A growing organism

#bkc12: Von Selbsthilfegruppen und vom Scheitern

Posted in Benutzung by Anne Christensen on 17. März 2012

Keine Frage: Das BibCamp hat sich im bibliothekarischen Veranstaltungszirkus etabliert. Für die meisten ist es unproblematisch, das anfangs als kritisch beäugte Format im Rahmen einer Dienstreise zu besuchen, die Fachpresse berichtet, sogar über nach dem Prinzip der Unkonferenz gestaltete Sessions des guten alten Bibliothekartages Bibliothekstages wird nachgedacht.
In Köln waren wieder viele Newbies dabei, die das erste Mal an einem BibCamp teilnahmen – #neugierig war einer der Top-Hashtages bei der anfänglichen Vorstellungsrunde, und genau deswegen war es auch nicht verwunderlich, dass es insbesondere am ersten Camping-Tag wieder mal zu zahlreichen Riesen-Sessions mit 50-60 Teilnehmenden kam, in man erst einmal zuguckt. Ich kann gut nachvollziehen, zunächst einmal in der Menge verschwinden und Tuchfühlung aufnehmen möchte, bevor man den passiven Status verlässt und mitdiskutiert oder gar eigene Sessions anbietet. Dennoch würde ich dem BibCamp wünschen, dass es rascher zu einer größeren Bandbreite an spezialisierten Sessions kommt und globale Fragestellungen wie „Bessere OPACs“ oder „Social Media in Bibliotheken“ auf kleinere Einzelthemen heruntergebrochen werden, die meinem Eindruck nach besser diskutierbar sind. Ich fand jedenfalls, dass wir bei den betreffenden Sessions am ersten Tag nicht über Allgemeinplätze und Erkenntnissen aus den letzten Jahren herausgekommen sind, aber vielleicht ist das auch mein Problem als BibCamp-Veteranin.
Bei der Sessionplanung des zweiten Tages wurden viele Themen mit dem Wort „Selbsthilfegruppe“ angekündigt – leicht abwertender Unterton inklusive. Genau das ist aber doch eine der Stärken des BibCamps: Hier kann man selbstorganisiert und mit anderen „Betroffenen“ Probleme lösen – oder wenigstens Problemlösungsstrategien entwickeln. Ich war dennoch diesmal eher zögerlich dabei, eines meiner aktuellen Probleme zur Diskussion zu bringen – zum einen, weil ich mir nicht wirklich neue Erkenntnisse erhofft habe (dass man bei der BibCamp-Community Applaus für die Abschaffung von Garderobenpflicht oder generell liberalen Umgang mit Regeln erntet, ist sowieso klar). Zum anderen aber auch, weil ich es weder leicht finde, meine Ratlosigkeit in Bezug auf die Frage „Wie überzeuge ich mein Team davon“ zuzugeben, noch bin ich sicher, dass es als angemessen angesehen wird, wenn ich solche internen Probleme in einer öffentlichen Form diskutiere. Aber da ich mich in einer anderen Session für eine bessere Streitkultur ausgesprochen habe, muss ich wohl in Kauf nehmen, wenn der offene Umgang mit solcherlei Führungsproblemen nicht goutiert wird.
Was hat es mir gebracht, mich öffentlich zu fragen, wie ich den Blick meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf das Bibliothekspublikum verändern und eine Kultur des „Ermöglichens“ an Stelle des in erster Linie regelorientierten Umgangs mit Benutzerinnen und Benutzern wachsen zu lassen? Es wurde bestätigt, dass das strikte Abarbeiten von Benutzungsfällen gemäß Benutzungsordnung oder das Beharren auf Beschilderungen wie „Anstreichungen in Büchern sind verboten“ dem Bedürfnis nach Sicherheit im Kontakt mit dem Publikum erfüllen. Dieses Sicherheitsbedürfnis verletze ich, indem ich auffordere, Handlungsspielräume zu nutzen – also zum Beispiel beim Fehlen eines Personalausweises auch mal einen befristeten Ausweis auszustellen anstatt die Erteilung eines Ausweises ohne diese wichtige Voraussetzung pauschal zu verweigern. Da kann ich Rückendeckung versichern, so viel ich will – es gibt Menschen, denen macht so eine Vorgehensweise Bauchschmerzen, genauso wie auch das Ansinnen, die Garderobenpflicht abzuschaffen, enorme Bedenken hervorruft. Ich bin hergegangen und habe versucht, diese Bauchschmerzen zu lindern und die Bedenken zu zerstreuen. Nach der Session heute denke ich: Netter Versuch, aber mehr als solcherlei Händchenhalten brauchen meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermutlich klare Ansagen von mir – auch dann, wenn ihnen die Ansagen nicht passen sollten.
Womit ich dann gleich beim nächsten Thema wäre, das uns auf dem BibCamp beschäftigt hat, aber nicht zur Ehre einer Session gekommen ist: Das Scheitern. Ich bin zum Beispiel in Punkto Garderobenpflicht bei dem Versuch, das komplette Team überzeugen zu wollen und auf meine Seite zu bekommen, gescheitert. Ich gebe das hier jetzt auch deswegen zu, weil ich auf dem BibCamp mit anderen Führungserfahrenen gesprochen habe, die von ähnlichem Einknicken berichten. Gute Nachrichten also für euch junge Wilde da draußen: Ich bin ziemlich sicher, dass viele Chefinnen und Chefs in die eine oder andere Richtung lenkbar sind. Und auch gute Nachrichten für alle, die über Führungsaufgaben nachdenken und diese fürchten, weil man nicht weiß, wie man es richtig macht: Das Scheitern wird unweigerlich passieren. Aber ich denke, es ist nicht das Ende der Welt – ich würde bis dahin jedenfalls noch einen Ansatz ausprobieren wollen, bei dem ich den Bedenken und Bauchschmerzen Respekt zolle und gleichzeitig meine Position nutze, um klare Vorgaben für bestimmte Handlungsweisen oder Regelungen zu machen und diese auch umzusetzen. Es hat mir auch gutgetan, in der Session wieder an das Leitmotiv des „Ausprobierens“ erinnert zu werden: Ein Argument der Garderobenpflicht-Befürworter ist zum Beispiel, dass man einmal gewährte Freiheiten nicht wieder einschränken dürfe. Wenn man aber vorher definiert, woran ein Versuch als gescheitert zu erkennen ist und dieses auch kommuniziert, würde wahrscheinlich auch die Rücknahme der Aufhebung der Garderobenpflicht möglich sein!

