicht nur langwierig über Fernleihe beschafft werden kann. Die Erfahrungsberichte von BibliothekarInnen über die Benutzung von Summon in IK-Veranstaltungen zeigen, dass uns die neuen Tools aber zum Umdenken zwingen. In dem Aufsatz von Stefanie S. Buck mit dem Titel „The Impact of Serial Solutions Summon on Information Literacy Instruction Librarian Perceptions“ kommen KollegInnen zu Wort, die festgestellt haben: Ich brauche beim Summon-Unterricht viel weniger Zeit für die Erklärung Boole’scher Operatoren und habe viel mehr Zeit dafür, mich mit der Analyse und Auswahl von Suchergebnissen zu beschäftigen – also das zu tun, mehr noch als die bloße Auswahl und Benutzung von Suchmaschinen den Kern der Informationskompetenz trifft. Und wenn Summon und Co. nicht reichen, zum Beispiel weil, wie in dem Artikel sehr stark bemängelt wird, die Eingrenzungsmöglichkeiten nicht ausreichen? Dann sind die Mängel des Tools eine hervorragende Gelegenheit, um Lust auf die anderen Werkzeuge zu machen – also die native MLA-Oberfläche zum Beispiel oder in Gottes Namen auch den herkömmlichen Katalog.

Und wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, können wir auch mit unseren bibliothekarischen Modellen von der Suche punkten. Wir müssen vorher aber zulassen, dass mit den Discovery-Tools zunächst ein Sucheinstieg gewählt wird, der die Komplexität der Suche dramatisch vereinfacht. In dem Aufsatz von Stefanie S. Buck kommt mehrfach das Wort „dumbing down“ vor, und wer sieht, was im Zuge eines Mappings mit Metadaten geschieht, der weiß, dass da tatsächlich wichtige Erschließungsmerkmale verloren gehen können. Aber ich denke, die Herausforderung liegt darin, mit den Discovery-Tools Lust auf die Suche wissenschaftlicher Literatur zu machen und in den IK-Veranstaltungen möglichst viele Gelegenheiten zu erzeugen, das oft nur sehr vage mentale Modell der Studierenden von der Suche mit unserem Wissen zu verfeinern und auch neugierig auf Alternativen zu machen. Das funktioniert aber nur dann, wenn wir diese vagen mentalen Modelle und den pragmatischen Ansatz, dem sie entspringen, aufrichtig respektieren und nicht in besser oder schlechter differenzieren. Und genauso wie die NutzerInnen sollten wir auch versuchen, unser eigenes, möglicherweise ganz persönliches mentales Modell von der Suche zu reflektieren und weiter zu entwickeln.

Ein Versuch über bibliothekarische Beratungsethik

Posted in Auskunft, Berufsbild, Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 6. August 2012

Die SUUB Bremen postete dieser Tage auf ihrer Facebook-Seite ein Zitat von Neil Gaiman: „Google can bring you back 100,000 answers, a librarian can bring you back the right one.” Zugegeben. Auch ich finde an solchen Sprüchen Erbauung, und auch andere Bibliothekarinnen-Seelen scheinen bisweilen vom Konkurrenzdruck gebeutelt zu sein, auf jeden Fall gingen  einschlägige Daumen hoch. Aber noch mehr beweist dieser Spruch: Eine hohe und konsistente Antwortqualität gehört zu den bibliothekarischen Leitbildern schlechthin.

Wie sieht es aber in Wirklichkeit aus? Helfen wir wirklich dabei, die Stecknadel im Heuhaufen, die richtige Antwort, zu finden? Wir bieten Discovery Systeme an, die Treffermengen in ähnlich schwindelerregenden Höhen produzieren wie Google. Lukas Koster hat Discovery Systeme in einem  – auch sonst sehr nachdenklich machenden – Vortrag kürzlich als „Rückzugsgefechte“ bezeichnet, mit denen Bibliotheken versuchen aufzuhalten, was aber ohnehin unaufhaltbar sei, nämlich die Nicht-Nutzung bibliothekarischer Systeme für thematische Suchen. (more…)

Bottom-Up-Strategien bei der Literaturrecherche

Posted in Informationskompetenz by Anne Christensen on 8. Mai 2012
Foto von Ajari

Foto von Ajari

Mit dem Gegensatzpaar „Top Down-Bottom up“ lassen sich bekanntlich die unterschiedlichsten Strategien zur Lebensführung und Arbeitsbewältigung charakterisieren. Inspiriert durch ein Gespräch mit einer Psychologie-Professorin, die universitäre Schreibwerkstätten betreut und es dabei mit disziplinierten Top-Down-AutorInnen und eher „reizgesteuert“ arbeitenden Bottom-Up-Texterinnen zu tun hat, habe ich mal überlegt, dieses Prinzip einmal auf den Prozess der Literaturrecherche zu übertragen. Sich systematisch durch lokale und überregionale Kataloge zu fräsen, eine oder mehrere bibliografische Datenbanken angepasst an die Fragestellung zu identifizieren und zu benutzen, Literatur per Fernleihe zu bestellen und die Beute dann mit einschlägigen Programmen zu verwalten: Das unterrichten wir in unseren Veranstaltungen. Wir vermitteln Wissen über bibliografische Werkzeuge und deren Benutzung und setzen darauf, dass die Studierenden mit diesem Wissen arbeiten können/wollen/sollen.

