A growing organism

Warum BibliothekarInnen bei Discovery mitmischen sollten, trotz allem

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 20. April 2013

Meiner Freude darüber, dass die Diskussion um die Haltung von BibliothekarInnen zu Discovery-Systemen weitere Kreise zieht, habe ich schon in meinem letzten Post Ausdruck verliehen – das kann ich angesichts der interessanten Diskussionsbeiträge dazu nur wiederholen. Und eben weil die Diskussion so interessant ist, möchte ich auf diese Beiträge wiederum in einem separaten Post antworten. Vorab noch ein Hinweis: Das Thema wird auch anderswo diskutiert, eine US-amerikanische Kollegin berichtete gerade kürzlich über ihre Erfahrungen bei der Einführung eines Discovery-Systems unter dem Titel Overcoming Librarian Resistance to Adopting Discovery Tools.

Aber zur Sache, denn ich möchte erklären, warum ich meine, dass BibliothekarInnen gute Beiträge für die (Weiter-) Entwicklung von den jetzigen Discovery-Systemen leisten können und warum ich finde, dass es auch unverzichtbar ist, das zumindest zu versuchen. (more…)

Die Discovery-Beziehungskrise und was man gegen Erkenntnisprobleme tun könnte

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 15. April 2013

Ich betrachte die großen Probleme, die viele BibliotheksmitarbeiterInnen mit Discovery-Systemen haben, in gewisser Weise als ausgleichende Gerechtigkeit: Jahrelang wurden die BenutzerInnen dazu gezwungen, Recherchewerkzeuge zu verwenden, die nicht ihren Anforderungen entsprachen und gleichsam aus einer „fremden Welt“ stammten; nun hat sich die Situation umgekehrt.

Diese wunderbar zugespitzte Zitat stammt von dem Wiener Kollegen Horst Prillinger. Er hat seine These erstmals am vergangenen Wochenende auf dem BibCamp in Nürnberg vorgebracht und dann noch mal ausführlicher in seinem „Versuch über die Ursachen einer Beziehungskrise“ zwischen BibliothekarInnen und Discovery-Systemen dargelegt. Vielen Dank dafür und die „Beziehungskrise“ als Diagnose, Horst! Und danke auch an alle Teilnehmenden der BibCamp-Session zu Discovery-Systemen und BibliothekarInnen, die hier dokumentiert ist.

Darin wird mit dem Satz geendet, dass wir als BibliothekarInnen ein „Erkenntnisproblem“ haben. Haben wir das aber wirklich? Die einschlägigen Studien aus den letzten zehn Jahren zum Informationsverhalten von Studierenden werden allseits gerne zitiert, aber offenbar tun wir uns mit den Ergebnissen schwer. Wie übrigens auch schon eine Generation von BibliothekarInnen vor uns, denn dass der OPAC weder beliebt noch zielführend ist, haben schon die ersten Usability-Forschungen in den 1980er-Jahren ergeben. Und auch Ursula Schulz zog im März auf der Inetbib-Tagung kein gutes Fazit aus den Ergebnissen von „Zehn Jahren Usability-Evaluation virtueller Bibliotheken„.

Was meine eigene Sicht auf das Thema Discovery entscheidend geprägt hat, waren mehrere Stunden Filmmaterial, die Ursula Schulz, Jörg Schmitt, Marcel Stehle und Co.  im Rahmen von Tests mit einer frühen Fassung von beluga erzeugt haben. Allein schon die Kurzfassung (im beluga-Blog zu sehen) ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie sehr die BenutzerInnen mit unseren Tools fremdeln – sogar den schon „verbesserten Katalogen“  wie damals der Testversion von beluga. Die Filme haben meinen Blick geschärft: Sitze ich heute an der Auskunft, versuche ich so viel wie möglich darüber zu erfahren, was meinem jeweiligen Gegenüber mit dem Katalog oder dem Discovery-System Schwierigkeiten macht – im Grunde ist es doch die Hauptaufgabe an der Information, die gescheiterten Recherche-Selbstversuche unserer BenutzerInnen doch noch zu Erfolgserlebnissen zu machen. Wenn es die Gesprächssituation erlaubt, erkundige ich mich auch gern danach, was als besonders schwierig empfunden wurde und was helfen würde. Das endet übrigens oft darin, dass wir die Rollen tauschen: Vorher war mein Gegenüber frustriert über Katalog, nachher bin ich es – übrigens auch beim Discovery-System.

Aber ich glaube, dass die gängigen Discovery-Systeme generell als weniger „kaputt“ wahrgenommen werden, als es beim klassischen Katalog der Fall ist. Sie sind sicherlich noch weit von der Perfektion entfernt, die wir vom Katalog kennen –  aber genau das ist es möglicherweise auch, was uns die Beziehung schwierig macht, denn Perfektion und Genauigkeit sind zentrale Tugenden unseres Berufes. Deswegen denke ich aber auch, dass Schulungsveranstaltungen für das Bibliothekspersonal nicht der Haupt-Ansatz sein sollten, um die Beziehungskrise mit dem Discovery-System zu überwinden. Vielmehr brauchen wir eine breite und ernsthafte Auseinandersetzung mit zwei Dingen, nämlich sowohl den Methoden als auch den Ergebnissen von Forschungsarbeiten zur Nutzung von Katalogen, Discovery-Systemen und Co. Anders gesagt: Wir brauchen Schulungen, aber nicht in der Benutzung von Discovery-Systemen, sondern darin, das Informationsverhalten unserer BenutzerInnen zu beobachten, zu analysieren und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in Dienste umzuwandeln. Natürlich ist mir klar, dass sich nicht jede Bibliothek ihr eigenes Ethnografie-Projekt leisten kann. Aber jede Bibliothek sollte es sich leisten, jemanden für die Beschäftigung mit diesen Fragen und dem Transfer des entsprechenden Wissens in die Organisation zu benennen. Dafür wiederum braucht das Thema Platz in den bibliothekarischen Fortbildungskalendern, wo es bislang leider noch fehlt.

Werkstattbericht zu einem Artikel über Auskunftsdienste

Posted in Auskunft by Anne Christensen on 7. April 2013

Im Mai 2014, also ca. in einem Jahr, soll mit dem zweibändigen  „Praxishandbuch Bibliotheksmanagement“ ein neues bibliothekarisches Lehrbuch erschienen, für das ich einen Beitrag über Auskunftsdienste zugesagt habe. Meine Skepsis in Bezug auf die klassischen Print-Publikationswege ist zwar recht groß (und angesichts meiner letzten Erfahrungen sogar gestiegen),  aber ich hoffe dennoch, dass es sich bei dem Beitrag um gut investierte Zeit handeln wird. Warum? Weil ich bei den Recherchen zu dem Beitrag wieder einmal feststelle, dass wir alle viel zu wenig publizieren, und weil ich finde, dass wir alle da fleißiger werden sollten, zumal wenn wir planen, uns die Publikationsberatung als Dienstleistung auf die Fahnen zu schreiben.