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Next Generation Benutzerforschung

Posted in User Experience by Anne Christensen on 7. Februar 2012

Die neue Generation von Bibliotheksdiensten – seien es Räume, Beratungsangebote oder Kataloge – sollten sich dadurch auszeichnen, dass man den Bedarf danach möglichst genau kennt und sie nach den Anforderungen der NutzerInnen zuschneidet.  Ich nehme an, dass dieser Anspruch nicht wirklich neu ist – das Fach „Benutzerforschung“ gibt es an bibliothekarischen Ausbildungsstätten schon länger. Neu sind aber einige Methoden und Werkzeuge, die hierfür zur Verfügung stehen – und genau damit haben sich die Studierenden an der HAW Hamburg im Projekt Perle2012 beschäftigt: Sie haben zum Beispiel eine Black Box im Foyer der HAW aufgestellt, um Anforderungen an den dort geplanten Bibliotheksneubau besser kennenzulernen – wie es geht, beschreiben sie in einem sechsminütigen Video:

Bei mir wurden beim Anschauen Erinnerungen an die Fokusgruppen-Interviews bei beluga wach, bei denen wir ebenfalls eine Black Box eingesetzt haben, um herauszufinden, was Studierende sich schon immer bei der Benutzung von Katalogen gefragt haben („Wie erhalte ich Informationen über die Qualität und die Verwendbarkeit von Literatur?„).

Aber auch die anderen Filme sind sehenswert – die Studierenden haben sich nicht nur mit neuen Methoden umgesetzt, sondern auch noch ausgesprochen sympathische Lehrvideos gedreht! Also insgesamt ein sehr beachtliches Ergebnis des Projektes unter der Leitung von Uschi Schulz und mit Beteiligung von Kerstin Schoof, die Methoden wie Fototagebücher auch schon für ihre Masterarbeit über die Gestaltung von Lernräumen an der UB Oldenburg eingesetzt hat.

Von Hilfe zur Selbsthilfe zum „Mommy Model of Service“

Posted in Auskunft, Informationskompetenz by Anne Christensen on 6. Januar 2012

Dieser Dienst macht mich nachdenklich: Auf StartLiteratur kann man sich zum Preis von 0,99 Euro pro Zitat Literatur für Abschlussarbeiten recherchieren, für 6,99 wichtige ExpertInnen für das gewählte Thema ermitteln und für 9,99 Euro weitere „wichtige Tipps für die Forschungsarbeit“ erteilen lassen. Gestoßen bin ich auf das Angebot über die Facebook-Seite der Fachschaft Business, Economics und Management an der Leuphana Universität, auf deren Wall das Angebot als Werbung gepostet worden war. Eine namentliche Vorstellung von BetreiberInnen und/oder Team gibt es nicht, lediglich deren Expertise durch Erwerb von Abschlüssen an „renommierten europäischen Hochschulen“ wird beworben.

Natürlich würde mich interessieren, ob der Geschäftsgang bei StartLiteratur floriert – ob ich mal nachfragen sollte?  Dass es einen solchen Service überhaupt gibt, ist ein Beleg dafür, dass das Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten vielen Studierenden Kopfzerbrechen bereitet, und die Unterstützungsangebote von Universitäten entweder nicht ausreichen oder nicht genügend bekannt sind. Hey Leute, jede Bibliothekarin besorgt euch mindestens fünf relevante Literaturangaben pro Auskunftsgespräch für lau! Und wir haben genau dafür sogar studiert (immer wieder schön: das Video „Frag EconDesk“)!

Aber mit solchen Marketing-Aktionen ist wenig Staat zu machen, wie die allenthalben sinkenden Zahlen an Beratungsgesprächen an den Auskunftstheken belegen. Peer-to-Peer-Auskunft wie die von StartLiteratur, die mit dem Slogan „Von Studenten für Studenten“ wirbt, wirkt möglicherweise allein schon deshalb sympathisch auf die Zielgruppe, weil es erwiesenermaßen so was wie Bibliotheksangst gibt und Wegeführung in Bibliotheken nicht zwangsläufig an einer Infotheke vorbeiführt, wo auch nicht zwangsläufig jemand mit einem einladenden Lächeln sitzt.

Was widerfährt denen, die sich an die Theke trauen? Sie bekommen von uns in der Regeln nicht mehr als Hilfe zur Selbsthilfe. Es ist Teil des bibliothekarischen Ethos, dass man den NutzerInnen hilft, das Selbermachen zu lernen – und das keineswegs nur deswegen, weil Bibliotheken nicht genug Personal haben, um allen Studierenden eine Literaturliste zu erstellen. Der Grund liegt tiefer und ist vielleicht oft nur so halb-bewusst: Meiner Meinung nach ist es so etwas wie der (diplom?-) bibliothekarische Respekt oder gar die Ehrfurcht vor der wissenschaftlichen Fragestellung und die  Entscheidung dafür, stets Neutralität zu bewahren und somit gar nicht anders zu können als zu sagen: „Entschuldigung, aber beurteilen, welche Literatur Sie jetzt lesen sollten, kann und will ich nicht, ich kann Ihnen nur sagen, wie Sie Literatur recherchieren und bestellen“.