Das ist auch keineswegs falsch. Ich denke bloß, dass wir uns vielleicht klarer machen sollten, dass wir damit nur eine von zwei „Strategierichtungen“ bedienen (einzelne Strategien wird es wie Sand am Meer geben, daher die Zusammenfassung in Richtungen). Ethnografische Studien zum Informationsverhalten von Studieren belegen nicht erst seit gestern, dass sich „Bottom Up“-Strategien weitaus größerer Beliebtheit erfreuen: Literaturlisten von Lehrenden oder vorhandenen, als gut eingestuften Büchern auswerten, am Bücherregal entlanggehen oder einen Stapel Zeitschriften durchblättern, Artikel googlen statt per Fernleihe bestellen. In bibliothekarischen IK-Veranstaltungen wird darauf wenig eingegangen – die Latte hängt weitaus höher. Aus dem Umfeld dem Projekt „Ethnographic Research in Illinois Academic Libraries“ stammt folgender schöne Satz (zitiert nach einem Artikel aus Inside Higher Education):

Showing students the pool and then shoving them into the deep end is more likely to foster despair than self-reliance

Wie verschafft man den Studierenden also einen besseren Einstieg in den Swimmingpool? Zum einen wahrscheinlich damit, dass man die anderen Strategien  überhaupt als valide Strategien anerkennt, auch wenn die einem wie Babyschwimmen im klaren Flachwasser erscheinen mögen. Ich kann mich daran erinnern, mit einer Kollegin mal länger darüber diskutiert zu haben, ob man das „Am Regal entlanggehen“ tatsächlich empfehlen sollte: Es sei ja immer viel entliehen, E-Books würde man da auch nicht sehen und überhaupt könnte relevante Literatur ja auch noch an einem anderen Ort stehen. Das ist alles richtig, aber wie beliebt das „Shelf Browsing“ ist, nehme ich immer wieder dann mit Verwunderung zur Kenntnis, wenn ich Leute in Numerus-currens-Aufstellungen schmökern sehe.  Wie viel sinnlicher ist das als eine Datenbankrecherche?

Wir testen gerade ein Programm, dem wir den Arbeitstitel „Buch die Bibliothekarin“ gegeben haben und das ein wenig an die „Hausbesuche“ in Münster oder die „Stippvisiten“ in Hannover erinnert: Wir gehen in Veranstaltungen und zeigen dort passend zum Thema, wo und wie man recherchieren kann. Einer meiner ersten Besuche war in einem literaturwissenschaftlichen Seminar, in dem es um Romane im 20. Jahrhundert ging. Ich habe einen dicken Stapel Bücher mitgeschleppt: Eine älterer Jahrgang der „Bibliographie der Deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft“ (BDSL) , ein Stoffelexikon, ein paar Dissertationen über einschlägige Autoren, zwei Personenbibliographien, einen Zeitschriftenband. Mein ursprünglicher Plan war, dass sich die TeilnehmerInnen in kleinen Gruppen eines dieser Bücher vornehmen und auf Tauglichkeit für den Rechercheeinstieg nach einem jeweils passend fingierten Thema überprüfen. Dass es dazu nicht kam, lag daran, dass die Gruppe eigenartiger Weise schon so neugierig war auf „die Datenbanken“, dass wir dann damit angefangen haben. Aber  im Fortgang der Veranstaltung erwies es sich dennoch als hilfreich, die „Old School“-Print-Ausgabe der BDSL dabei zu haben, um den Unterschied zwischen bibliografischen Nachweis und Volltext sinnlich erlebbar zu machen. Das beste an dieser Schulung war aber eigentlich die anwesende Professorin, die Gelegenheit hatte, die Anforderungen an den Literaturgebrauch (Menge, Tiefe) für die zu schreibenden Arbeiten zu schärfen und Tipps für Relevanzbeurteilungen zu geben. Am Ende wurde ziemlich gut klar, dass es zwar mühselig ist, mit Datenbanken zu arbeiten – man muss den richtigen Suchbegriff finden, bei der Trefferliste die Spreu vom Weizen trennen und dann vermutlich auch noch ertragen ertragen, dass Text nicht nach Mausklick, sondern zweiwöchiger Wartezeit auf die Fernleihlieferung erscheint.  Aber gleichzeitig beginnt mit der Recherche auch schon ein Lernprozess, dessen Ergebnisse auch schon wertvolle Textzeilen für die Hausarbeit bilden: Wie intensiv wird eine bestimmte Autorin aktuell beforscht? Welche Rückschlüsse erlaubt das auf die Eignung des Themas für Seminar-  oder Abschlussarbeiten? Wer außer Kafka hat das Motiv des Labyrinths verwendet? Wenn nicht im 20. Jahrhundert, dann vielleicht davor? Wenn man es schafft, diese Fragen und Neugier auf die Antworten aufzubauen, dann entlässt man Schulungs-TeilnehmerInnen, denen es dann wirklich in den Fingern juckt – und die beim vermutlich unvermeidlichen Recherchefrust einen kühlen Kopf bewahren und nicht aufgeben.

Weitere Ideen, wie man Bottom-Up-Strategien in IK-Veranstaltungen berücksichtigen kann?

Von Hilfe zur Selbsthilfe zum „Mommy Model of Service“

Posted in Auskunft, Informationskompetenz by Anne Christensen on 6. Januar 2012

Dieser Dienst macht mich nachdenklich: Auf StartLiteratur kann man sich zum Preis von 0,99 Euro pro Zitat Literatur für Abschlussarbeiten recherchieren, für 6,99 wichtige ExpertInnen für das gewählte Thema ermitteln und für 9,99 Euro weitere „wichtige Tipps für die Forschungsarbeit“ erteilen lassen. Gestoßen bin ich auf das Angebot über die Facebook-Seite der Fachschaft Business, Economics und Management an der Leuphana Universität, auf deren Wall das Angebot als Werbung gepostet worden war. Eine namentliche Vorstellung von BetreiberInnen und/oder Team gibt es nicht, lediglich deren Expertise durch Erwerb von Abschlüssen an „renommierten europäischen Hochschulen“ wird beworben.