Beim Thema Auskunftsdienste herrscht jedenfalls, wie bei vielen anderen Themen auch, ein Mangel an aktueller Fachliteratur. Da gab es zum Beispiel auf dem Bibliothekartag in Berlin 2011 durchaus interessante Vorträge. Aber an Fachartikeln dazu in einschlägigen deutschsprachigen Zeitschriften unseres Fachs mangelt es, obwohl das Thema sich beispielsweise bei Abschlussarbeiten einer gewissen Beliebtheit erfreut. Den armen KandidatInnen bleibt aber oft nichts anderes übrig, als Foliensätze zu zitieren – etwas, das Herr Hobohm neulich zwar in anderem, aber grundsätzlich übertragbaren Kontext angemeckert hat. Auch von daher drücke ich 027.7, der neuen Zeitschrift für Bibliothekskultur fest die Daumen für viele gute Beiträge. Gleichzeitig wünsche ich mir von Fachartikeln etwas, das ich bei den US-Artikeln, die ich gerade konsumiere, sehr zu schätzen weiß, nämlich dass es am Anfang eines Artikels einen „Literature Review“ gibt, der die wichtigsten bisherigen Forschungsergebnisse zusammenfasst. Ich glaube, dass man damit vor allem den studentischen LeserInnen eine ausgesprochen wertvolle Orientierungshilfe geben kann (zum Beispiel beim Journal of Academic Librarianship).

So, jetzt aber zur Sache, denn ich möchte mein Blog mal wieder als Schreibwerkstatt benutzen und laut denken schreiben. Die (US-amerikanische) Literatur und Vortragende in Deutschland (konkret u.a. Ingeborg Simon auf dem Bibliothekartag in Berlin 2011) sagen: Die Zahl der Auskunftsfragen sinkt, die Fragen die gestellt werden, können auch trainierte Laien beantworten, lasst uns überlegen, wie wir die Dienstleistung Auskunft besser an die Zielgruppen bringen können und: das ist dann gar keine Auskunft mehr, sondern Rechercheberatung oder Informationskompetenzvermittlung.

Sinkt die Anzahl an Auskunftsfragen wirklich? Ich habe mal ein Stündchen mit den DBS-Zahlen aus wissenschaftlichen Bibliotheken von 2007-2011 gespielt (hier meine „Forschungsdaten“). Demnach beträgt der Rückgang in diesen Jahren im Durchschnitt nur 0,03% und wäre damit quasi insignifikant. Aber vielleicht müsste man einen größeren Zeitraum nehmen, etwa 1990-2012. Und bei einem genaueren Blick auf die Daten kann man sich durchaus fragen: Was wurde da gezählt? Die Veränderungen über die fünf Jahre sind teilweise drastisch.

Und welche Fragen werden gestellt? In der Literatur tauchen immer wieder zwei unterschiedliche Ansätze zur Klassifizierung von Auskunftsfragen auf. Der kommt von Bill Katz aus dem Klassiker Introduction to Reference Work (erste Auflage von 1969) und orientiert sich daran, welche Instrumente man zur Beantwortung von Fragen braucht:  Nachschlagewerke für Faktenfragen (Schlagwort ready reference), Kataloge und Datenbanken für Literatursuchen und Ortskenntnis für die Fragen nach Toiletten, Kopierern etc. Die andere, neuere Herangehensweise hat Debra G. Warner 2001 in ihrem Aufsatz „A new classification for reference statistics“ beschrieben. Sie differenziert die Fragen danach, wie viel Expertise man für die Beantwortung braucht und kommt dabei auf vier Kategorien: non-resource based questions, skill-based questions, strategy-based questions und consultations. Fragen aus den ersten beiden Kategorien betreffen die Orientierung und die technischen Aspekte der Benutzung von Bibliotheksdienstleistungen. Fragen aus den beiden anderen Kategorien erfordern eine mehr oder weniger ausführliche Rechercheberatung und damit bibliothekarisches Know-How. Diese komplexen Fragen machen Warners Studien nach nur 20% des Frageaufkommens aus, 80% der Fragen sind den beiden erstgenannten Kategorien zuzuordnen.

Über die Ergebnisse meiner eigenen Erhebungen dazu, was an der Auskunftstheke passiert, habe ich hier bereits berichtet. Darüber hinausgehende Literatur- und Praxisstudien legen nahe, wie mit diesen Ergebnissen umzugehen ist, die in der Tat die klassische Theke und ihre Besetzung in Frage stellen: Da wäre zunächst die Neuausrichtung der Auskunftstheke, zum Beispiel durch Besetzung mit studentischen Hilfskräften und Zusammenlegung mit anderen Beratungsdienstleistern wie IT- oder E-Learning-Services. Auf diese Weise entlastetes bibliothekarisches Personal kann dann mehr BenutzerInnen durch individuelle Beratungsdienstleistungen erreichen und/oder Zeit in die Vermittlung von Informationskompetenz stecken. Dazu gibt es bereits interessante Erfahrungen von den Bibliotheken, die sich in die Information Commons oder anderweitig heraus as dem eigenen Haus trauen. Die Auskunft jenseits der Theke ist ein ganz klarer Trend der letzten 5-10 Jahre und wird hierzulande zum Beispiel in der Bibliothek der Hochschule Hannover in Form der „Roving Reference“ praktiziert.

Aber man kann natürlich auch darüber nachdenken, wie man den Service an den Theken besser bekannt machen und vor allem qualitativ verbessern kann. Eine Studie der FH Köln von 2011 belegt recht dramatische Mängel in der Auskunftsqualität – am deutlichsten bei der Chatauskunft, aber auch beim klassischen Face-to-Face-Interview. Einzelne wenige Bibliotheken in Deutschland haben sich dieser Idee verschrieben und setzen kollegiale Beratung (Stadtbibliothek München) oder selbst entwickelte Leitlinien (Stadtbibliothek Bremen, nicht veröffentlicht) ein. Jenseits dessen lohnt aber – wie eigentlich immer – auch ein Blick auf ethnografische Studien und deren Ergebnisse in Bezug auf bibliothekarische Auskunftsdienste.  Studying Students, die recht bekannte Studie aus Rochester beispielsweise propagiert die Verlagerung von Beratungsdiensten in die Abendstunden.

Grundsätzlich bedenkenswert ist auch, was die australische Kollegin Heather Carlile 2007 über die library anxiety und ihre Bedeutung für Auskunfsdienste schrieb. In „The implications of library anxiety for academic reference services: a review of the literature“ macht Carlile deutlich, dass die Furcht vor dem Bibliothekspersonal einer der wesentlichen Faktoren für das Phänomen der library anxiety ist, über das der Berufsstand zu wenig informiert sei. Dass es so etwas wie einen blinden Fleck in der Selbstwahrnehmung von BibliothekarInnen mit Blick auf den stets geäußerten Anspruch der „Nutzerfreundlichkeit“ gibt, habe ich bei meinem Vortrag „Und was erwarten wir von unseren NutzerInnen“ auf der InetBib-Tagung auch herauszuarbeiten. Ich denke zwar auch, dass wir an einer inhaltlichen Verbesserung unserer Auskunftsdienste nachdenken sollten – und das angesichts der oben zitierten Ergebnisse auch müssen. Damit das gelingt, sollten wir uns um mehr Einfühlung in unsere BenutzerInnen bemühen und ihre Bedürfnisse aufrichtig anerkennen. In einem der Artikel über Embedded Librarians, die ich gelesen habe, wurde befürchtet, zu viel spoon feeding, also ein zu entgegenkommender Service, wäre unangemessen für die Arbeit mit erwachsenen Studierenden. Wenn wir weiter daran festhalten, dass wir wissen, was gut für unsere BenutzerInnen ist, werden die ihre Bibliotheksangst vermutlich nicht los.