Diese Haltung ist sehr ehrenwert. Aber ich würde dennoch und gerade mit Blick auf Dienste wie StartLiteratur entgegenhalten, dass sie nicht mehr zeitgemäß ist. Letztes Jahr habe ich hier vorgeschlagen, dass wir Erstsemestern Gutscheine anbieten sollten für fünf professionell recherchierte Artikel im Wert von 100,- Euro. Das widerspricht jeglicher Selbsthilfe-Policy und Berufsethik, manche sagen sogar, das führt unsere Informationskompetenz-Aktivitäten ad absurdum. Ich finde die Idee nach wie vor nicht komplett abwegig, weil wir damit sowohl den Wert unserer Ressourcen als auch unseres Recherche-Wissens sichtbar machen. Und Neugier erzeugen – sowohl auf die wohl offensichtlich wertvollen Ressourcen als auch das möglicherweise nützliche Wissen, um selbst daran zu kommen. Oder um Widerspruch zu wecken: Wer nach Erhalt von solchen gelieferten Artikeln oder Referenzen dann ins Nachdenken kommt, ob das jetzt wirklich relevante Literatur ist oder ob es nicht noch mehr geben kann, hat die erste Stufe der immer wieder hochgehaltenen Informationskompetenz-Pyramide schon erklommen, weil Problembewusstsein erzeugt wurde. Aus dem selben Grund argumentiere ich übrigens für elaborierte Relevanz-Ranking-Algorithmen in Katalogen, aber das nur am Rande. Als wissenschaftliches Rahmenwerk für ein entsprechendes Umdenken empfehle ich das Kapitel „The Mommy Model of Service“ in „Studying Students. The Undergraduate Research Project at the University of Rochester“ von Nancy Fried Foster.

Wie auch immer, Kollege Lambert Heller hat recht: Wir müssen reden  – darüber, wie man wissenschaftliches Arbeiten lernt und welche Beratungs- und Unterstützungsangebote sinnvoll sind. Was ist an Peer-to-Peer-Angeboten wie StartLiteratur gut (Note to Self: Ist ein kommerzielles Angebot noch Peer-to-Peer?). Was können und sollen Schreibberatungen, Informationskompetenz-Veranstaltungen oder Lange Nächte der aufgeschobenen Hausarbeit leisten?

Und sollte man das mit dem Gutschein für Volltexte (oder zumindest Referenzen) nicht doch mal versuchen?

Katalog-Visionen von 1964: Immer noch brandaktuell

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 14. Dezember 2011

Für ein Artikel-Projekt über die BenutzerInnen-Perspektive auf neue Kataloge habe ich mal wieder in der Fachbibliographie herumgewühlt und dabei einen Fund gemacht, der mich seit ein paar Tagen wirklich umtreibt. Es handelt sich um einen Artikel von Don R. Swanson, einem Physiker und Bibliothekswissenschaftler, der 1964 (!) in seinem Artikel „Dialogues with a Catalog“ beschreibt, wie er sich den elektronischen Katalog der Zukunft vorstellt und sogar ein paar Mockups von potenziellen Bildschirmen (die er charmanterweise als Konsolen bezeichnet) dazu liefert. Die sind weniger interessant – er ist halt Physiker und es war 1964 – aber die Funktionalitäten, die er sich ausgedacht hat: Wow! Ich darf mal auszugsweise auflisten:

  • Automatische Expansion von Suchbegriffen auf Basis von Thesauri
  • Natürlichsprachige Nachbildung von Auskunftsinterviews im Katalog
  • Definition des gewünschten Expertise-Levels der Ergebnisse (Einführung, Expertise)
  • Kataloganreicherung mit Inhaltsverzeichnissen
  • Browsing
  • Anbindung an einen Readerprinter für sofortige Volltextausgabe
  • Suchen auf Basis von Ähnlichkeiten oder vorher genutzten Titeln
  • Anzeige der Nutzungshäufigkeit von einzelnen Titeln

Mir ist wirklich und wahrhaftig der Mund offen gestehen geblieben bei der Erstlektüre, denn: Das liest sich im Grunde wie all das, was wir nach der vermeintlich so neuen Erforschung von Benutzerbedürfnissen, die wir gern mal als Alleinstellungsmerkmal der neuen Katalog-Generationen im Vergleich zum vorher Dagewesenen definieren, fast 50 Jahre nach Swansons Aufsatz auch herausgefunden haben.  Was zeigt uns das? Erstens wohl, dass es wirklich stimmt, wenn wir den Studierenden in unseren Informationskompetenz-Veranstaltungen erzählen, sie sollten doch den Forschungsstand zu ihrem Thema ordentlich recherchieren. Zweitens, dass es mit der Umsetzung von visionären Gedanken halt schon mal ein paar BibliothekarInnen-Generationen dauern kann: Swansons Aufsatz ist 1994 von einem Herrn Shiao-Feng Su daraufhin überprüft worden, ob der 1964 als visionär empfundene Charakter immer noch als visionär gelten könne, und Herr Su stellt fest:

It is remarkable that an article written thirty years ago should still offer a suitable framework within which to review virtually the totality of OPAC developments.

Stimmt! Und wir haben, mit den Ergebnissen der zahlreichen Usability-Studien und Fokusgruppen, die die Entstehung der aktuellen Generation von Katalogen, jetzt auch handfeste Argumente dafür, dass die von Swanson skizzierten Funktionen in der Tat einen Quantensprung für den Katalog ausmachen würden.  Immerhin gibt es aber 17 Jahre nach Herrn Sus Beschäftigung mit Swansons Visionen aber funktionierende Beispiele dafür, wie Umsetzungen dieser Ideen aussehen könnten. Die Erde Der Katalog bewegt sich also doch, wenn auch eben langsam.

Studie mit Gewicht zu neuen Katalogen, und ein paar Gedanken zu deren Akzeptanz

Posted in Kataloge et. al. by Anne Christensen on 11. November 2011

Auf der Verbundkonferenz des GBV im September war ich persönlich etwas enttäuscht von den Ergebnissen der Evaluation von EDS und TouchPoint durch NutzerInnen der UB Weimar: Gerade mal 56 Personen waren befragt worden, und das traurige Endergebnis eines Entscheidungsfindungsprozesses, auf den viele im Verbund mit Neugier geblickt hatten, ist: Es bleibt alles beim alten, die Investition in einen besseren Katalog wird verschoben.