Natürlich würde mich interessieren, ob der Geschäftsgang bei StartLiteratur floriert – ob ich mal nachfragen sollte?  Dass es einen solchen Service überhaupt gibt, ist ein Beleg dafür, dass das Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten vielen Studierenden Kopfzerbrechen bereitet, und die Unterstützungsangebote von Universitäten entweder nicht ausreichen oder nicht genügend bekannt sind. Hey Leute, jede Bibliothekarin besorgt euch mindestens fünf relevante Literaturangaben pro Auskunftsgespräch für lau! Und wir haben genau dafür sogar studiert (immer wieder schön: das Video „Frag EconDesk“)!

Aber mit solchen Marketing-Aktionen ist wenig Staat zu machen, wie die allenthalben sinkenden Zahlen an Beratungsgesprächen an den Auskunftstheken belegen. Peer-to-Peer-Auskunft wie die von StartLiteratur, die mit dem Slogan „Von Studenten für Studenten“ wirbt, wirkt möglicherweise allein schon deshalb sympathisch auf die Zielgruppe, weil es erwiesenermaßen so was wie Bibliotheksangst gibt und Wegeführung in Bibliotheken nicht zwangsläufig an einer Infotheke vorbeiführt, wo auch nicht zwangsläufig jemand mit einem einladenden Lächeln sitzt.

Was widerfährt denen, die sich an die Theke trauen? Sie bekommen von uns in der Regeln nicht mehr als Hilfe zur Selbsthilfe. Es ist Teil des bibliothekarischen Ethos, dass man den NutzerInnen hilft, das Selbermachen zu lernen – und das keineswegs nur deswegen, weil Bibliotheken nicht genug Personal haben, um allen Studierenden eine Literaturliste zu erstellen. Der Grund liegt tiefer und ist vielleicht oft nur so halb-bewusst: Meiner Meinung nach ist es so etwas wie der (diplom?-) bibliothekarische Respekt oder gar die Ehrfurcht vor der wissenschaftlichen Fragestellung und die  Entscheidung dafür, stets Neutralität zu bewahren und somit gar nicht anders zu können als zu sagen: „Entschuldigung, aber beurteilen, welche Literatur Sie jetzt lesen sollten, kann und will ich nicht, ich kann Ihnen nur sagen, wie Sie Literatur recherchieren und bestellen“.

Diese Haltung ist sehr ehrenwert. Aber ich würde dennoch und gerade mit Blick auf Dienste wie StartLiteratur entgegenhalten, dass sie nicht mehr zeitgemäß ist. Letztes Jahr habe ich hier vorgeschlagen, dass wir Erstsemestern Gutscheine anbieten sollten für fünf professionell recherchierte Artikel im Wert von 100,- Euro. Das widerspricht jeglicher Selbsthilfe-Policy und Berufsethik, manche sagen sogar, das führt unsere Informationskompetenz-Aktivitäten ad absurdum. Ich finde die Idee nach wie vor nicht komplett abwegig, weil wir damit sowohl den Wert unserer Ressourcen als auch unseres Recherche-Wissens sichtbar machen. Und Neugier erzeugen – sowohl auf die wohl offensichtlich wertvollen Ressourcen als auch das möglicherweise nützliche Wissen, um selbst daran zu kommen. Oder um Widerspruch zu wecken: Wer nach Erhalt von solchen gelieferten Artikeln oder Referenzen dann ins Nachdenken kommt, ob das jetzt wirklich relevante Literatur ist oder ob es nicht noch mehr geben kann, hat die erste Stufe der immer wieder hochgehaltenen Informationskompetenz-Pyramide schon erklommen, weil Problembewusstsein erzeugt wurde. Aus dem selben Grund argumentiere ich übrigens für elaborierte Relevanz-Ranking-Algorithmen in Katalogen, aber das nur am Rande. Als wissenschaftliches Rahmenwerk für ein entsprechendes Umdenken empfehle ich das Kapitel „The Mommy Model of Service“ in „Studying Students. The Undergraduate Research Project at the University of Rochester“ von Nancy Fried Foster.

Wie auch immer, Kollege Lambert Heller hat recht: Wir müssen reden  – darüber, wie man wissenschaftliches Arbeiten lernt und welche Beratungs- und Unterstützungsangebote sinnvoll sind. Was ist an Peer-to-Peer-Angeboten wie StartLiteratur gut (Note to Self: Ist ein kommerzielles Angebot noch Peer-to-Peer?). Was können und sollen Schreibberatungen, Informationskompetenz-Veranstaltungen oder Lange Nächte der aufgeschobenen Hausarbeit leisten?

Und sollte man das mit dem Gutschein für Volltexte (oder zumindest Referenzen) nicht doch mal versuchen?

Immer da wo du bist bin ich nie: Erstis und Informationskompetenz

Posted in Informationskompetenz by Anne Christensen on 31. Oktober 2011

Drilldown in Business Source PremierWie so oft habe ich mich heute mal wieder von Meredith Farkas verstanden gefühlt, und zwar bei der Lektüre ihres Artikels „I need three peer reviewed articles“. Heute in der Info-Schicht war da auch wieder eine von den Erstsemestern, die „Artikel aus Fachzeitschriften, aber nicht The Economist“ für eine 4-6-seitige Hausarbeit über staatliche Maßnahmen in den USA zur Eindämmung der Finanzkrise suchte. Wir haben uns dann nett unterhalten – darüber, was wohl die Unterschiede sind zwischen einer Fachzeitschrift und „The Economist“, ob man jetzt besser die aktuellen Hefte unserer Wirtschafts-Zeitschriften durchblättert oder in Business Source Premier sucht und ob sich der Besuch der Schreibwerkstatt für sie lohnt, die wir in der Bibliothek für die Vorbereitung auf die erste Hausarbeit anbieten.