Vielleicht noch eine abschließende Bemerkung zu den Perspektiven für den bibliothekarischen Auskunftsdienst und das Berufsbild: Ich habe bisweilen den Eindruck, dass es so etwas wie eine Kompetenz-Schere gibt, die in Zukunft weiter und weiter auseinanderklaffen könnte. Wir werden relativ viel spoon feeding machen, also zum Beispiel Literatur an den Arbeitsplatz liefern, Scan-Services anbieten etc. Die Auskunftstheke wird nicht mehr notwendigerweise das alleinige Habitat von Diplom-BibliothekarInnen u.ä. sein, die dort anfallenden Fragen können mehrheitlich auch von FaMis und studentischen Hilfskräften beantwortet werden. Was muss man aber können, um das zu leisten, was darüber hinaus an Beratungsarbeit anfällt? Thomas Hapke hat in seinem Blog kürzlich auf einen Artikel zur Zukunft der Auskunftsdienste aufmerksam gemacht, der mich nachdenklich gemacht hat, denn die Auskunftsarbeit, die dort beschrieben wurde, erfordert durchaus Kenntnisse darin, was und wie in den einzelnen Fakultäten geforscht und gelehrt wird – also etwas, das hierzulande eher die FachreferentInnen haben. Auch mit Blick auf die geforderten Embedded bzw. Data Librarians bedeutet das, dass die bibliothekarische Ausbildung an den Fachhochschulen besser auf neue Formen der Forschungsnähe vorbereiten sollte.

8 hypotheses why librarians don’t like discovery

Posted in In English, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 4. Februar 2013

Discovery tools have been on the market for quite some time now. And while I would dare to say that users seem to at least like these tools better than the traditional catalogs, it seems that these tools go down much less well with librarians. It has been my personal experience in both working on a homegrown solution and in implementing a commercial product that librarians seem to have multiple reservations towards these tools. This is only mildly put, as I found when discussing my experience with discovery-people in Germany as well as internationally.

Being both a librarian and a discovery-enthusiast myself, this has me wondering. I do share many of the reservations that my colleagues have. Whatever we see out there is often far from perfect yet, for instance as far as the actual “discoverability” of large amounts of heterogeneous metadata or the level of integration of discovery systems with ILS, link resolvers and other products are concerned. But for the most part, I think that these are rather interesting challenges on our road to the future. Sure, there are really early adopters of discovery tools like the University Library of Utrecht who has decided to concentrate on delivery rather than discovery. I tend to think of this as an avant-garde decision which could not have been made without the experience of introducing a discovery system in the first place. Putting your own metadata, licensing and availability information in the context of a discovery system (i.e. outside the system this data was born into) and actually making it work there can be a painful experience, but a necessary learning process for all departments in the library.

Is that pain a convincing reason for librarians to dislike discovery tools? This is one of eight hypotheses I have come up with so far:

Librarians don’t like discovery tools because…

  1. They are too much extra work. As I said before, the level of integration with existing systems is not very good yet (especially when you live in Germany with a whole different landscape) and checking licensing information in the catalog, the EZB (German ERM for serials – sort of), the link resolver AND the discovery system is just too much.
  2. They weren’t our idea in the first place. Looking at the people who are usually the drivers of decision for a discovery tool and the implementation process, I rather see IT- and management folk than cataloging or reference librarians.
  3. Strange things happen to our metadata. Our metadata for instance is being mapped from a proprietary format to MARC21. Information does in fact get lost there. Work done by librarians that is already mostly invisible work gets even more invisible. The promise that discovery tools make better use of librarian-created metadata by allowing faceted browsing was not yet fulfilled.
  4. Talking about the strange things happening to the data is hard. The guys (yes, they are mainly guys) don’t speak PICA, MARC etc. But still they ooze what might be perceived as contempt for the way librarians have designed and are employing bibliographic data. For the record: I get the disgust for this kind of data, because I know where these guys are coming from and I do appreciate the perspective they have brought (and are bringing) into library land. But I am talking about librarians and their perceptions here!
  5. They mess with the concept of the catalog. A catalog used to be the inventory thing for one library – which makes the bridge between finding and getting items an easy one to cross. Being able to extend searches to other catalogs and bibliographic databases may be what users want, but it surely is a challenge for both discovery and delivery.
  6. They are hard to use in reference interviews. Librarians know the catalog inside out – small wonder, since it was them who built the catalog. Doing a search in the catalog means getting predictable results, whereas the search in a discovery tool is a whole different matter. Many librarians I have talked to think of relevancy ranking per default as dangerous or even unethical. Not knowing how exactly the ranking algorithm works makes matters even worse.
  7. They make users lazy and dumb. Sometime ago, I asked people about what they thought where the perceptions of librarians of their users. One answer I got: “they (librarians) think that users should eat their greens”. To put it less succinctly: Discovery causes the mental models that users and librarians have of search processes to clash.
  8. They cost us our jobs. While I have heard people stating the above-mentioned points in their speeches against discovery, I have never actually heard this particular argument. So this is probably the most far-fetched one: In fact, this thought occurred to me myself once and I am wondering if this resonates with anyone. Like I said, I think that discovery as we know it is far from perfect yet. But if it was? What about the reference desk and the classes we teach?

Neither do I know if these hypotheses are valid, nor how to best examine them further. I pitched the idea of doing that to some people in library school, but they don’t seem to bite yet. I am not very knowledgeable when it comes to research methods on perceptions. I would be also very concerned about any interview/questionnaire/whatever sounding in any way condescending. Because, as ever, I think that even with our weird and strangely-structured metadata, our profession and its virtues can make a real contribution to discovery (and delivery, come to think of it). But I am also under the impression that there is too much unspoken discovery-related agony out there for this to work out on a larger scale – which is why I would like to see this examined and brought to light. But maybe somebody knows of any research that has already been done on this?

P.S. (Feb 5): In the excitement about writing in English, I forgot to mention to colleagues who have given me inspiration for this article: I am grateful for discussions with Anja Knoll about how librarians perceive discovery tools, and for the introduction to the concept of invisible work (a German article mentions librarians specifically!) which I got talking to sociologist Carola Schirmer.