Umso interessanter, nun im aktuellen ABI-Technik-Heft die Ergebnisse einer Studie aus dem HeBis-Verbund zu lesen: „Unser Katalog soll besser werden!“ heißt der Artikel von Heike Nienerza, Bettina Sunckel und Berthold Maier (ABI-Technik 31 (2011) 3, S. 130-149). Gewicht hat dieser Beitrag zur Portal-Diskussion allein schon deswegen, weil hier endlich mal eine kritische Masse an NutzerInnen befragt wurde, nämlich 23.757. Im HeBis-Verbund haben die zehn Bibliotheken neben dem herkömmlichen OPAC auch noch ein Portal im Angebot, das auf Sisis Elektra basiert – also technisch eine ähnliche (Metasuch-)Basis hat wie TouchPoint und damit etwas grundsätzlich anderes darstellt als Lösungen wie Summon, Primo, EDS und Co. mit einem vereinheitlichten Index, wie ich ja nicht müde werde zu betonen.

Die Ergebnisse der Studie kamen mir in weiten Teilen ziemlich vertraut vor – bei den beluga-Forschungen gab es sehr ähnliche Ergebnisse:  Kataloganreicherung durch Inhaltsverzeichnisse ist ein hoch-relevantes Feature, Anbindung an soziale Netzwerke und auch Literaturverwaltungsprogramme spielt eher eine untergeordnete Rolle, viel mehr Arbeit sollte in die Unterstützung der BenutzerInnen bei der Formulierung von Suchanfragen fließen (automatisches Vervollständigen, Rechtschreibprüfung), in bessere Rankings (Hallo, Lieblingsthema!) und in das Aufzeigen von Wegen vom Nachweis zum Text. Schönes Zitat aus dem Aufsatz: „Nichts ist den Katalognutzern wichtiger als Medienverfügbarkeit“. Oliver Goldschmidt hat gerade dieser Tage auf Plan3t.info eine gute Zusammenfassung vom diesbezüglichen Leistungsumfang der gängigen Portal- und Discovery-Lösungen geliefert.

Ein Aspekt aus der HeBis-Studie scheint mir besonders erwähnenswert: Die befragten NutzerInnen waren im der Mehrheit besser mit dem herkömmlichen Katalog vertraut als mit dem neuen Portal, wobei es offenbar signifikante Unterschiede zwischen Studierenden der Semester 1-8 und fortgeschrittenen Studierenden bzw. WissenschaftlerInnen gab – letztere hatten weitaus häufiger das Portal weitaus häufiger benutzt. Das finde ich interessant, weil ich eigentlich der Meinung bin, dass sich ein Portal oder eine Discovery-Lösung immer in erster Linie an die Bachelor-Studierenden richten sollte. Die haben wenig Zeit fürs Suchen lernen und Bestellen, brauchen schnell wichtige Einführungen und zentrale Texte in elektronischer Form. Wer länger an einem Thema forscht, ist vielleicht mit den nativen Oberflächen von MLA, Psyndex und Co. besser bedient, weil es dort spezifischere Suchmöglichkeiten gibt als in den Portalen, und man kann vielleicht auch eher in Kauf nehmen, mal 2-3 Wochen auf eine Fernleihbestellung zu warten.

Eine Untersuchung, die mich interessieren würde, ist die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Akzeptanz der Portale durch NutzerInnen und der internen Akzeptanz gibt. Ich habe den Eindruck, dass die Portale oder Discovery-Lösungen in den Bibliotheken selbst jeweils nicht besonders beliebt sind.  Das liegt sicherlich zu einem Großteil daran, dass wir die herkömmlichen Kataloge mit allen Finessen zu benutzen wissen, wohingegen uns die neuen Lösungen oftmals Rätselfalten auf die Stirn zaubern („Wieso habe ich hier jetzt nur X und dort Y Treffer? Wie ist das eigentlich sortiert…“).  Aber ich glaube auch, dass viele von uns das Thema ziemlich stresst: Wir haben kapiert, dass der alte Katalog besser werden muss, aber vor den neuen Lösungen sitzen wir manchmal ein wenig wie das Kaninchen vor der Schlange. Ich würde gerne wissen, wie viele Bibliotheken mit einer „neuen“ Kataloglösung eine Regelung haben, dass diese neue Lösung standardmäßig in Auskunftsgesprächen genutzt werden sollte.  Ich habe hier viel Zögerlichkeit erlebt, was vielleicht beweist, dass der herkömmliche Katalog eher ein Instrument von BibliothekarInnen für BibliothekarInnen ist und die neuen Kataloge eben mit jenem Paradigma aufräumen wollen. Neue Kataloge sind für Laien gedacht – wie gesagt denke ich persönlich sogar: für Total-Laien, denn ich sehe in den jüngeren Studierenden die Hauptzielgruppe. Bei der Bewertung der Funktionen sollte das eine Rolle spielen – wenn es irgendwie geht, sollte man sich also die Laien-Brille aufsetzen und dann mal schauen, ob sich das Herz für eine der neuen Lösungen erwärmen kann. Denn wirklich gut verkaufen werden wir die auch nur dann können, wenn wir selber ein wenig Leidenschaft dafür entwickeln.

Immer da wo du bist bin ich nie: Erstis und Informationskompetenz

Posted in Informationskompetenz by Anne Christensen on 31. Oktober 2011

Drilldown in Business Source PremierWie so oft habe ich mich heute mal wieder von Meredith Farkas verstanden gefühlt, und zwar bei der Lektüre ihres Artikels „I need three peer reviewed articles“. Heute in der Info-Schicht war da auch wieder eine von den Erstsemestern, die „Artikel aus Fachzeitschriften, aber nicht The Economist“ für eine 4-6-seitige Hausarbeit über staatliche Maßnahmen in den USA zur Eindämmung der Finanzkrise suchte. Wir haben uns dann nett unterhalten – darüber, was wohl die Unterschiede sind zwischen einer Fachzeitschrift und „The Economist“, ob man jetzt besser die aktuellen Hefte unserer Wirtschafts-Zeitschriften durchblättert oder in Business Source Premier sucht und ob sich der Besuch der Schreibwerkstatt für sie lohnt, die wir in der Bibliothek für die Vorbereitung auf die erste Hausarbeit anbieten.