Es freut mich immer sehr, wenn ich Zeit für solche Beratungen habe – die bilden im Grunde nämlich das perfekte Drehbuch für die Erstsemester-Einführungen, die uns gerade auf Trab halten. Meine These dazu: Wir holen die Erstis in diesen Veranstaltungen nicht immer da ab, wo sie sind. Lebenspraktische Infos wie die zu Öffnungszeiten, Ausweis und Ausleihe sind unstrittig. Aber warum überhaupt Bibliothek? Was zeichnet die Ressourcen aus, die wir haben? Wie wird wissenschaftliche Literatur eigentlich publiziert? Wie kann ich beurteilen, ob etwas für eine Arbeit relevant ist? Wir experimentieren in diesem Semester zum Beispiel in unseren Erstsemester-Einführungen mit einer Folie, auf der wir einen Artikel aus dem „Spektrum der Wissenschaft“ und einen aus einem Peer-Reviewed Journal gegenüberstellen und erstmal ganz formale Unterschiede aufzeigen – Fußnoten, Unterschiede in der Gliederung, Angaben zur Authorität der VerfasserInnen etc. Das scheint ganz gut anzukommen, jedenfalls ist die Aufmerksamkeit meinem Eindruck nach bei diesem Teil der Veranstaltung weitaus größer als dann, wenn wir erklären, wie man sich vor einer Datenbank-Recherche ein Begriffsdiagramm anlegt oder Literaturangaben nach Citavi übernimmt. Auch das gemeinsame Nachdenken darüber, warum eine Treffermenge im Bibliothekskatalog eigentlich nach Aktualität geordnet ist und damit ganz anders als bei Google, funktioniert gut ( weitere Inspirationen für Google-Bibliothek-Vergleiche finden sich in Thomas Hapkes Vortrag „Die Nadel im Heuhaufen und die TU-Bibliothek“).

Einen Satz, den ich schon lange in Bibliotheksführungen sage, ist: „Bibliotheken sind nicht selbsterklärend – bitte fragen Sie, wenn Sie etwas nicht finden“. Ganz besonders bei Erstsemestern ist es wichtig, die vielen Dinge, die für uns sonnenklar sind, ganz deutlich zu machen – warum wir im Magazin nach Erwerbungsdatum und nicht nach Themen aufstellen oder dass man durch die erste Schranke gehen kann, ohne einen Alarm auszulösen, weil die Ausleihe erst dahinter kommt. Aber auch die Wissenschaft und das wissenschaftliche Arbeiten sind nicht selbsterklärend. Man kann nicht Zitate aus Fachzeitschriften fordern und nicht erläutern, was diese qualitativ auszeichnet. Zugegeben: Ich habe das auch nicht erklärt bekommen, aber ich habe auch studiert, als man absonderliche Fragestellungen noch nicht mit auf den ersten Blick zufriedenstellenden Ergebnissen in Browser-Suchschlitze eintippen konnte, sprich: als Bibliotheken noch das Monopol darauf hatten, wissenschaftliche Informationen zu speichern und nutzbar zu machen.

Und eben weil wir dieses Monopol nicht mehr haben und so vieles – scheinbar oder tatsächlich – Wertvolles sich einfach ergooglen statt mühsam bibliografieren und fernleihbestellen lässt, ist es so wichtig, das Wissen, was wir implizit in unseren Köpfen haben, explizit zu machen. Ich erinnere hier gerne an ein Beispiel-Katalogisat, das ich in beluga-Vorträgen gern verwendet habe, um zu verdeutlichen, wie vollkommen daneben unsere Titelaufnahmen sind: Diesen Titel wollte doch ernstlich jemand für ein Referat über Vulkanismus im 5.Semester bestellen. Die bloße Einblendung von Titelbildern hätte bei der Relevanzbeurteilung geholfen, aber es gibt doch noch so viel mehr Wissen in unseren Köpfen, das wir selbstverständlich nutzen, wenn wir jemandem beim Auffinden von potenziell geeignter Literatur finden: Wissen über Verlage, den Rückschluss, dass eine Zeitschrift so abseitig nicht sein kann, wenn sie von fast jeder WB in Deutschland gehalten wird und so weiter.  Ich glaube, dass Informationssuchende durchaus von unserer „Denke“ profitieren könnten – natürlich haben die Damen und Herren Lehrenden das letzte Wort dabei zu entscheiden, ob jemand jetzt in seiner Hausarbeit den Forschungsstand angemessen referiert hat – aber unsere bibliothekarischen Hausmittelchen bei der Relevanzbeurteilung sind sicherlich für viele Belange schon ganz brauchbar. Wir sollten bloß aufhören damit, Erstsemestern Oberflächen von irgendwelchen Katalogen und Datenbanken zu erklären, sondern gleich an Fragen wie „Was heißt eigentlich Peer Review?“ oder „Wie lese ich bibliografische Angaben und entscheide auf der Grundlage, ob das was für meine Hausarbeit ist“ heran.