Lokale und Verbundkataloge unter dem Discovery-Dach

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 20. Dezember 2012

Lorcan Dempsey hat kürzlich bei Educause einen sehr empfehlenswerten Artikel zum Thema Discovery veröffentlicht, der so ziemlich alle aktuellen Fragen um die Zukunft des Kataloges adressiert: Thirteen Ways of Looking at Libraries, Discovery, and the Catalog: Scale, Workflow, Attention. Wer sich in den Weihnachtsferien weiterbilden will: unbedingt mitnehmen!

Erster Entwurf des Suchfilters für den Verbundkatalog

Erster Entwurf des Suchfilters für den Verbundkatalog

Mit dem, was Dempsey und restliche OCLC-Meute gern als Scale bezeichnen, schlage ich mich derzeit auch herum – und würde mich freuen, wenn mir jemand in den „Lokalkatalog im Verbundkatalog“-Dschungel folgt oder gar Ideen zum Entwirren der komplizierten Lage hat : In unserer Summon-Installation wollen wir unserem Publikum gern ermöglichen, zunächst die Welt der lokalen Print- und E-Bestände zu durchsuchen, um dann in einem zweiten Schritt auf den Verbundkatalog auszuweiten und dann möglicherweise auch noch auf den wissenschaftlichen Teil des Webs in größtmöglicher Vollständigkeit. Wir versuchen also, den vormals als lokales Bestandsverzeichnis gedachten lokalen Katalog mit dem Verbundkatalog zu verheiraten und dann noch einen Schritt darüber hinaus zu gehen. Dass das ein ehrgeiziges Ziel ist, habe ich gemerkt, als die erste Lösung zur Integration der Verbunddaten in unser Discovery-System noch ziemlich weit weg von dem gesetzten Ziel eingeschlagen ist:  Die Suche ging zunächst immer grundsätzlich über den Gesamtbestand im GBV, ein nachträgliches Filtern nach einzelnen Bibliotheken war möglich, aber auf den ersten Blick waren dabei dann jeweils die Bibliotheken mit dem meisten Bestand zu der jeweiligen Anfrage zu sehen – in denen das kleine Lüneburg natürlich in schöner Regelmäßigkeit unterging.

Suchfilter in der Summon-Installation der UB Lüneburg

Aktuelle Suchfilter in der Summon-Installation der UB Lüneburg

Seit Kurzem haben wir bessere Möglichkeiten, die Suchergebnisse auf lokale Bestände einzugrenzen-  Lüneburg steht jetzt in dem Filter über die Bibliotheken immer oben. Leider greift der Filter über die Bibliotheken aber nur auf diejenigen Daten zu, die über die Einspielung der Verbunddaten in den Summon-Index gelangt sind. Das sind aber vornehmlich unsere Printbestände – die elektronischen Medien zwar auch, aber eben nur auf Buch- oder Journalebene. Dabei besteht doch Mehrwert beim Ankauf von kommerziellen Indices genau darin, Metadaten auf Aufsatz- oder Kapitelebene zu bekommen. Das macht den Filter relativ uninteressant – und als Standardeinstellung gänzlich ungeeignet, denn wir sind ja eigentlich auf der Suche nach einer Lösung, die Suche initial auf unsere Print- und E-Bestände zu begrenzen und die GBV-Daten also erst in einem zweiten Schritt hinzuzunehmen. Das finde ich konzeptionell nach wie vor richtig, denn die Verbunddaten wecken Begehrlichkeiten, die jedoch letztendlich nur in Frust enden können – zu oft sind für das Publikum doch nur diejenigen Titel relevant, die sich per Mausklick oder maximal per Gang in die Bibliothek erreichen lassen, Bereitstellungsfristen für Magazin- oder Fernleihbestellungen lassen auch verheißungsvoll klingende Titel rasch zurück in die Bedeutungslosigkeit sinken. Genau deswegen geht es von der Summon-Suchbox auf der Bibliothekswebsite jetzt in eine Suche, bei der von vorneherin auf den Lüneburger Bestand eingegrenzt wird. Der entsprechende Filter heißt im Summon-Original „Items at my institution“ und wurde – wohl nicht ohne Grund- unübersetzt geliefert. Versuche der direkten Übersetzung („Medien in meiner Bibliothek“, „Print- und E-Ressourcen in LG“) haben wir rasch verworfen, nicht nur wegen fehlender Eleganz, sondern auch weil das Menü „Suche verfeinern“ ohnehin schon voller Begrifflichkeiten ist, die dem unbedarftem Publikum vermutlich Rauchwolken über die Köpfe zaubern.

Dann kam der Vorschlag, den Spieß umzudrehen und den Filter „GBV-Bibliotheken ausschließen“ zu nennen. Ja, ich weiß, vor der „GBV“-Abkürzung steht man auch wie ein Ochse vorm Berg. Aber wir haben an der Information, den Schulungen und zuletzt bei unserem kleinen Summon-Event im Hörsaalgang der Hochschule festgestellt: Ganz schön vielen ist zumindest vage klar, dass es eine Art übergreifenden Bibliothekskatalog gibt. Und wem es nicht klar ist, stolpert vielleicht über das gesetzte Häkchen, probiert es aus und erfährt dann über sich ausklappende neue Filter, dass man dann auch in der Region suchen kann. Nicht vollständig überzeugend – nicht zuletzt auch deswegen, weil wir damit einen weiteren Beitrag dazu leisten, unsere BenutzerInnen zu kleinen BibliothekarInnen zu erziehen, indem wir sie zwingen, etwas über die Verbundstruktur des deutschen Bibliothekswesens zu lernen.

Mir ist klar, dass der Anspruch der möglichst nahtlosen Integration von Lokal- und Verbundkatalogdaten einschließlich ihrer jeweiligen Delivery-Wege (Aus- und Fernleihe) ein hoher ist – das Datenmodell unseres Anbieters, dessen Vorgaben für die Oberflächengestaltung, die fehlenden Schnittstellen für Verfügbarkeitsinformationen auf Verbundebene und Kontofunktionen sind mehr oder weniger unverrückbare Wände, an denen man sich den Kopf einrennen kann. Lorcan Dempsey erwähnt darum nicht umsonst die „German Verbundkataloge“ besondere Herausforderung für Discovery-Systeme. Die Antwort auf die Frage, wie man Lokal- und Verbundkataloge wohl am besten unter dem Discovery-Dach vereint, könnte man möglicherweise gut darüber lösen lassen, dass eine Filterung auf verschiedene Arten der Verfügbarkeit (online, vor Ort, vor Ort mit Bereitstellungsfrist, Fernleihe mit unklarer Frist) ermöglicht. Das wiederum ist dann aber keine Discovery-Baustelle im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr eine der der Lokalsysteme, die solche Delivery-Informationen bereitstellen.

Wer bis hierher gelesen hat: Danke! Dass es sich lohnt, bei der Weiterentwicklung von Discovery-Systemen am Ball zu bleiben, zeigen übrigens unsere Nutzungszahlen. Eine systematische Auswertung habe ich noch nicht fertig, aber die Zugriffe auf das System selbst, vor allem aber dahinter liegende Dienste steigen ständig. Unser Link Resolver zählt doppelt so viele Anfragen wie vor der Discovery-Einführung und beweist damit schon mal, dass unsere lizensierten Inhalte besser aufgefunden werden.