Es freut mich immer sehr, wenn ich Zeit für solche Beratungen habe – die bilden im Grunde nämlich das perfekte Drehbuch für die Erstsemester-Einführungen, die uns gerade auf Trab halten. Meine These dazu: Wir holen die Erstis in diesen Veranstaltungen nicht immer da ab, wo sie sind. Lebenspraktische Infos wie die zu Öffnungszeiten, Ausweis und Ausleihe sind unstrittig. Aber warum überhaupt Bibliothek? Was zeichnet die Ressourcen aus, die wir haben? Wie wird wissenschaftliche Literatur eigentlich publiziert? Wie kann ich beurteilen, ob etwas für eine Arbeit relevant ist? Wir experimentieren in diesem Semester zum Beispiel in unseren Erstsemester-Einführungen mit einer Folie, auf der wir einen Artikel aus dem „Spektrum der Wissenschaft“ und einen aus einem Peer-Reviewed Journal gegenüberstellen und erstmal ganz formale Unterschiede aufzeigen – Fußnoten, Unterschiede in der Gliederung, Angaben zur Authorität der VerfasserInnen etc. Das scheint ganz gut anzukommen, jedenfalls ist die Aufmerksamkeit meinem Eindruck nach bei diesem Teil der Veranstaltung weitaus größer als dann, wenn wir erklären, wie man sich vor einer Datenbank-Recherche ein Begriffsdiagramm anlegt oder Literaturangaben nach Citavi übernimmt. Auch das gemeinsame Nachdenken darüber, warum eine Treffermenge im Bibliothekskatalog eigentlich nach Aktualität geordnet ist und damit ganz anders als bei Google, funktioniert gut ( weitere Inspirationen für Google-Bibliothek-Vergleiche finden sich in Thomas Hapkes Vortrag „Die Nadel im Heuhaufen und die TU-Bibliothek“).

Einen Satz, den ich schon lange in Bibliotheksführungen sage, ist: „Bibliotheken sind nicht selbsterklärend – bitte fragen Sie, wenn Sie etwas nicht finden“. Ganz besonders bei Erstsemestern ist es wichtig, die vielen Dinge, die für uns sonnenklar sind, ganz deutlich zu machen – warum wir im Magazin nach Erwerbungsdatum und nicht nach Themen aufstellen oder dass man durch die erste Schranke gehen kann, ohne einen Alarm auszulösen, weil die Ausleihe erst dahinter kommt. Aber auch die Wissenschaft und das wissenschaftliche Arbeiten sind nicht selbsterklärend. Man kann nicht Zitate aus Fachzeitschriften fordern und nicht erläutern, was diese qualitativ auszeichnet. Zugegeben: Ich habe das auch nicht erklärt bekommen, aber ich habe auch studiert, als man absonderliche Fragestellungen noch nicht mit auf den ersten Blick zufriedenstellenden Ergebnissen in Browser-Suchschlitze eintippen konnte, sprich: als Bibliotheken noch das Monopol darauf hatten, wissenschaftliche Informationen zu speichern und nutzbar zu machen.

Und eben weil wir dieses Monopol nicht mehr haben und so vieles – scheinbar oder tatsächlich – Wertvolles sich einfach ergooglen statt mühsam bibliografieren und fernleihbestellen lässt, ist es so wichtig, das Wissen, was wir implizit in unseren Köpfen haben, explizit zu machen. Ich erinnere hier gerne an ein Beispiel-Katalogisat, das ich in beluga-Vorträgen gern verwendet habe, um zu verdeutlichen, wie vollkommen daneben unsere Titelaufnahmen sind: Diesen Titel wollte doch ernstlich jemand für ein Referat über Vulkanismus im 5.Semester bestellen. Die bloße Einblendung von Titelbildern hätte bei der Relevanzbeurteilung geholfen, aber es gibt doch noch so viel mehr Wissen in unseren Köpfen, das wir selbstverständlich nutzen, wenn wir jemandem beim Auffinden von potenziell geeignter Literatur finden: Wissen über Verlage, den Rückschluss, dass eine Zeitschrift so abseitig nicht sein kann, wenn sie von fast jeder WB in Deutschland gehalten wird und so weiter.  Ich glaube, dass Informationssuchende durchaus von unserer „Denke“ profitieren könnten – natürlich haben die Damen und Herren Lehrenden das letzte Wort dabei zu entscheiden, ob jemand jetzt in seiner Hausarbeit den Forschungsstand angemessen referiert hat – aber unsere bibliothekarischen Hausmittelchen bei der Relevanzbeurteilung sind sicherlich für viele Belange schon ganz brauchbar. Wir sollten bloß aufhören damit, Erstsemestern Oberflächen von irgendwelchen Katalogen und Datenbanken zu erklären, sondern gleich an Fragen wie „Was heißt eigentlich Peer Review?“ oder „Wie lese ich bibliografische Angaben und entscheide auf der Grundlage, ob das was für meine Hausarbeit ist“ heran.

Garderobenpflicht: Haltung zeigen

Posted in Benutzung by Anne Christensen on 9. August 2011

Wie schon andernorts gesagt:  Das Thema Garderobenpflicht hat mich im Moment in seinem Bann. Ist doch langweilig? Weit gefehlt, es ist eine erstklassige Chance, seine bibliothekarische Haltung zu reflektieren und zu definieren. Los geht’s: (more…)

Standortbestimmung: Mein Traum von Bibliothek

Posted in Auskunft, In eigener Sache, Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 4. Juli 2011

Neben den üblichen Gründen, die einen zum Halten von Vorträgen bewegen, bietet sich mit solchen Auftritten immer auch die Gelegenheit zu einer eigenen Standortbestimmung.  Als solche habe ich die Einladung in die Reihe  „Mein Traum von Bibliothek“ der UB Leipzig (lesenswerter Artikel dazu von Charlotte Bauer und Ulrich Johannes Schneider) begriffen, als sie vor einigen Monaten auf meinem Schreibtisch landete. Natürlich treiben einen auch zwiespältige Motive wie Sendungsbewusstsein und Reputationssteigerung zum Vortragen, aber bei dieser Einladung sprach ich zu mir: Na, mal sehen, was du dann so zu sagen hast nach den sechs Monaten im neuen Job.