Standortbestimmung: Mein Traum von Bibliothek

Posted in Auskunft, In eigener Sache, Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 4. Juli 2011

Neben den üblichen Gründen, die einen zum Halten von Vorträgen bewegen, bietet sich mit solchen Auftritten immer auch die Gelegenheit zu einer eigenen Standortbestimmung.  Als solche habe ich die Einladung in die Reihe  „Mein Traum von Bibliothek“ der UB Leipzig (lesenswerter Artikel dazu von Charlotte Bauer und Ulrich Johannes Schneider) begriffen, als sie vor einigen Monaten auf meinem Schreibtisch landete. Natürlich treiben einen auch zwiespältige Motive wie Sendungsbewusstsein und Reputationssteigerung zum Vortragen, aber bei dieser Einladung sprach ich zu mir: Na, mal sehen, was du dann so zu sagen hast nach den sechs Monaten im neuen Job.

Nun ist der Vortrag fertig, und was ich mir in meinen kühnen Phantasien vorgestellt habe wie eine Art neues Album nach gefühlten 100 Konzerten zum Thema Katalog 2.0 hört sich ein wenig an wie die alte Leier, um es mal in strenger Plattenkritiker-Manier zu sagen. Aber andererseits liegt mir das Thema „Discovery“ (oder Suchen und Finden, wie ich es lieber nenne) zu sehr am Herzen, um nicht doch noch mal ein paar Takte dazu zu sagen.

Aber – TouchPoint hin oder her – die neuen Kataloge sind nur noch eines von ganz vielen Themen auf meinem Schreibtisch und in meinem Kopf. Viele davon sind sehr basal: Über die Ausgabe von Notebook-Schlössern habe ich schon an anderer Stelle gesprochen – aber als Benutzungsleiterin bin ich darüber hinaus auch damit beschäftigt, mir eine Haltung zu Gnadengesuchen bei horrenden Mahngebühren zuzulegen oder pfiffige Lösungen zur Vermeidung von dauerbelegten Schließfächern zu finden. Viele von meinen Aufgaben haben damit zu tun, für die Einhaltung von Regeln zu sorgen. Wenn man dabei nicht engstirnig sein will, sondern darum bemüht, Besuch und Benutzung von Bibliotheken einfach und vielleicht sogar sympathisch zu machen, hat man viel zu Überlegen: Unterschiedliche Interessen wollen abgewogen sein und man kann auch schlecht die Entscheidung darüber, ob man ein Buch aus der Teilbibliothek am Sonnabend doch ausnahmsweise und entgegen der üblichen Verfahrensweise verlängert, zu einer persönlichen Ermessenssache der einzelnen Mitglieder des Ausleihteams erklären (die dann nämlich überlegen müssen: Haben sie Zeit für den Thekenwechsel im System? Fühlen sie sich sicher dabei, dass hinzukriegen? Und sind sie dann fair gegenüber den anderen im Team, die am nächsten Sonntag dann vielleicht vorgehalten bekommen, dass der andere Kollege das letztens aber gemacht hat).

Wie auch immer:  Neben der Regelüberwachung habe ich natürlich auch anderes zu tun, und viel davon hängt mit dem Thema Beratung zusammen – worunter ich jetzt Auskunft, Informationskompetenz-Vermittlung  auch ein bisschen die Katalogentwicklung zusammenfasse. Auf dem diesjährigen BibliothekarInnen-Tag hat Prof. Ingeborg Simon aus Stuttgart ein paar Zahlen präsentiert, die zeigen, dass man die Auskunftstheke entweder abbauen mit studentischen Hilfskräften besetzen oder aber vernünftig vermarkten sollte. Seither zähle ich mal wieder Zahl und Art der Auskunftsfragen, freue mich an der exzellenten Nutzung von Services wie Notebook-Schlössern und Gruppenarbeitsräumen und suche ansonsten emsig in jeder Interaktion den „Teachable Moment“, bei dem ich der geneigten Kundschaft vielleicht noch ein wenig Wissen über reflektierte Informationssuche mitgeben kann. Und ich merke, wie wichtig das Persönliche ist: Viele Studierende der Leuphana kenne ich schon, nicht immer namentlich, aber durch die Beratung in der Bibliothek – und ich merke, wie viel Potenzial darin liegt, eine Bindung aufzubauen.  Und das macht mich ein ums andere Mal wieder froh darüber, an einer überschaubaren Universität zu arbeiten, wo persönlicher und individueller Service machbar ist.

Und schließlich beschäftigen mich auch Fragen der Organisations- und Personalentwicklung: Welche Konsequenzen hat die Einführung von RFID oder die der Besetzung der Theke mit einem Wachdienst? Welches Forum gibt es für Ideen aus meinem Team zur Verbesserung von Service- und Arbeitsqualität? Wie können wir die Beratungsangebote von Rechenzentrum und Bibliothek mit einander vernetzen? Und vor allem: Wie balanciere ich mein Bedürfnis danach, Ideen und Pläne offen, früh und deswegen auch gerne mal unreif zu kommunzieren, und die Notwendigkeit, mich und die anderen Kollegen im Führungsteam damit nicht unter Druck zu setzen? Auf diesen Teil meines immer noch neuen Jobs habe ich mich am meisten gefreut, und in diesem Bereich lerne ich am meisten dazu.

Dazu gelernt habe ich auch bei der Vorbereitung der Präsentation für Leipzig. So lange schon wollte ich Prezi ausprobieren – langweilt euch nicht PowerPoint auch endlos? – und die vielen Zugfahrten haben mir endlich Gelegenheit dazu gegeben. Mein „Traum von Bibliothek“ manifestiert sich also in einer neuen (für mich) neuen Darreichungsform und kommt etwas seifenblasig daher- aber das ist vielleicht gar nicht unpassend. Außerdem hatte ich Spaß beim Basteln und habe wieder mal gemerkt, wie toll es ist, sich die Zeit und die Traute für was Neues zu nehmen.

Bessere Tools statt IK-Veranstaltungen?