To tab or not to tab: Eine Discovery-Gretchenfrage

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 4. Oktober 2012

Die Einführung eines Discovery-Tools stellt uns in Bibliotheken in der Regel vor die Frage, welche Daten wir eigentlich „entdecken“ lassen wollen. Da wird man sehr schnell sehr gierig: Alle abonnierten Print- und E-Zeitschriften auf Artikelebene, bitte, die E-Books mit Kapitel und dann auch noch alle bibliografischen Datenbanken, wenn es geht. Dass das nicht so gut klappt, wie wir uns das wünschen, ist oft weder unsere Schuld noch die des Discovery-System-Anbieters, sondern die der Content-Anbieter, die ihre Daten – aus einer breiten Palette aus Gründen zwischen Nicht-Wissen, Unverstand und bewusstem Aussperren einiger Aggregatoren – nicht oder nicht in der wünschenswerten Erschließungstiefe bereit stellen.

Unabhängig von diesem Frust, dem man sich als auf Vollständigkeit getrimmte Bibliothekarin abholen kann, stellt sich dann noch eine ganz andere Frage, nämlich die danach, ob man die Daten aus dem Anbieter-Index und die aus der eigenen Bibliothek gemeinsam oder getrennt recherchierbar machen sollte. Viele Bibliotheken entscheiden sich für etwas, das ich jetzt  mal „getabbte“ Lösung nenne: Ein Reiter mit den Lokaldaten, ein Reiter mit dem gekauften Index. Der KatalogPlus der UB Freiburg ist dafür ein Beispiel, hier wird nach „Büchern und mehr“ und „Artikeln und mehr“ unterschieden. Ich weiß von einigen Bibliotheken, in denen die Frage des Umgangs mit diesem Problem ausgesprochen kontrovers diskutiert wird- und in der Tat glaube ich, dass das so eine Art Gretchenfrage bei der Einführung von Discovery-Systemen ist.

Die Akzeptanz von Discovery-Systemen bei Bibliothekarinnen und Bibliothekarinnen wird unter anderem davon herausgefordert, dass die Trefferliste in Quantität und Qualität sehr viel unberechenbarer sind als beim herkömmlichen Katalog. Mit der getabbten Lösung holen wir uns etwas von der alten Welt zurück: Klassischer Katalog-Content und Zeitschriftenartikel sind für uns zwei grundverschiedene Paar Schuhe und  wurden klassischerweise über unterschiedliche Instrumente nachgewiesen. Die getabbte Lösung macht es uns einfach, unser Modell von der Suche auch auf Discovery-Systeme zu übertragen.

Bei allem Verständnis für das heimelige Wohlgefühl, das von getabbten Lösungen auszugehen scheint: Ich bin der Meinung, dass man mit getabbten Lösungen wieder in die Ära der Metasuche zurückfällt die Vorteile von Discovery-Systemen verspielt. Eine Idee von Discovery ist doch auch, dass die bibliothekarische Unterscheidung in selbständige und unselbständige Werke keine Rolle mehr spielen braucht – jedenfalls nicht am Anfang der Suche. Nachher, beim Verfeinern: Keine Frage. Aber gleich zu Beginn der Suche? Sollten wir nicht froh sein, dass wir uns den Sermon darüber, was man im Bibliothekskatalog findet und was nicht und das Zeitschriften etwas anderes sind als Zeitschriftenartikel, vielleicht künftig öfter mal einsparen können? Ist es nicht viel mehr Erleichterung als Bürde, die wir empfinnden sollten?

Discovery-Services sind Tools für NutzerInnen. Studien zu deren Informationsverhalten sowie Usability-Tests zeigen, dass NutzerInnen – vorsichtig formuliert – keine Lust haben, sich mit Publikationsformen auseinanderzusetzen. Sie wollen relevante Treffer vorn. Ob es eine Monographie, ein Buchkapitel oder ein Aufsatz ist, ist egal – entscheidend für die Auswahl ist in dem meisten Fällen ohnehin, wie bequem sich die Treffer auf dem Bildschirm anzeigen lassen. Wer versierter ist, nutzt Facetten oder muss auf den Trichter gebracht werden, dass es noch andere Tools als Discovery gibt mit oft besseren Suchmöglichkeiten.  Mein Traum von Discovery ist eigentlich, dass die Leute nach einiger zu mir kommen und sagen, dein Discovery-Dings ist ja schön und gut, aber für meine Suche nach Placebo-kontrollierten Studien über Kopfschmerztablettenkonsum bei 35-40-jährigen Frauen in republikanisch regierten US-Bundesstaaten komme ich hier nicht weiter. An der Stelle zücke ich dann diejenigen „schweren Waffen“, die wir dem Bibliothekspublikum sonst nur mühselig aufschwatzen können, also die ganzen guten und teuren bibliografischen Datenbanken, für deren Benutzung  wir mit unserem bibliothekarischen Spezialwissen („…und hier der pfiffige Thesaurus“) trumpfen können.

Fazit: Ich bin – leidenschaftlich – gegen getabbte Lösungen. Ich verstehe aber, warum sie uns (und wer weiß, vielleicht auch unseren NutzerInnen) sympathisch sind. Und es gibt auch gute Umsetzungen – die Brown University Library zum Beispiel hat in ihrer Discovery-Lösung einen Suchschlitz, bereitet die „Bücher und mehr“ und „Artikel und mehr“-Treffer aber in zwei nebeneinanderstehenen Listen ab. Es gibt sicher auch vernünftige Kompromisse. Und am Ende des Tages ist das Thema Discovery ja im Moment nichts anderes als ein Wimpernschlag in der Geschichte von Bibliothekskatalogen, und in ein paar Jahren vielleicht werden wir und unsere NutzerInnen mehr Erfahrungen damit gesammelt haben und dann schlauer sein als im Moment. Eine polemische Zusammenfassung sei aber noch gestattet:  Getabbte Lösungen sind eine Art  Methadon-Programm dafür, uns BibliothekarInnen beim Entzug vom klassischen Bibliothekskatalog zu helfen. Sie sind aber auch in hohem Maße dafür geeignet, NutzerInnen für die vielen anderen Instrumente der Recherche anzufixen.

Mentale Modelle: Die Brücke zwischen Discovery Tools und Informationskompetenz?

Posted in Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 29. August 2012

Nächste Woche tagt die AG Informationskompetenz im GBV und wird sich damit beschäftigen, was die neuen Suchtools für die Vermittlung von Informationskompetenz bedeuten. Leider werde ich nicht dabei sein können: Ich bin dann schon auf dem Weg zum Infocamp nach Chur, wo das Thema aber auch schon auf der Liste der Wunsch-Sessions steht.