Nun ist der Vortrag fertig, und was ich mir in meinen kühnen Phantasien vorgestellt habe wie eine Art neues Album nach gefühlten 100 Konzerten zum Thema Katalog 2.0 hört sich ein wenig an wie die alte Leier, um es mal in strenger Plattenkritiker-Manier zu sagen. Aber andererseits liegt mir das Thema „Discovery“ (oder Suchen und Finden, wie ich es lieber nenne) zu sehr am Herzen, um nicht doch noch mal ein paar Takte dazu zu sagen.

Aber – TouchPoint hin oder her – die neuen Kataloge sind nur noch eines von ganz vielen Themen auf meinem Schreibtisch und in meinem Kopf. Viele davon sind sehr basal: Über die Ausgabe von Notebook-Schlössern habe ich schon an anderer Stelle gesprochen – aber als Benutzungsleiterin bin ich darüber hinaus auch damit beschäftigt, mir eine Haltung zu Gnadengesuchen bei horrenden Mahngebühren zuzulegen oder pfiffige Lösungen zur Vermeidung von dauerbelegten Schließfächern zu finden. Viele von meinen Aufgaben haben damit zu tun, für die Einhaltung von Regeln zu sorgen. Wenn man dabei nicht engstirnig sein will, sondern darum bemüht, Besuch und Benutzung von Bibliotheken einfach und vielleicht sogar sympathisch zu machen, hat man viel zu Überlegen: Unterschiedliche Interessen wollen abgewogen sein und man kann auch schlecht die Entscheidung darüber, ob man ein Buch aus der Teilbibliothek am Sonnabend doch ausnahmsweise und entgegen der üblichen Verfahrensweise verlängert, zu einer persönlichen Ermessenssache der einzelnen Mitglieder des Ausleihteams erklären (die dann nämlich überlegen müssen: Haben sie Zeit für den Thekenwechsel im System? Fühlen sie sich sicher dabei, dass hinzukriegen? Und sind sie dann fair gegenüber den anderen im Team, die am nächsten Sonntag dann vielleicht vorgehalten bekommen, dass der andere Kollege das letztens aber gemacht hat).

Wie auch immer:  Neben der Regelüberwachung habe ich natürlich auch anderes zu tun, und viel davon hängt mit dem Thema Beratung zusammen – worunter ich jetzt Auskunft, Informationskompetenz-Vermittlung  auch ein bisschen die Katalogentwicklung zusammenfasse. Auf dem diesjährigen BibliothekarInnen-Tag hat Prof. Ingeborg Simon aus Stuttgart ein paar Zahlen präsentiert, die zeigen, dass man die Auskunftstheke entweder abbauen mit studentischen Hilfskräften besetzen oder aber vernünftig vermarkten sollte. Seither zähle ich mal wieder Zahl und Art der Auskunftsfragen, freue mich an der exzellenten Nutzung von Services wie Notebook-Schlössern und Gruppenarbeitsräumen und suche ansonsten emsig in jeder Interaktion den „Teachable Moment“, bei dem ich der geneigten Kundschaft vielleicht noch ein wenig Wissen über reflektierte Informationssuche mitgeben kann. Und ich merke, wie wichtig das Persönliche ist: Viele Studierende der Leuphana kenne ich schon, nicht immer namentlich, aber durch die Beratung in der Bibliothek – und ich merke, wie viel Potenzial darin liegt, eine Bindung aufzubauen.  Und das macht mich ein ums andere Mal wieder froh darüber, an einer überschaubaren Universität zu arbeiten, wo persönlicher und individueller Service machbar ist.

Und schließlich beschäftigen mich auch Fragen der Organisations- und Personalentwicklung: Welche Konsequenzen hat die Einführung von RFID oder die der Besetzung der Theke mit einem Wachdienst? Welches Forum gibt es für Ideen aus meinem Team zur Verbesserung von Service- und Arbeitsqualität? Wie können wir die Beratungsangebote von Rechenzentrum und Bibliothek mit einander vernetzen? Und vor allem: Wie balanciere ich mein Bedürfnis danach, Ideen und Pläne offen, früh und deswegen auch gerne mal unreif zu kommunzieren, und die Notwendigkeit, mich und die anderen Kollegen im Führungsteam damit nicht unter Druck zu setzen? Auf diesen Teil meines immer noch neuen Jobs habe ich mich am meisten gefreut, und in diesem Bereich lerne ich am meisten dazu.

Dazu gelernt habe ich auch bei der Vorbereitung der Präsentation für Leipzig. So lange schon wollte ich Prezi ausprobieren – langweilt euch nicht PowerPoint auch endlos? – und die vielen Zugfahrten haben mir endlich Gelegenheit dazu gegeben. Mein „Traum von Bibliothek“ manifestiert sich also in einer neuen (für mich) neuen Darreichungsform und kommt etwas seifenblasig daher- aber das ist vielleicht gar nicht unpassend. Außerdem hatte ich Spaß beim Basteln und habe wieder mal gemerkt, wie toll es ist, sich die Zeit und die Traute für was Neues zu nehmen.

500 Euro für alle statt Bibliothek?

Posted in Berufsbild by Anne Christensen on 23. Mai 2011

Man mag es kaum glauben, aber eigentlich fing meine bibliothekarische Sinnkrise von heute ganz lustig an, denn zunächst konnte ich mich über die im fachlich durchmischten Kollegenkreis entwickelte Idee gut amüsieren: Was, wenn wir die Gelder für den Betrieb unserer Unibibliothek einfach direkt an die Studierenden auszahlen würden? Kurz mal kopfgerechnet und eine Zahl aus dem Hüfte geschossen: 500 Euro könnten wir pro Semester und Kopf auszahlen, wenn wir den Laden einfach dicht machen – und uns selbst feuern, natürlich.