Posted in Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 20. April 2011

Bei uns in Lüneburg gehört das Thema Katalog-Entwicklung in das Aufgabengebiet Informationskompetenz. Die Einrichtung unseres neuen KatalogPlus, der hiesigen TouchPoint-Installation, hat maßgeblich eine Kollegin betreut, die ansonsten auch die ganze Bandbreite unserer IK-Veranstaltungen von Erstsemester-Einführung bis Citavi-Workshop bespielt. Das ist gut so, denn wer die Punkte kennt, an denen BenutzerInnen bei der Arbeit mit unseren Tools scheitern, kann wertvolle Beiträge dazu leisten, eben jene Tools zu verbessern.

Beim weiteren Nachdenken über die neulich hier als ätzend bezeichneten Aspekte des Themas Informationskompetenz ist mir ein Artikel eingefallen, den ich vor gefühlten 100 13 Jahren in meiner Diplomarbeit zitiert habe:  Send For a Child of Four! or Creating the BI-Less Academic Library von Michael Gorman aus dem Jahr 1991.  Gorman stellt hier die These auf, dass man auf das gesamte Thema Informationskompetenz (damals „Bibliographic Instruction“, kurz BI) verzichten  und stattdessen alle Energie darein stecken sollte, Bibliotheken und ihre Informationsdienste stärker an den Bedürfnissen ihrer BenutzerInnen auszurichten. Konkret: Klarer strukturierte Bibliotheksräume schaffen, sinnvoll und verständlich beschildern, aber  vor allem ein einziges Recherchetool anbieten, mit dem man Bibliothekskatalog und andere relevante bibliografische und Volltextdatenbanken durchsuchen kann und mit dialogbasierten Hilfesystemen dabei unterstützt wird,  die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu finden. Gorman optimistisch zu der Machbarbeit solcher Tools:

There are strategic and financial difficulties to overcome, but it is entirely probable that integrated access to all of these (systems) will be widely available during the 1990s.

Hier irrte Gorman, würde ich sagen – gebe allerdings zu, dass ich mich in meiner Diplomarbeit 1998 durchaus von seinem Optimismus habe anstecken lassen. Damals hat man bei einem Recherchetool wie von Gorman skizziert sicher an eine Art förderierte Suche gedacht, bei der die Anfrage parallel an verschiedene Kataloge und Datenbanken geschickt wird und die Ergebnisse in aggregierter und dublettenbereinigter Form zurückkommen.  Ein solches Tool ist das bei uns eingesetzte TouchPoint, allerdings werden die Ergebnisse nicht aggregiert und dublettenbereinigt. Moderne Antworten sind die Discovery-Lösungen, bei denen Metadaten und Volltexte unterschiedlichster Herkunft auf ein einheitliches Format gebracht und in einem zentralen Index zusammengeführt und durchsuchbar gemacht werden. Der zentrale Index sowie die eingesetzte Suchmaschinentechnologie haben dabei den Vorteil, dass man verschiedene Möglichkeiten anbieten kann, die Treffermenge nachträglich nach unterschiedlichen Kriterien einzugrenzen oder auch differenzierte Methoden anwenden kann, die Treffermenge nach unterschiedlichen Relevanz-Kriterien zu durchsuchen.  Solche Lösungen kann man kaufen – zum Beispiel Primo, Summon oder EDS – oder selbst (weiter-) entwickeln, wie beispielsweise die Bremer E-LIB oder die Harburger vuFind-Installation beweisen.

Fakt ist aber: Wenn man eine Discovery-Lösung gut machen will, also an die lokalen Bedürfnisse anpassen, für eine nahtlose Verbindung zu den Verfügbarkeitsinformationen sorgen etc., dann ist das ein ganzer Haufen Arbeit. Für mich ist das Potenzial von solchen Lösungen aber unbestreitbar: Wir können unseren BenutzerInnen damit das Leben leichter machen, weil wir ihnen Zeit und komplexe kognitive Prozesse bei der Evaluierung von Literatur und der Ermittlung ihrer Verfügbarkeit ersparen. Wir können mit den Lösungen gezielt auf die Bedürfnisse unserer Kundschaft vor Ort eingehen, wie zum Beispiel das Project Leftie von Ken Varnum, das auf Basis von Summon in etwa Gormans Traum von 1991 erfüllen dürfte, u.a. weil damit Suchergebnisse an das Expertise-Level der Anfragenden angepasst werden.

Dass bessere Tools jedoch die alleinige Antwort auf die Informations-Inkompetenz dieser Zeit sind, glaube ich nicht wirklich.  Bekanntermaßen bin ich skeptisch, was gewisse Formate und Inhalte bibliothekarischer Informations-Kompetenz-Veranstaltungen angeht. Aber Gormans provokanter These, dass bessere Rechercheinstrumente die IK-Aktivitäten überflüssig machen, würde ich nicht mehr ohne weiteres zustimmen.