In Ermangelung eigener Erfahrungen bei der Einbeziehung von Discovery Tools in IK-Veranstaltungen habe ich aber ein bisschen Literaturstudium betrieben, zumal der Launch unserer Summon-Installation in LG kurz bevorsteht und wir uns auch mit der Frage beschäftigen müssen, welche Rolle das neue Instrument in IK-Veranstaltungen und Auskunftsdienst spielen wird. Vor drei Jahren hätte ich noch zurückgefragt: „Wie, welche Rolle? Die zentrale, natürlich!“. Damals habe ich noch an beluga gearbeitet, dem Discovery-Tool im Eigenbau, und in meiner Vorstellung war das fertige Produkt so gut, dass der herkömmliche Katalog nicht mehr benutzt werden braucht. Dass das schon allein deswegen unrealistisch ist, weil dem herkömmlichen Katalog offene Schnittstellen zu Konto-Funktionen fehlen und man allein schon des Vormerkens, Verlängerns und Magazin-Bestellens wegen aus dem Discovery-Tool in den Katalog zurück muss, gehört zu den schmerzvollen Erfahrungen von nunmehr über vier Jahren Entwicklungs- und Implementierungsarbeit mit ganz unterschiedlichen  Plattformen.

Noch mehr Schmerz als die Technik bereitet mir aber etwas, das ich schon lange zu benennen versuche und nun langsam in der Lage bin in Worte zu fassen: Ich bin der Überzeugung, dass die mentalen Modelle, die BibliothekarInnen und NutzerInnen von der Suche in Informationsmitteln haben, grundsätzlich absolut verschieden sind und das Unterrichten von Summon, Primo, vuFind und Co. nur dann möglich ist, wenn wir uns dieser Unterschiede bewusst sind und darauf angemessen reagieren. Diese unterschiedlichen Modelle sind meines Erachtens auch daran Schuld, dass sich die bibliothekarischen Herzens nur sehr schwer für die neuen Tools erwärmen können – Stichworte: Standardsortierung nach Relevanz und unvorhersehbare Ergebnismengen.

Aber der Reihe nach: Geburtshelfer für die Entwicklung dieser Thesen war ein Artikel von Lucy L. Holman mit dem Titel „Millennial Students‘ Mental Models of Search: Implications for Academic Librarians and Database Developers“, in dem aufgezeigt wird, dass sich nur die allerwenigsten Studierenden Gedanken über die Funktionsweise von Suchmaschinen machen, entsprechend unreflektiert damit arbeiten und deswegen umso stärker darauf verlassen, dass das System sie beispielsweise mit Rechtschreibprüfung, Relevanzsortierung und Vollständigkeit unterstützt. Wie anders dagegen doch unser bibliothekarischer Ansatz: Wir wissen, wir unsere und andere Metadaten entstehen und wo diese verzeichnet sind und modellieren unseren gesamten Suchprozess auf Grundlage dieses Wissens: Wir wählen bewusst aus, wo wir suchen. Wir  sind in der Lage, elaborierte Anfragen zu konstruieren. Und wir setzen uns sorgfältig mit den Werkzeugen auseinander, die uns die Suchmaschinen zur Eingrenzung und Präzisierung unserer Anfragen an die Hand geben. Unser mentales Modell von der Suche entstammt aus unserem Wissen über die Entstehung und Funktionsweise von Katalogen und Datenbanken. Das unserer NutzerInnen wird, das ist alles andere als neu, von Google geprägt: Es gibt den einen umfassenden Einstieg. Das System verzeiht meine Fehler. Es denkt für mich mit indem es mir populäre Ergebnisse gibt – schönes Zitat aus dem Holman-Aufsatz: „They seem to give an idea of what the public is generally looking for in that topic range“. Ich bekomme also schnell relevante Ergebnisse und habe diese innerhalb von Millisekunden im Volltext vorliegen.

Unsere Informationskompetenz-Veranstaltungen nehmen auf die mentalen Modelle der Studierenden keine Rücksicht. Wir unterrichten Sorgfalt bei der Auswahl, Benutzung Boole’scher Operatoren und Erweiterter Suchen, üben (berufsethisch bedingte?) Zurückhaltung bei der Bewertung der Ergebnisse aus und werden nicht müde dabei zu betonen, dass nicht nur das relevant ist, was per Mausklick auf den Schirm zu zaubern ist, sondern vielleicht nur langwierig über Fernleihe beschafft werden kann. Die Erfahrungsberichte von BibliothekarInnen über die Benutzung von Summon in IK-Veranstaltungen zeigen, dass uns die neuen Tools aber zum Umdenken zwingen. In dem Aufsatz von Stefanie S. Buck mit dem Titel „The Impact of Serial Solutions Summon on Information Literacy Instruction Librarian Perceptions“ kommen KollegInnen zu Wort, die festgestellt haben: Ich brauche beim Summon-Unterricht viel weniger Zeit für die Erklärung Boole’scher Operatoren und habe viel mehr Zeit dafür, mich mit der Analyse und Auswahl von Suchergebnissen zu beschäftigen – also das zu tun, mehr noch als die bloße Auswahl und Benutzung von Suchmaschinen den Kern der Informationskompetenz trifft. Und wenn Summon und Co. nicht reichen, zum Beispiel weil, wie in dem Artikel sehr stark bemängelt wird, die Eingrenzungsmöglichkeiten nicht ausreichen? Dann sind die Mängel des Tools eine hervorragende Gelegenheit, um Lust auf die anderen Werkzeuge zu machen – also die native MLA-Oberfläche zum Beispiel oder in Gottes Namen auch den herkömmlichen Katalog.

Und wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, können wir auch mit unseren bibliothekarischen Modellen von der Suche punkten. Wir müssen vorher aber zulassen, dass mit den Discovery-Tools zunächst ein Sucheinstieg gewählt wird, der die Komplexität der Suche dramatisch vereinfacht. In dem Aufsatz von Stefanie S. Buck kommt mehrfach das Wort „dumbing down“ vor, und wer sieht, was im Zuge eines Mappings mit Metadaten geschieht, der weiß, dass da tatsächlich wichtige Erschließungsmerkmale verloren gehen können. Aber ich denke, die Herausforderung liegt darin, mit den Discovery-Tools Lust auf die Suche wissenschaftlicher Literatur zu machen und in den IK-Veranstaltungen möglichst viele Gelegenheiten zu erzeugen, das oft nur sehr vage mentale Modell der Studierenden von der Suche mit unserem Wissen zu verfeinern und auch neugierig auf Alternativen zu machen. Das funktioniert aber nur dann, wenn wir diese vagen mentalen Modelle und den pragmatischen Ansatz, dem sie entspringen, aufrichtig respektieren und nicht in besser oder schlechter differenzieren. Und genauso wie die NutzerInnen sollten wir auch versuchen, unser eigenes, möglicherweise ganz persönliches mentales Modell von der Suche zu reflektieren und weiter zu entwickeln.