Die Idee sitzt jetzt zum Teufelchen mutiert auf meiner Schulter und quakt mir ins Ohr: Sinnlos ist das bibliothekarische Tun! Google Books macht sowieso alles besser, an der Auskunft leihen wir doch nur Notebookschlösser aus,  Sacherschließung macht die Wikipedia, Bücher verbuchen und transportieren Roboter und für die Einführung in die Recherche gibt’s locker-flockige Filme bei YouTube, die wir in der Qualität sowieso nicht produzieren können. So eine Teufelsstimme macht sich gar nicht gut im als Hintergrund-Geräusch für Gespräche mit Hochschulleitungs-Menschen, die Ideen entwickeln wie: „Wenn wir die Info ganztägig mit dem Wachdienst besetzen, werden doch da Kapazitäten frei.“

In den kommenden Monaten bin ich zu zwei Vorträgen eingeladen, bei denen von mir erwartet zu werden scheint, dass ich Inspiration und Zuversicht verbreiten soll, was die Zukunft unseres Berufes angeht. Das Teufelchen wird wohl mitreisen, nehme ich an:  Edlef Stabenau hat kürzlich auf netbib eine Übersicht über verschwundene Arbeiten in Bibliotheken erstellt, die es (je nach aktueller psychischer Verfasstheit) durchaus vermag, das Feuer in der Sinnkrisen-Hölle noch weiter anzuheizen.

Löschversuch: Was würde passieren, wenn wir die Verteilung der 500 Euro umsetzen würden, jetzt mal abgesehen von der Frage, wie der Lernort Bibliothek (the Starbucks with the books) dann ersetzt würde? Die Leute würden Bücher kaufen, aber vermutlich auch schnell wieder verkaufen. Sie würden Freunde fragen, ob sie ein Buch haben und es ausleihen, Lerngruppen hätten vielleicht einen gemeinsamen Literaturbestand und die Cleveren und Ehrgeizigen würden sich vielleicht zusammenschließen, um elektronischen Content zu kaufen, nachdem sie sich vorher gegenseitig beraten und Erfahrungen ausgetauscht haben. Im Kern machen sie also Aus- und Fernleihe, Erwerbung inkl. Budgetüberwachung und systematischem Bestandsaufbau, Schulung und Beratung. Und sie würden sich nach zwei-drei Semestern wahrscheinlich wirklich freuen, wenn ihnen diesen ganzen Heckmeck jemand wieder abnimmt. Anders gesagt: Wir machen schon einen guten Service.

Von der Vorstellung eines selbstorganisierten studentischen Literaturbeschaffungs-Betriebes, ob nun individuell oder in Kleingruppen, kann man aber vielleicht noch etwas abgucken:  Was hat ein solcher Literaturbeschaffungs-Betrieb, was wir Bibliotheken nicht haben? Eine Art Mikrokosmos als Bezugssystem – also eine klare Ausrichtung auf aktuelle Bedarfe und Themen von Einzelnen und kleinen Gruppen. An unseren Hochschulen dürften Tausende solcher Mikrokosmen existieren: Lern- und Referatsgruppen, Institute und Forschungsprojekte. Unsere bibliothekarische Arbeit zwingt uns zur Orientierung am großen Ganzen: Wir streben nach Synergieeffekten durch kooperative Katalogisierung, nach Einsparungen durch Allianzen, Approval Plans und überregionale Aktivitäten. Ein gewichtiger Grund für eine lokale Bibliothek als physischen Ort sollte aber der individuelle Service sein, mit dem sie berücksichtigt, wie die einzelnen Mikrokosmen arbeiten. Mit welchen Themen beschäftigen sie sich, welche Art und Ausstattung von Arbeitsplätzen benötigen sie, welche Informationen brauchen sie, mit welchen Diensten können wir sie unterstützen. Klingt aufwändig und ist es vermutlich auch – anspruchsvoll zudem, denn der so zu bedienende Mikrokosmos muss erst einmal aufgespürt, kennen gelernt und befreundet werden. Der Kollege, der Teil der eingangs erwähnten Mittagessensgruppe war, wusste weder von der Existenz des Neuerwerbungsformulars noch der der Bibliotheksbeauftragten seiner Fakultät – und dahinter steckt kein Versäumnis von seiner Seite!

Aber dass sich die Hinwendung zu den Mikrokosmen lohnen kann, beweist zum Beispiel der von jeher florierende Service der Semesterapparate in Bibliotheken. Womit wir bei einer Lieblingsidee von mir wären, nämlich der dauerhaften Bereitstellung von Literaturlisten aus Veranstaltungen unserer Hochschulen. Eine meiner Kolleginnen hat eine ganze Regalwand von Ordnern mit Listen aus den vergangenen 10 Semestern im Zimmer, und mit diesem doch recht exklusiven Wissen über empfehlenswerte Literatur zu einem breiten Spektrum an aktuellen wissenschaftlichen Themen sollte sich doch etwas anfangen lassen…

Bessere Tools statt IK-Veranstaltungen?

Posted in Informationskompetenz, Kataloge et. al. by Anne Christensen on 20. April 2011

Bei uns in Lüneburg gehört das Thema Katalog-Entwicklung in das Aufgabengebiet Informationskompetenz. Die Einrichtung unseres neuen KatalogPlus, der hiesigen TouchPoint-Installation, hat maßgeblich eine Kollegin betreut, die ansonsten auch die ganze Bandbreite unserer IK-Veranstaltungen von Erstsemester-Einführung bis Citavi-Workshop bespielt. Das ist gut so, denn wer die Punkte kennt, an denen BenutzerInnen bei der Arbeit mit unseren Tools scheitern, kann wertvolle Beiträge dazu leisten, eben jene Tools zu verbessern.

Beim weiteren Nachdenken über die neulich hier als ätzend bezeichneten Aspekte des Themas Informationskompetenz ist mir ein Artikel eingefallen, den ich vor gefühlten 100 13 Jahren in meiner Diplomarbeit zitiert habe:  Send For a Child of Four! or Creating the BI-Less Academic Library von Michael Gorman aus dem Jahr 1991.  Gorman stellt hier die These auf, dass man auf das gesamte Thema Informationskompetenz (damals „Bibliographic Instruction“, kurz BI) verzichten  und stattdessen alle Energie darein stecken sollte, Bibliotheken und ihre Informationsdienste stärker an den Bedürfnissen ihrer BenutzerInnen auszurichten. Konkret: Klarer strukturierte Bibliotheksräume schaffen, sinnvoll und verständlich beschildern, aber  vor allem ein einziges Recherchetool anbieten, mit dem man Bibliothekskatalog und andere relevante bibliografische und Volltextdatenbanken durchsuchen kann und mit dialogbasierten Hilfesystemen dabei unterstützt wird,  die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu finden. Gorman optimistisch zu der Machbarbeit solcher Tools:

There are strategic and financial difficulties to overcome, but it is entirely probable that integrated access to all of these (systems) will be widely available during the 1990s.