Interessant in diesem Zusammenhang: Gorman ist ein sehr umstrittener Bibliothekar, u.a. wegen seiner Thesen zur Sinnlosigkeit von Digitalisierung und bibliothekarischen Weblogs (siehe Wikipedia-Artikel zu seiner Person). Ein Kollege von ihm, Jeff Trzeciak,  wird derzeit in den US-amerikanischen Blogs mit einer ähnlichen Intensität angefeindet wie einst Gorman, und zwar weil Trzeciak die IK-Veranstaltungen zugunsten von E-Learning abgeschafft hat (ebenso wie übrigens die Auskunftstheken) und an Stelle von BibliothekarInnen in Zukunft Software-EntwicklerInnen und PostDocs als FachreferentInnen einstellen will. Klar: Viele Aufgaben bei der Evaluation von Discovery-Lösungen und deren Pflege und Implementierung sind sehr technisch und erfordern entsprechend vorgebildetes Personal. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass bessere Tools bibliothekarisches Wissen brauchen. Ein paar Beispiele für Fragen, die bei der Entwicklung und Implementierung von Discovery-Tools auftauchen und die in einem ersten Schritt von BibliothekarInnen beantwortet werden müssen, bevor es an die technische Umsetzung geht:

  • Auf Basis von welchen inhaltserschließenden Daten bildet man sinnvolle Facetten?
  • Welche Kriterien legen wir im Auskunftsdienst an,  um aus einer Treffermenge von 100o Titeln die von der Nutzerin gewünschte Einführung zu selektieren?
  • Wie könnte man die Suche nach Zeitschriftentiteln verbessern?
  • Welche besonderen Informationsbedürfnisse haben Musik-Studierende und wie könnte ein neuer Katalog ihnen bei der Suche nach den von ihnen gewünschten Materialien helfen?
  • Wie machen wir die Literaturlisten aus dem Seminarapparaten der letzten 10 Jahre zugänglich?

Natürlich brauchen immer mehr BibliothekarInnen immer mehr IT-bezogene Kompetenzen. Ob die Idee eines entsprechenden Zusatz-Zertifikates, die ich in dem Post zu den IT-bibliothekarischen Kernkompetenzen mal angedeutet habe,  wirklich umsetzbar ist, habe ich noch nicht weiter überlegt. Auf jeden Fall brauchen die Tools aber bibliothekarisches Wissen und bibliothekarische Erfahrung – und zwar unter anderem aus den Situationen, in denen man Erstsemestern, PromovendInnen oder neuen studentischen Hilfskräften erklärt hat, wie man Literatur findet, evaluiert, beschafft und publiziert.

Warum mich das Thema Info-Kompetenz neulich so angeätzt hat

Posted in Informationskompetenz by Anne Christensen on 11. April 2011
Dämliches Bullshit-Bingo-Gemälde

Sorry!

Eigentlich wollte ich dieser Tage einen 100-Tage-im-neuen-Job-Artikel verfassen. An seiner Stelle ein paar Auslassungen zum Thema Informationskompetenz – vor allem motiviert dadurch, dass ich mich ein wenig schäme: Saß ich doch am Freitag mit einem Haufen wunderbarer und kluger Kolleginnen und Kollegen aus meinem neuen Lieblings-Bundesland Niedersachsen zu selbigem Thema zusammen und war mir dennoch nicht zu blöd, meine frustigen Langeweile-Gemälde bei Facebook zu posten. Das hat dortselbst zwar für Amüsement gesorgt, ist aber nicht eigentlich lustig und schon gar nicht professionell.

Was war geschehen?

Das Thema Informationskompetenz wird in manchen Sitzungen – für meinen Geschmack zumindest – zu hoch aufgehängt. Landesweite Strategien, Standards, Führerscheine für Medien- und Informationsbenutzung von der Wiege bis zur Bahre… Ich bin dann immer ganz gelähmt von der Größe der Mission, der wir uns stellen wollen, und aus der Lähmung wird dann rasch Zynismus, siehe besagtes Bullshit-Bingo-Gemälde bei Facebook. In der Rolle des selbsternannten Advocatus diaboli habe ich mir dann eitlerweise gefallen, aber so ganz verlassen hat mich meine Skepsis nicht.

Ich habe 1998 meinen ersten bibliothekarischen Abschluss erlangt. Damals erlebte das Thema „Benutzerschulungen“ gerade wieder so eine Art zweiten Frühling, mit all den tollen neuen Online-Datenbanken, die der „Endbenutzer“ ohne Kenntnis von Abfragesprachen benutzen konnte. Dass die Vermittlung von Kenntnissen in der Recherche, Beurteilung, Beschaffung und Verwaltung von wissenschaftlichen Informationen mal eine zentrale Rolle im Berufsbild der Bibliothekarin spielen würden, war damals noch nicht wirklich abzusehen. Aber das Thema Informationskompetenz/Teaching Library hat gute und erstklassig engagierte FürsprecherInnen gehabt befindet sich jetzt in einem scheinbar immerwährenden Frühling.

Ich habe mit dem Thema IK mein erstes Geld verdient und bin ihm deswegen auf ewig verbunden. Nichtsdestotrotz habe ich so meine Zweifel, was das bibliothekarische Engagement in diesem Bereich angeht. Hier ein paar Thesen, die meine etwas ätzende Laune von Freitag (halbwegs) versachlichen:

  1. Die IK-Aktivitäten sind aber auch deswegen so sehr ins Zentrum gerückt, weil sie gut dafür taugen, eine Daseinsberechtigung von Bibliotheken bilden.
  2. Deswegen mögen DirektorInnen das Thema jetzt doch.
  3. Trotzdem gibt es zu wenig begeisterte und begeisternde Lehrende für IK, um den vollmundigen Positionspapieren (ein Beispiel: das der BID) gerecht werden zu können.
  4. Das wiederum ist ein Personal- und Organisationsentwicklungsproblem erster Güte.
  5. Klar: 2 Stunden „Sendezeit“ für bibliothekarische Themen im Rahmen einer Erstsemester-Einführung sind toll. Aber das ist Marketing, nicht Informationskompetenz-Vermittlung.
  6. Der Sendezeit-Gedanke steht einer gründlichen Auseinandersetzung mit Formen, Publikations- und Verzeichniswegen von wissenschaftlicher Literatur im Weg.
  7. Die Vernetzung von Bibliotheken und Lehrenden ist nicht eng genug, um authentisch für die Notwendigkeit der Kompetenzen zu werben und diese fach- und situationsbezogen zu vermitteln.
  8. Lehrende – besonders ProfessorInnen – sehen es nicht notwendigerweise gern, wenn wir ihren Studierenden erklären, was unserer Meinung nach relevante Literatur ist. Das Dilemma ist aber, dass sie keine Zeit haben, ihre Strategien für die Recherche und Evaluation wissenschaftlicher Information zu erklären.
  9. Studierende akzeptieren die Umständlichkeit der gängigen Informationsmittel nicht. Über SchülerInnen in wissenschaftlichen Bibliotheken möchte ich nicht sprechen.
  10. Wir müssen Discovery und Delivery dringend verbessern. Wie soll ich sonst erklären, was genau an den Ergebnissen der Suche in einer Fachdatenbank toller ist, aber warum die ungefähr 20-mal so lange dauert wie bei Google?