Ein Versuch über bibliothekarische Beratungsethik

Posted in Auskunft, Berufsbild, Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 6. August 2012

Die SUUB Bremen postete dieser Tage auf ihrer Facebook-Seite ein Zitat von Neil Gaiman: „Google can bring you back 100,000 answers, a librarian can bring you back the right one.” Zugegeben. Auch ich finde an solchen Sprüchen Erbauung, und auch andere Bibliothekarinnen-Seelen scheinen bisweilen vom Konkurrenzdruck gebeutelt zu sein, auf jeden Fall gingen  einschlägige Daumen hoch. Aber noch mehr beweist dieser Spruch: Eine hohe und konsistente Antwortqualität gehört zu den bibliothekarischen Leitbildern schlechthin.

Wie sieht es aber in Wirklichkeit aus? Helfen wir wirklich dabei, die Stecknadel im Heuhaufen, die richtige Antwort, zu finden? Wir bieten Discovery Systeme an, die Treffermengen in ähnlich schwindelerregenden Höhen produzieren wie Google. Lukas Koster hat Discovery Systeme in einem  – auch sonst sehr nachdenklich machenden – Vortrag kürzlich als „Rückzugsgefechte“ bezeichnet, mit denen Bibliotheken versuchen aufzuhalten, was aber ohnehin unaufhaltbar sei, nämlich die Nicht-Nutzung bibliothekarischer Systeme für thematische Suchen. (more…)

Bottom-Up-Strategien bei der Literaturrecherche

Posted in Informationskompetenz by Anne Christensen on 8. Mai 2012
Foto von Ajari

Foto von Ajari

Mit dem Gegensatzpaar „Top Down-Bottom up“ lassen sich bekanntlich die unterschiedlichsten Strategien zur Lebensführung und Arbeitsbewältigung charakterisieren. Inspiriert durch ein Gespräch mit einer Psychologie-Professorin, die universitäre Schreibwerkstätten betreut und es dabei mit disziplinierten Top-Down-AutorInnen und eher „reizgesteuert“ arbeitenden Bottom-Up-Texterinnen zu tun hat, habe ich mal überlegt, dieses Prinzip einmal auf den Prozess der Literaturrecherche zu übertragen. Sich systematisch durch lokale und überregionale Kataloge zu fräsen, eine oder mehrere bibliografische Datenbanken angepasst an die Fragestellung zu identifizieren und zu benutzen, Literatur per Fernleihe zu bestellen und die Beute dann mit einschlägigen Programmen zu verwalten: Das unterrichten wir in unseren Veranstaltungen. Wir vermitteln Wissen über bibliografische Werkzeuge und deren Benutzung und setzen darauf, dass die Studierenden mit diesem Wissen arbeiten können/wollen/sollen.

Das ist auch keineswegs falsch. Ich denke bloß, dass wir uns vielleicht klarer machen sollten, dass wir damit nur eine von zwei „Strategierichtungen“ bedienen (einzelne Strategien wird es wie Sand am Meer geben, daher die Zusammenfassung in Richtungen). Ethnografische Studien zum Informationsverhalten von Studieren belegen nicht erst seit gestern, dass sich „Bottom Up“-Strategien weitaus größerer Beliebtheit erfreuen: Literaturlisten von Lehrenden oder vorhandenen, als gut eingestuften Büchern auswerten, am Bücherregal entlanggehen oder einen Stapel Zeitschriften durchblättern, Artikel googlen statt per Fernleihe bestellen. In bibliothekarischen IK-Veranstaltungen wird darauf wenig eingegangen – die Latte hängt weitaus höher. Aus dem Umfeld dem Projekt „Ethnographic Research in Illinois Academic Libraries“ stammt folgender schöne Satz (zitiert nach einem Artikel aus Inside Higher Education):

Showing students the pool and then shoving them into the deep end is more likely to foster despair than self-reliance

Wie verschafft man den Studierenden also einen besseren Einstieg in den Swimmingpool? Zum einen wahrscheinlich damit, dass man die anderen Strategien  überhaupt als valide Strategien anerkennt, auch wenn die einem wie Babyschwimmen im klaren Flachwasser erscheinen mögen. Ich kann mich daran erinnern, mit einer Kollegin mal länger darüber diskutiert zu haben, ob man das „Am Regal entlanggehen“ tatsächlich empfehlen sollte: Es sei ja immer viel entliehen, E-Books würde man da auch nicht sehen und überhaupt könnte relevante Literatur ja auch noch an einem anderen Ort stehen. Das ist alles richtig, aber wie beliebt das „Shelf Browsing“ ist, nehme ich immer wieder dann mit Verwunderung zur Kenntnis, wenn ich Leute in Numerus-currens-Aufstellungen schmökern sehe.  Wie viel sinnlicher ist das als eine Datenbankrecherche?

Wir testen gerade ein Programm, dem wir den Arbeitstitel „Buch die Bibliothekarin“ gegeben haben und das ein wenig an die „Hausbesuche“ in Münster oder die „Stippvisiten“ in Hannover erinnert: Wir gehen in Veranstaltungen und zeigen dort passend zum Thema, wo und wie man recherchieren kann. Einer meiner ersten Besuche war in einem literaturwissenschaftlichen Seminar, in dem es um Romane im 20. Jahrhundert ging. Ich habe einen dicken Stapel Bücher mitgeschleppt: Eine älterer Jahrgang der „Bibliographie der Deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft“ (BDSL) , ein Stoffelexikon, ein paar Dissertationen über einschlägige Autoren, zwei Personenbibliographien, einen Zeitschriftenband. Mein ursprünglicher Plan war, dass sich die TeilnehmerInnen in kleinen Gruppen eines dieser Bücher vornehmen und auf Tauglichkeit für den Rechercheeinstieg nach einem jeweils passend fingierten Thema überprüfen. Dass es dazu nicht kam, lag daran, dass die Gruppe eigenartiger Weise schon so neugierig war auf „die Datenbanken“, dass wir dann damit angefangen haben. Aber  im Fortgang der Veranstaltung erwies es sich dennoch als hilfreich, die „Old School“-Print-Ausgabe der BDSL dabei zu haben, um den Unterschied zwischen bibliografischen Nachweis und Volltext sinnlich erlebbar zu machen. Das beste an dieser Schulung war aber eigentlich die anwesende Professorin, die Gelegenheit hatte, die Anforderungen an den Literaturgebrauch (Menge, Tiefe) für die zu schreibenden Arbeiten zu schärfen und Tipps für Relevanzbeurteilungen zu geben. Am Ende wurde ziemlich gut klar, dass es zwar mühselig ist, mit Datenbanken zu arbeiten – man muss den richtigen Suchbegriff finden, bei der Trefferliste die Spreu vom Weizen trennen und dann vermutlich auch noch ertragen ertragen, dass Text nicht nach Mausklick, sondern zweiwöchiger Wartezeit auf die Fernleihlieferung erscheint.  Aber gleichzeitig beginnt mit der Recherche auch schon ein Lernprozess, dessen Ergebnisse auch schon wertvolle Textzeilen für die Hausarbeit bilden: Wie intensiv wird eine bestimmte Autorin aktuell beforscht? Welche Rückschlüsse erlaubt das auf die Eignung des Themas für Seminar-  oder Abschlussarbeiten? Wer außer Kafka hat das Motiv des Labyrinths verwendet? Wenn nicht im 20. Jahrhundert, dann vielleicht davor? Wenn man es schafft, diese Fragen und Neugier auf die Antworten aufzubauen, dann entlässt man Schulungs-TeilnehmerInnen, denen es dann wirklich in den Fingern juckt – und die beim vermutlich unvermeidlichen Recherchefrust einen kühlen Kopf bewahren und nicht aufgeben.