Hier irrte Gorman, würde ich sagen – gebe allerdings zu, dass ich mich in meiner Diplomarbeit 1998 durchaus von seinem Optimismus habe anstecken lassen. Damals hat man bei einem Recherchetool wie von Gorman skizziert sicher an eine Art förderierte Suche gedacht, bei der die Anfrage parallel an verschiedene Kataloge und Datenbanken geschickt wird und die Ergebnisse in aggregierter und dublettenbereinigter Form zurückkommen.  Ein solches Tool ist das bei uns eingesetzte TouchPoint, allerdings werden die Ergebnisse nicht aggregiert und dublettenbereinigt. Moderne Antworten sind die Discovery-Lösungen, bei denen Metadaten und Volltexte unterschiedlichster Herkunft auf ein einheitliches Format gebracht und in einem zentralen Index zusammengeführt und durchsuchbar gemacht werden. Der zentrale Index sowie die eingesetzte Suchmaschinentechnologie haben dabei den Vorteil, dass man verschiedene Möglichkeiten anbieten kann, die Treffermenge nachträglich nach unterschiedlichen Kriterien einzugrenzen oder auch differenzierte Methoden anwenden kann, die Treffermenge nach unterschiedlichen Relevanz-Kriterien zu durchsuchen.  Solche Lösungen kann man kaufen – zum Beispiel Primo, Summon oder EDS – oder selbst (weiter-) entwickeln, wie beispielsweise die Bremer E-LIB oder die Harburger vuFind-Installation beweisen.

Fakt ist aber: Wenn man eine Discovery-Lösung gut machen will, also an die lokalen Bedürfnisse anpassen, für eine nahtlose Verbindung zu den Verfügbarkeitsinformationen sorgen etc., dann ist das ein ganzer Haufen Arbeit. Für mich ist das Potenzial von solchen Lösungen aber unbestreitbar: Wir können unseren BenutzerInnen damit das Leben leichter machen, weil wir ihnen Zeit und komplexe kognitive Prozesse bei der Evaluierung von Literatur und der Ermittlung ihrer Verfügbarkeit ersparen. Wir können mit den Lösungen gezielt auf die Bedürfnisse unserer Kundschaft vor Ort eingehen, wie zum Beispiel das Project Leftie von Ken Varnum, das auf Basis von Summon in etwa Gormans Traum von 1991 erfüllen dürfte, u.a. weil damit Suchergebnisse an das Expertise-Level der Anfragenden angepasst werden.

Dass bessere Tools jedoch die alleinige Antwort auf die Informations-Inkompetenz dieser Zeit sind, glaube ich nicht wirklich.  Bekanntermaßen bin ich skeptisch, was gewisse Formate und Inhalte bibliothekarischer Informations-Kompetenz-Veranstaltungen angeht. Aber Gormans provokanter These, dass bessere Rechercheinstrumente die IK-Aktivitäten überflüssig machen, würde ich nicht mehr ohne weiteres zustimmen.

Interessant in diesem Zusammenhang: Gorman ist ein sehr umstrittener Bibliothekar, u.a. wegen seiner Thesen zur Sinnlosigkeit von Digitalisierung und bibliothekarischen Weblogs (siehe Wikipedia-Artikel zu seiner Person). Ein Kollege von ihm, Jeff Trzeciak,  wird derzeit in den US-amerikanischen Blogs mit einer ähnlichen Intensität angefeindet wie einst Gorman, und zwar weil Trzeciak die IK-Veranstaltungen zugunsten von E-Learning abgeschafft hat (ebenso wie übrigens die Auskunftstheken) und an Stelle von BibliothekarInnen in Zukunft Software-EntwicklerInnen und PostDocs als FachreferentInnen einstellen will. Klar: Viele Aufgaben bei der Evaluation von Discovery-Lösungen und deren Pflege und Implementierung sind sehr technisch und erfordern entsprechend vorgebildetes Personal. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass bessere Tools bibliothekarisches Wissen brauchen. Ein paar Beispiele für Fragen, die bei der Entwicklung und Implementierung von Discovery-Tools auftauchen und die in einem ersten Schritt von BibliothekarInnen beantwortet werden müssen, bevor es an die technische Umsetzung geht:

  • Auf Basis von welchen inhaltserschließenden Daten bildet man sinnvolle Facetten?
  • Welche Kriterien legen wir im Auskunftsdienst an,  um aus einer Treffermenge von 100o Titeln die von der Nutzerin gewünschte Einführung zu selektieren?
  • Wie könnte man die Suche nach Zeitschriftentiteln verbessern?
  • Welche besonderen Informationsbedürfnisse haben Musik-Studierende und wie könnte ein neuer Katalog ihnen bei der Suche nach den von ihnen gewünschten Materialien helfen?
  • Wie machen wir die Literaturlisten aus dem Seminarapparaten der letzten 10 Jahre zugänglich?

Natürlich brauchen immer mehr BibliothekarInnen immer mehr IT-bezogene Kompetenzen. Ob die Idee eines entsprechenden Zusatz-Zertifikates, die ich in dem Post zu den IT-bibliothekarischen Kernkompetenzen mal angedeutet habe,  wirklich umsetzbar ist, habe ich noch nicht weiter überlegt. Auf jeden Fall brauchen die Tools aber bibliothekarisches Wissen und bibliothekarische Erfahrung – und zwar unter anderem aus den Situationen, in denen man Erstsemestern, PromovendInnen oder neuen studentischen Hilfskräften erklärt hat, wie man Literatur findet, evaluiert, beschafft und publiziert.