In frühlingshafter Milde ein paar (hoffentlich) konstruktive Vorschläge, wie man das große Wort Informationskompetenz sinnvoll füllen könnte. Als eine Art Abbitte für das Gemecker:

  1. IK im Kleinen leben:  In jedem Auskunftsgespräch den „Teachable Moment“ finden, also persönlich und leidenschaftlich sein!
  2. Auf Lehrende zugehen und ihnen Besuche in ihren Kursen anbieten.
  3. Es aber den Lehrenden überlassen, die Studierenden für die Suche nach den höher hängenden Früchte der Fachinformation zu motivieren.
  4. Noch mal genauer darüber nachdenken, was man mit der kostbaren Sendezeit bei den Erstsemestern anfängt. Vielleicht wirklich mit den Publikationsformen und -wegen der wissenschaftlichen Literatur anfangen.
  5. Den Erstsemestern Gutscheine anbieten für fünf professionell recherchierte Artikel im Wert von 100 Euro aus wissenschaftlichen Datenbanken. Just to feel the difference.
  6. Die KollegInnen, die wirklich gerne unterrichten, Angebote mit Credit Points übernehmen lassen oder auch sonst so richtig Gas geben lassen. Natürlich nur bei Präsenz-Veranstaltungen. Über E-Learning möchte ich nicht sprechen.
  7. Mehr Zeit in niedrigschwellige, individuelle Beratungsangebote investieren, zum Beispiel durch Beteiligung an Aktionen wie der „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeit“.
  8. Dabei und auch sonst die Vernetzung mit anderen Einrichtungen in der lokalen Hochschule  suchen, die neben uns auch noch Rettungsanker für verzweifelte Haus- und Abschlussarbeits-AutorInnen sind: Rechenzentren, Schreibberatungen, Career Center…
  9. Mehr Zeit, Geld und (bibliothekarisches!) Know-How darein investieren, gerade ungeübten NutzerInnen die Suche nach wissenschaftlich relevanter Literatur zu erleichtern (genau: ich meine ausgefeiltes Relevanz-Ranking oder solche Plattformen mit Lehrbüchern und anderen Einsteiger-Materialien wie den Wiener Van-Swieten-Katalog)
  10. Mehr Zeit darein investieren, gute Worte zu finden. Unter Informationskompetenz oder Teaching Library kann sich kein Mensch außer uns was vorstellen.

Effizienzsteigerung mit Bibliotheken

Posted in Informationskompetenz by Anne Christensen on 15. September 2010

Eigentlich bin ich ja schon zu alt, um Neon zu lesen (zumal man die grandiose Rubrik „Unnützes Wissen“ ja mittlerweile auch in anderen Darreichungsformen bekommt, zum Beispiel bei Facebook). Aber ich mache es doch immer wieder, und zwar mit Gewinn. Im aktuellen Heft wird Bibliotheken im Allgemeinen und der Konstanzer UB im Speziellen ein Loblied gesungen: Im Artikel „Schöner Studieren“ (s.u.) wird die dortige Bibliothek als eine von 10 Ideen zum Nachmachen vorgestellt, und zwar nicht nur wegen ihrer bekanntermaßen großzügigen Öffnungszeiten, sondern auch wegen Angebote, um effektiver recherchieren zu lernen und somit wertvolle Zeit zu sparen. Wow! Und auch die guten BIX-Werte sind in der Wahrnehmung der studentischen Zielgruppe angekommen – und/oder Frau Hätscher hat einen super Job dabei gemacht, die Neon-Autorin auf die gewünschte Schiene zu setzen.

Wie dem auch sei: Der Artikel zeigt jedenfalls deutlich, worauf bei der Vermarktung von Informationskompetenz-Angeboten an zu achten ist: Wer ordentlich recherchieren kann, spart Zeit – und damit das wohl wichtigste Gut im Leben von Bachelor-Studierenden.  Passt zu meiner Erfahrung, dass in den einschlägigen Einführungsangeboten für Erstsemester vor allem die Tutorinnen und Tutoren begeistert sind: „Hätte ich das alles mal vorher gewusst“, ist so eine typische Rückmeldung. Es fragt sich bloß, ob die standardmäßigen 90 Minuten Sendezeit in der Einführungswoche, die man als Bibliothek in der Regel für das Rüberbringen der Botschaft zur Verfügung hat, richtig platziert sind im „student life cycle“. Wie Lambert Heller letzte Woche richtig anmerkte, müssen wir vor allem dafür sorgen, dass die Studierenden „problem- und aufgabenbezogen“ von uns lernen können. Und das ist vielleicht einfach manchmal irgendwann während des 5-tägigen Durchlernens, von dem in dem Neon-Artikel die Rede ist:

Aus dem Artikel "Schöner Studieren", Neon, Oktober 2010