Weitere Ideen, wie man Bottom-Up-Strategien in IK-Veranstaltungen berücksichtigen kann?

#bkc12: Von Selbsthilfegruppen und vom Scheitern

Posted in Benutzung by Anne Christensen on 17. März 2012

Keine Frage: Das BibCamp hat sich im bibliothekarischen Veranstaltungszirkus etabliert. Für die meisten ist es unproblematisch, das anfangs als kritisch beäugte Format im Rahmen einer Dienstreise zu besuchen, die Fachpresse berichtet, sogar über nach dem Prinzip der Unkonferenz gestaltete Sessions des guten alten Bibliothekartages Bibliothekstages wird nachgedacht.
In Köln waren wieder viele Newbies dabei, die das erste Mal an einem BibCamp teilnahmen – #neugierig war einer der Top-Hashtages bei der anfänglichen Vorstellungsrunde, und genau deswegen war es auch nicht verwunderlich, dass es insbesondere am ersten Camping-Tag wieder mal zu zahlreichen Riesen-Sessions mit 50-60 Teilnehmenden kam, in man erst einmal zuguckt. Ich kann gut nachvollziehen, zunächst einmal in der Menge verschwinden und Tuchfühlung aufnehmen möchte, bevor man den passiven Status verlässt und mitdiskutiert oder gar eigene Sessions anbietet. Dennoch würde ich dem BibCamp wünschen, dass es rascher zu einer größeren Bandbreite an spezialisierten Sessions kommt und globale Fragestellungen wie „Bessere OPACs“ oder „Social Media in Bibliotheken“ auf kleinere Einzelthemen heruntergebrochen werden, die meinem Eindruck nach besser diskutierbar sind. Ich fand jedenfalls, dass wir bei den betreffenden Sessions am ersten Tag nicht über Allgemeinplätze und Erkenntnissen aus den letzten Jahren herausgekommen sind, aber vielleicht ist das auch mein Problem als BibCamp-Veteranin.
Bei der Sessionplanung des zweiten Tages wurden viele Themen mit dem Wort „Selbsthilfegruppe“ angekündigt – leicht abwertender Unterton inklusive. Genau das ist aber doch eine der Stärken des BibCamps: Hier kann man selbstorganisiert und mit anderen „Betroffenen“ Probleme lösen – oder wenigstens Problemlösungsstrategien entwickeln. Ich war dennoch diesmal eher zögerlich dabei, eines meiner aktuellen Probleme zur Diskussion zu bringen – zum einen, weil ich mir nicht wirklich neue Erkenntnisse erhofft habe (dass man bei der BibCamp-Community Applaus für die Abschaffung von Garderobenpflicht oder generell liberalen Umgang mit Regeln erntet, ist sowieso klar). Zum anderen aber auch, weil ich es weder leicht finde, meine Ratlosigkeit in Bezug auf die Frage „Wie überzeuge ich mein Team davon“ zuzugeben, noch bin ich sicher, dass es als angemessen angesehen wird, wenn ich solche internen Probleme in einer öffentlichen Form diskutiere. Aber da ich mich in einer anderen Session für eine bessere Streitkultur ausgesprochen habe, muss ich wohl in Kauf nehmen, wenn der offene Umgang mit solcherlei Führungsproblemen nicht goutiert wird.
Was hat es mir gebracht, mich öffentlich zu fragen, wie ich den Blick meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf das Bibliothekspublikum verändern und eine Kultur des „Ermöglichens“ an Stelle des in erster Linie regelorientierten Umgangs mit Benutzerinnen und Benutzern wachsen zu lassen? Es wurde bestätigt, dass das strikte Abarbeiten von Benutzungsfällen gemäß Benutzungsordnung oder das Beharren auf Beschilderungen wie „Anstreichungen in Büchern sind verboten“ dem Bedürfnis nach Sicherheit im Kontakt mit dem Publikum erfüllen. Dieses Sicherheitsbedürfnis verletze ich, indem ich auffordere, Handlungsspielräume zu nutzen – also zum Beispiel beim Fehlen eines Personalausweises auch mal einen befristeten Ausweis auszustellen anstatt die Erteilung eines Ausweises ohne diese wichtige Voraussetzung pauschal zu verweigern. Da kann ich Rückendeckung versichern, so viel ich will – es gibt Menschen, denen macht so eine Vorgehensweise Bauchschmerzen, genauso wie auch das Ansinnen, die Garderobenpflicht abzuschaffen, enorme Bedenken hervorruft. Ich bin hergegangen und habe versucht, diese Bauchschmerzen zu lindern und die Bedenken zu zerstreuen. Nach der Session heute denke ich: Netter Versuch, aber mehr als solcherlei Händchenhalten brauchen meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermutlich klare Ansagen von mir – auch dann, wenn ihnen die Ansagen nicht passen sollten.
Womit ich dann gleich beim nächsten Thema wäre, das uns auf dem BibCamp beschäftigt hat, aber nicht zur Ehre einer Session gekommen ist: Das Scheitern. Ich bin zum Beispiel in Punkto Garderobenpflicht bei dem Versuch, das komplette Team überzeugen zu wollen und auf meine Seite zu bekommen, gescheitert. Ich gebe das hier jetzt auch deswegen zu, weil ich auf dem BibCamp mit anderen Führungserfahrenen gesprochen habe, die von ähnlichem Einknicken berichten. Gute Nachrichten also für euch junge Wilde da draußen: Ich bin ziemlich sicher, dass viele Chefinnen und Chefs in die eine oder andere Richtung lenkbar sind. Und auch gute Nachrichten für alle, die über Führungsaufgaben nachdenken und diese fürchten, weil man nicht weiß, wie man es richtig macht: Das Scheitern wird unweigerlich passieren. Aber ich denke, es ist nicht das Ende der Welt – ich würde bis dahin jedenfalls noch einen Ansatz ausprobieren wollen, bei dem ich den Bedenken und Bauchschmerzen Respekt zolle und gleichzeitig meine Position nutze, um klare Vorgaben für bestimmte Handlungsweisen oder Regelungen zu machen und diese auch umzusetzen. Es hat mir auch gutgetan, in der Session wieder an das Leitmotiv des „Ausprobierens“ erinnert zu werden: Ein Argument der Garderobenpflicht-Befürworter ist zum Beispiel, dass man einmal gewährte Freiheiten nicht wieder einschränken dürfe. Wenn man aber vorher definiert, woran ein Versuch als gescheitert zu erkennen ist und dieses auch kommuniziert, würde wahrscheinlich auch die Rücknahme der Aufhebung der Garderobenpflicht möglich sein!

Tagged with: ,